Es ist nie zu spĂ€t…

18. Januar, 201208:34 von


Auf der Suche nach einer Klavierschule fĂŒr Erwachsene stiess ich auf Pamela Wedgwoods „Es ist nie zu spĂ€t, Klavier zu lernen“. Nicht nur, dass meine SchĂŒler und ich die „Jazzin‘ about“ – Reihe von ihr schĂ€tzen und lieben – ich war begeistert von diesem lustigen und positiven Titel. Erwachsene sind ja oft etwas Ă€ngstlich oder voller Zweifel, ob sie’s wirklich anpacken sollen, und da verbreitet so eine Überschrift gleich die nötige positive Grundeinstellung. Jetzt geht diese Klavierschule in die erste Testphase hier bei mir – ich muss sagen, die erste Stunde mit der Begleit-CD war schon mal richtig nett und motivierend. Der Knackpunkt einer Klavierschule ist fĂŒr mich immer, wie man den Übergang von der Schule ins richtige Leben, sprich: zu Originalliteratur, schafft.  Wie gut gerĂŒstet man technisch ist, wie gut die UnabhĂ€ngigkeit der HĂ€nde vorbereitet wurde, wie gross der Tonumfang ist, den man kennengelernt hat, ohne dass ich zu viele Extrainformationen oder spezielle ÜbungsstĂŒcke beisteuern muss… Ich bin auf jeden Fall gespannt darauf, fĂŒr meine Erwachsenen, die ich bisher immer mit Kinderschulen traktiert habe,  ein Heft ohne TeddybĂ€ren und MĂ€use kennenzulernen!

(Von den Schulen fĂŒr Erwachsene, die  zur Zeit auf dem Markt sind, ĂŒberzeugt mich keine hundertprozentig, im Gegenteil: nachdem ich sie mit mehreren SchĂŒlern ausprobiert habe, verlasse ich mich auf die Kinderschulen).

Auf der Fahrt nach Erding habe ich immer Zeit, meine Gedanken wandern zu lassen. Der geniale Titel ging mir nicht aus dem Kopf. Je mehr ich drĂŒber nachdachte, desto allgemeiner und philosophischer wurde er. Im Grunde genommen entlarvt er eine grosse, bequeme Ausrede fĂŒr viele Dinge im Leben. Ab einem gewissen Alter ist es einfacher, zu behaupten, fĂŒr manche Dinge wĂ€re es zu spĂ€t. Dabei wollen wir uns nur nicht zu sehr anstrengen! Zwei Dinge, bei denen ich mir bequemerweise vormache, es wĂ€re zu spĂ€t: anstĂ€ndig italienisch zu lernen, und sich endlich mit dem Zehnfingersystem zum Schreiben vertraut zu machen.

Doch es ist nie zu spÀt, um

– weniger Schokolade zu essen

– einen lieben Brief zu beantworten

– endlich eine lange geplante Einladung auszusprechen

– den Schrank mit Zeug im Keller auszumisten

– eine bewunderte Geigerin ganz schĂŒchtern zu fragen, ob sie mal mit mir spielen will, und erstaunt festzustellen, dass sie das seit Jahren auch will

– völlig unbekannte Literatur dafĂŒr auszusuchen und festzustellen, dass Clara Schumanns Romanzen op.22 wahre Juwelen sind

– ĂŒber seinen Schatten zu springen

– ……………………….und?