Elitär

5. November, 201708:54 von

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Letzten Sommer gab der Bariton Thomas Hampson einen Liederabend bei den MĂĽnchner Opernfestspielen. UrsprĂĽnglich war ein Programm unter dem Motto „Die Götter Griechenlands“ vorgesehen. Deshalb lud ihn die SĂĽddeutsche Zeitung zu einem Interview in die Glyptothek ein, um in Anwesenheit der Götter ĂĽber sie zu sprechen. Die ganzseitige, mit vielen in der Glyptothek entstandenen Fotos versehene Serie nennt sich „SZ Kultursalon“. Dies nur vorneweg, weil ich mich gleich aufregen muss. Denn ich liebe Thomas Hampson und seine amerikanische „alles ist machbar“ – Herangehensweise seit vielen Jahren. Er ist mit einer wunderbaren Stimme gesegnet, aber das ist nur die halbe Miete: ohne Disziplin, Mut und Optimismus kommt man als Musiker nicht weit, und er strahlt optisch und musikalisch einfach eine Riesenportion Optimismus aus, aber eben auf diese fĂĽr mich typisch amerikanische Art. Die ich in meinem Studienjahr dort eindrucksvoll kennenlernen durfte. Es ist zwar lange her, aber dort herrschte eine andere Grundeinstellung, an der sich glaube ich nicht viel geändert hat: staatliche Leistungen gibt es kaum, jeder ist in einem viel grösseren Umfang als hier fĂĽr sich selbst und sein Wohlergehen verantwortlich. Und jeder wächst in diesem Wissen auf. Wer weiterkommen will, muss halt was dafĂĽr tun.

So, jetzt zu diesem Artikel. Hampson wird gefragt, ob Liederabende überhaupt eine Zukunft haben. Und er antwortet so wunderbar, dass man es rahmen und aufhängen möchte:

„Es ist die Frage, was wir in unserer Freizeit tun und wie weit wir sie fĂĽr Bildung nutzen wollen. Bildung heisst ja nicht nur, etwas zu wissen, sondern sich weiterzuentwickeln, mehr zu erfahren und jeden Tag danach zu streben, ein besserer Mensch werden zu wollen.“

Die Gegenfrage der SZ ist wie eine kalte Dusche:

Das klingt ein bisschen elitär. Ist Klassik elitär?

Hampson konterte Gott sei Dank mit „Nein, das ist absoluter Blödsinn.“ Ich wäre noch deutlicher geworden und stand und stehe kurz vor einem Leserbrief. Wie kann man jemand in den absoluten Musentempel einladen und dann so depperte Fragen stellen? Wer ist jetzt elitär?! Die, die einen sogenannten Kultursalon unterhalten, oder die, die mit ihrem ganzen Herzblut fĂĽr eine immer unwichtiger werdende Sache kämpfen und dabei noch völlig vernĂĽnftige Ansichten haben?

Vielleicht wollten die beiden Journalisten auch von einem unangenehmen Aspekt von Hampson’s Ă„usserung ablenken: es steht ja wirklich jedem frei, wie er seine freie Zeit verbringt. Aber es ist eventuell etwas anstrengender, etwas fĂĽr seine Bildung zu tun, auf welchem Weg auch immer, als sich ein Fussballspiel anzusehen oder drei Stunden lang fernzusehen. Aber jeder Mensch hat 24 Stunden am Tag, und jeder kann entscheiden, wo seine Prioritäten liegen. Man sollte es niemanden neiden, wenn bei den einen vielleicht was hängen bleibt, was das Leben bereichert. Die anderen haben dafĂĽr was fĂĽr ihre Tiefenentspannung getan und fĂĽhlen sich deshalb so gut wie jemand, der ein paar Stunden im Museum verbracht hat. Und Zugang zu den vermeintlich elitären Einrichtungen hat inzwischen eigentlich jeder: jeder darf in jede Bibliothek reinspazieren und dort BĂĽcher lesen, sonntags kann man fĂĽr einen Euro in die MĂĽnchner Museen. (Und ich verkneife es mir, darauf hinzuweisen, dass komplett freier Eintritt in Museen und Theater – die ultimative Abschaffung von Schranken vor einer vermeintlich nur einer Elite zugänglichen Art der Unterhaltung – von Empfängern von Sozialleistungen so gut wie nicht in Anspruch genommen wird. Da spielen natĂĽrlich BerĂĽhrungsängste und die fehlende Vertrautheit/ die fehlende Schulbildung mit hinein – gegen die gewisse Zeitungen eigentlich was tun könnten. Aber dann mĂĽssten diese Zeitungen auch gelesen werden… Es ist ein Teufelskreis.)

Und „Bildung“ klingt doch tatsächlich nach Anstrengung, stundenlangem BĂĽffeln, unangenehmen Erinnerungen an die Schulzeit, Bedauern, die Zeit nicht fĂĽr was Netteres nutzen zu können. Das ist auch so ein Problem – dass viel zu wenige erfahren, wie spannend und beglĂĽckend es sein kann, was Neues zu lernen oder tiefer einzutauchen in ein Thema, das einen fasziniert. Und der Anstoss, sich mit etwas eingehender zu beschäftigen, muss nicht unbedingt von Menschen kommen, die extra dafĂĽr ausgebildet sind, also Lehrern oder Professoren. Bildung findet gar nicht immer in Klassenzimmern statt. Es kann die Begegnung mit einem Musiker wie Hampson sein, die dazu fĂĽhrt, dass man sich mit Schuberts Welt beschäftigt. Oder die Abbildung in einem Kunstgeschichtebuch, die einem fast den Schlaf raubt und einen veranlasst, irgendwann im Leben an diesen Ort, in dieses Museum zu fahren und zuvor so viel wie möglich drĂĽber zu lesen. Oder die Faszination fĂĽr eine Sprache… Oder eine Epoche oder einen Baustil… Alles, was man sich abends oder am Wochenende in Eigeninitiative aneignet, bleibt ganz anders hängen. Und beglĂĽckt einen auch ganz anders als damals eine schnöde Schulaufgabe, bei der man ja mehr um der Note als um des Wissens willen gelernt hat. Und diese Art von Bildung, die täglich und in jedem Alter stattfinden kann, ist wirklich nicht elitär und dank Internet komplett kostenlos.

Mir gefällt auch, dass Hampson andeutet, dass es keine limitierte Zeitspanne im Leben gibt, um Wissen zu erwerben. Es geht weiter, nachdem man sein Abschlusszeugnis oder Unidiplom in der Tasche hat. Und wenn man Lust hat, kann es ein ganzes Leben lang weitergehen, dieses Wachsen und Reicher-Werden. Ich bin immer heilfroh, wenn ich bei einer Einladung neben jemand sitze, von dem ich weiss, dass  er oder sie ein lebenslanger Lerner ist, egal welches Alter – diese Gespräche sind viel interessanter und mĂĽheloser. Und inspirieren mich oft selber, irgendwas nachzuschauen, ĂĽber das wir gesprochen haben.

Ich bin froh, dass es Menschen wie Thomas Hampson gibt, die die Fackel noch hochhalten. Weil es lebenswichtig ist und er so viele Menschen wie möglich erreichen will, singt er weiter. Und ich bewege mich am anderen, ganz bescheidenen Ende der Skala und lege mit kleinsten Bausteinen den Weg zum grossen Ganzen und frage jeden Herbst wieder: „Hör mal zu, ich spiele dir zwei Akkorde vor. Welcher klingt trauriger?“ Und es wird nie unwichtig oder langweilig. Weil ich ĂĽberzeugt davon bin, dass es sinnvoll und wichtig ist. Musik, Kunst ĂĽberhaupt darf nichts fĂĽr eine Elite sein. Ich möchte so vielen Menschen wie möglich helfen, zu erkennen, was ewig ist und was bleibt. Was andere vor uns geliebt haben und andere nach uns hoffentlich auch noch.

(Foto: neverwordless)