Vom Inn an den Tiber: Einsam oder gemeinsam?

Gestern hat der Wind ein gelbes Blatt genau auf mein Fensterbrett geweht, während ich mit einer Tasse Earl Grey am Fenster stand und den herrlich grauen Himmel angeschaut habe. Das Blatt war der perfekte Herbstgruss und fast zu schön, um echt zu sein. Es wird Zeit für den wirklich letzten Italien – Artikel, bevor ich jedem hier auf den Geist gehe!

Als wir zurück waren, las ich in der Frankfurter Allgemeinen einen Artikel über eine Mittelmeerkreuzfahrt, der erst mal schön klang: viele Tage auf dem blauen Meer, Ausflüge nach Genua, Rom und Neapel vom Schiff aus, gutes Essen. Etwas teuer. Aber dann die ganze Wahrheit: man ist umgeben von 4500 anderen Passagieren auf dem Schiff, und beim Landgang nach Rom von Civitavecchia aus lagen noch zwei Schiffe der Grössenordnung vor Anker und 14 000 Menschen machten sich (gleichzeitig?!) auf nach Rom. Für einen Tag. Das bedeutet: abends findet das, was für mich nach geplanter Massenevakuierung klingt, in umgekehrter Reihenfolge wieder statt. Und ich kann mir kaum ausmalen, wie viele Busse man für 14 000 Menschen braucht. Und wie sie alle gleichzeitig in Rom einfallen.

Interessant, was manche Menschen auf sich nehmen im Urlaub, oder? Ich glaube, ich wäre nach so einem Ausflug urlaubsreif. Es macht schon Spass, gelegentlich andere Touristen zu sehen, und an einem Abend in Rom, als wir etwas erledigt waren, haben wir uns einfach eine Stunde vors Kolosseum gesetzt und hunderten von Leuten beim Selfieproduzieren zugeschaut. Aber ständig? Und gleich zu Tausenden?

Jeder soll nach seiner Art glücklich werden. Unsere Art von Glück sah ganz anders aus – und im Nachhinein kann ich kaum glauben, dass wir zeitgleich völlig allein in Férento, etwa 60 km nördlich von Rom, im Amphitheater sassen, während sich weiter südlich solche Szenarien abspielten.

Férento war der reinste Zufallsfund. Wir studierten die Landkarte, um zu schauen, was es in der Nähe von Viterbo noch Schönes gäbe, und da war kursiv gedruckt und mit den drei Pünktchen drunter, die Ruinen verheissen, eben dieses Férento. Es wurde tatsächlich mit drei Zeilen in unserem Latiumführer erwähnt – wenn man mal dort war, fragt man sich, wie man sich da auf drei Zeilen beschränken kann. (Ich kann es nicht!) Da steht ungefähr: gut erhaltene römische Siedlung mit Amphitheater, Thermen, Decumanus und Häusern, 1172 von Viterbo zerstört, seither unbewohnt.

Férento liegt wunderbar einsam in der Pampa. Schon die Umgebung atmet den Hauch von „es war einmal, vor ganz, ganz langer Zeit“ aus. Denn jetzt ist da kaum mehr was los ausser etwas Landwirtschaft und schlechten Strassen. Aber – ein Hinweisschild auf eine noch einsamere Strasse. Und dann tatsächlich ein lebendiger Mensch und die Andeutung von Infrastruktur vor dem eingezäunten Gelände: ein garagengrosses Hüttchen, das nach vorne offen war, und drin eine Frau, die an dem grossen, bücherübersäten Tisch am Computer zu arbeiten schien. Der geisteswissenschaftliche Anstrich wurde betont durch zwei Katzen, die uns in aller Form vorgestellt wurden. Férento ist Studienobjekt irgendeiner Uni, und deshalb hatten wir das Glück, dass überhaupt jemand da war und uns aufsperrte (normal ist nur am Wochenende auf, wie sie mir in wunderbarem Französisch erklärte). Und das Aufsperren war sehr symbolisch – sie entfernte ein grosses Vorhängeschloss vom hohen Maschendrahtzaun, das sie nach uns wieder dranhängte. Und mehr brauchen wir nicht zum Glücklichsein als einfach mal eingesperrt zu werden in einem verlassenen Ruinengelände – wir können durchaus mal Ruhe geben und einfach nur da sitzen. Und es war der reinste Luxus, dass wir das durften und keiner was von uns wollte.

Die schwarze Katzendame Domitilla schien einen anderen Weg zu kennen (kein Wunder, ist sie doch benannt nach der Gattin des Kaisers Vespasian, die in Férento geboren war), denn sie empfing uns schon in den Ruinen und schmuste um unsere Beine. Und begleitete uns auf dem Rundgang. Deshalb war der Ort natürlich besonders schön für uns… Aber auch sonst: das gut erhaltene Amphitheater ist wunderschön. Vielleicht nicht das grösste, das man je gesehen hat, aber es hat sehr dekorative Rundbögen, die irgendwie ohne Mörtel zusammengefügt sind und deshalb schon eine Sehenswürdigkeit. Das ganze Gelände war überwachsen von kleinen gelben Blümchen und Thymian. Kleiner lilablühender Thymian, wie es wo anders Rasen gibt. Man konnte gar nicht anders als draufzutreten, und das war der Duft von Férento. Wenn ich an diese Rundbögen denke, rieche ich Thymian. Und der versetzte mich langsam so in andere Sphären, und es war so wunderbar einsam und zauberhaft und betörend schön, dass ich beim Blick in eins der Schwimmbecken in der Therme tatsächlich ein leises Plätschern hörte. Obwohl alles staubtrocken war um uns herum. Da ist ein Römer weggeschwommen, weil er nicht angestarrt werden wollte… Ganz sicher.

In den Ritzen der erhaltenen Pflastersteine der Hauptstrasse: auch Thymian. Und auch in den Fundamenten eines Hauses, in dem wir lange mit Domitilla spielten. Ein wunderschöner Ort, an dem man ganz zur Ruhe kommen kann. Natürlich: Selfies aus Férento hätten keinen hohen Wiedererkennungswert in sozialen Medien, und gelato gab es auch nicht. Wer darauf verzichten kann, kommt bei diesem kleinen und feinen Ausflug in die Antike voll auf seine Kosten.

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