Jugend-musiziert-Wetter

2. Februar, 201208:54 von


Zu unseren Sommerkonzerten im Juli hatten wir von kĂŒhlen Regenschauern bis subtopischer Hitze schon jedes mögliche Wetter. Zur Jugend-musiziert-Zeit Ende Januar hingegen ist es zuverlĂ€ssig sehr kalt. Es hat meistens Schnee und, wie jetzt, tagelangen Dauerfrost. Die Strassen sind trocken und weiss vom Salz. Trotzdem will ich bei den vielen Gelegenheiten, bei denen ich jetzt im Auto sitze, nicht brettern: mittags sitzen manchmal Raubvögel auf der Strasse, die sich – aus SchwĂ€che oder KĂ€lte? – nur langsam erheben, und nachts fangen meine Scheinwerfer oft wunderschöne FĂŒchse auf Futtersuche ein.

In den letzten acht Tagen hatten wir drei Extra-Konzerte fĂŒr Jugend musiziert, damit die teilnehmenden SchĂŒler am Samstag dann ganz gelassen sein können. Der Vorspielabend, den ich vorgestern im Gymnasium organisiert habe, war besonders schön. Nach dem Motto „Klasse statt Masse“ spielten nur sechs meiner SchĂŒler, aber dafĂŒr richtig lang und richtig gut. FĂŒr mich sind solche Abende bei aller Anstrengung, die damit verbunden ist, der reinste Genuss. Es tut gut, dann einen Schritt zurĂŒckzutreten, nur Zuhörer zu sein und die SchĂŒler aus einer anderen Perspektive zu sehen. (Fast hĂ€tte ich wieder „Kinder“ geschrieben, aber als mir eine SechzehnjĂ€hrige beim Konzert letzten Samstag zum ersten Mal im Abendkleid und mit schicken Schuhen entgegenkam, musste ich erkennen, dass sie nicht mehr nur auf dem Weg zum Erwachsensein ist, sondern fast angekommen.) Der Abend war so rundum schön, dass ich mir wieder dachte, was fĂŒr ein Privileg es ist, solche Kinder zu kennen und mit ihnen Musik machen zu dĂŒrfen. Und wie schön es ist, dass es junge Menschen gibt, die sich ernsthaft und auf hohem Niveau mit einer Sache beschĂ€ftigen. Egal, was es ist – ich finde es immer schön, wenn jemand mit Herzblut dabei ist, egal, ob der Brezeln verkauft oder eine Chopin-EtĂŒde spielt.

Die Rose habe ich von einer KlavierschĂŒlerin bekommen, die unabhĂ€ngig vom Wettbewerb das Mendelssohn-Violinkonzert vorspielen wollte. Ich gab ihr Gelegenheit dazu und ĂŒbernahm den Orchesterpart – dafĂŒr stand sie dann mit der Rose vor mir. Diese Geste und ihre lieben Worte freuen mich mehr als jedes dicke Honorar! Und so ein schönes Konzert zu spielen ist fĂŒr mich auch ein willkommener Ausflug aus dem Alltag. Danach hatte ich das GefĂŒhl, ich war ganz weit weg gewesen – in einem Traum oder auf einer Reise…

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Jugend-musiziert-Wetter bedeutet auch, dass uns tĂ€glich viele Vögel draussen am Futterplatz besuchen. Zu BĂ€rlis Freude. FĂŒr ihn ist das wie Fernsehen. Die einzelnen GĂ€ste werden auch ausgiebig kommentiert, aber nicht gejagt oder gegessen. Besonders mögen wir beide das herzige Rotkehlchen, und BĂ€rli natĂŒrlich die diversen Meisen, weil sie so nett an ihren Knödelchen balancieren. Gestern froren wir aber beide vor Schreck ein, ich am FrĂŒhstĂŒckstisch, er am Boden vor der TĂŒr, als wir uns zum ersten Mal Aug in Auge mit dem Kernbeißer sahen. Ich hatte schon immer Angst vor dem Kernbeißer. Als Kind sah ich ihn regelmĂ€ssig am FutterhĂ€uschen bei Oma und Opa und fand seinen Schnabel einfach gruselig. Und dann sein lateinischer Name im Vogelbuch – Coccothraustes coccothraustes, brrrr! Ich hoffe, dass diese Begegnung die erste und die letzte hier bleibt!

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Doch noch zu einem erfreulicheren Januarereignis: die beste Zeit fĂŒr richtig reife und aromatische Orangen nutze ich aus, um Marmelade zu machen. Da die FrĂŒchte erst mal lang als ganzes gekocht werden, ist das Haus den ganzen Tag mit köstlichen GerĂŒchen erfĂŒllt. Und vom vielen Schalenschneiden verströmen die Finger noch bei der abendlichen BettlektĂŒre einen zarten Orangenduft. Es gibt kaum was Schöneres an einem sonnigen, frostigen Tag, als die SĂŒsse der FrĂŒchte auf diese Weise einzufangen. Und mit 26 GlĂ€sern sind die Mitbringesl der nĂ€chsten Wochen gesichert!