…“breathing dreams like air“

24. August, 201710:37 von

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Mein Vorhaben, endlich Klassiker zu lesen, um die ich bisher einen Bogen gemacht habe, hat in den letzten Monaten zu wunderbaren Entdeckungen gef├╝hrt: nach Homer, der mich restlos ├╝berrascht und begeistert hat, bin ich ins Amerika der Zwanziger Jahre geh├╝pft und habe mit F. Scott Fitzgerald einen anderen grossen Dichter entdeckt. Bei beiden hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie wahre Poeten sind. Ich habe immer mit den Vorurteilen gelebt, dass Homer ein genauer, vielleicht trockener Chronist ist, der kein Ende finde, und Fitzgerald ein glitzernder, schillernder Chronist einer verr├╝ckten Zeit, der haupts├Ąchlich seine Tr├Ąume und Illusionen lebt. Nach der Lekt├╝re muss ich sagen: beides trifft in einem kleinen Umfang zu, aber – warum spricht niemand dar├╝ber, was f├╝r eine sagenhafte Sprache beide haben? Fitzgerald hat mich wirklich umgehauen, grade, weil ich keine all zu grossen Erwartungen hatte. Ich kannte den ├╝blichen Klatsch: dass er und seine Frau das Glamourpaar des Jazz Age waren, in Hoteldreht├╝ren Karussell fuhren, in voller Abendgarderobe in ├Âffentlichen Brunnen badeten, feierten bis zum Umfallen und fatal viel tranken. Dass es mehr als Klatsch, sondern ihr ganz allt├Ąglicher Lebenswandel war, best├Ątigte eine sehr gut geschriebene Biographie von Michaela Karl, zu der mir eine Freundin verholfen hat. Trotzdem war ich wild entschlossen, endlich etwas von ihm zu lesen.

Ich begann mit Kurzgeschichten und war sofort gebannt. Ich hatte keine Ahnung, wie bet├Ârend sch├Ân er schreibt. Das ist allerh├Âchste Sprach – und Schreibkultur! Etwas zeitgebunden, nat├╝rlich, aber f├╝r mich sind Stimmgabeln, die an den Sternen angeschlagen werden, eine kaum menschlich zu nennende Orchidee einer Frau oder Tonleitern, die wie Silber ├╝ber mondbegl├Ąnzte Buchten schweben, grade recht. Es gibt haufenweise Stellen, die man anmerken, immer wieder lesen und auswendig lernen will. Der glamour├Âs aufgemachte Band Kurzgeschichten war eigentlich ein Versuch, ihm eine Chance zu geben. Aber ich war s├╝chtig und machte sofort weiter mit „Tender is the Night“. Ein wunderbarer und gleichzeitig bedr├╝ckender Ausflug an die Riviera aus Sicht eines Amerikaners – das war auch deshalb spannend, weil ich bisher nur in Begleitung exzentrischer Engl├Ąnder dort gewesen war. Mit dem Train Bleu und so. Aber es ist doch was ganz anderes, mit dem Schiff ├╝ber den Ozean zu kommen und in Genua anzulegen… Trotz immer mehr manifest werdender Ehe- und Gesundheitsprobleme war auch das faszinierende Lekt├╝re, die ich sicher wiederholen werde. Schon einfach wegen dieser Sprache.

Die ber├╝hmteste Schullekt├╝re ├╝berhaupt, die in den USA immer noch 300 000 Mal im Jahr verkauft wird, habe ich immer mit Argwohn betrachtet. Einmal, weil unsere Schullekt├╝re dieser Jahrgangsstufe – B├Âlls „Ansichten eines Clowns“ – so was von trocken und ├Âde war und so gar keine Lust auf Literatur machte. Ich f├╝rchtete, dass der Gatsby ├Ąhnlich unterhaltsam w├Ąre und war auch skeptisch, weil ich oft mit Werken/Filmen/Sehensw├╝rdigkeiten, die als „der gr├Âsste“ (amerikanische Roman) angepriesen werden, wenig anfangen kann. Trotzdem beschloss ich, ├╝ber die Str├Ąnge zu schlagen und mir auch hier die Luxusausgabe zu kaufen, und zwar in Paris, in einem gewissen ├╝berf├╝llten Buchladen gegen├╝ber von Notre Dame, in dem auch die Fitzgeralds in ihrer Zeit dort aus und ein gingen… Bin ich froh, dass ich so eine sch├Âne Ausgabe habe: es wird garantiert eines meiner Lieblingsb├╝cher bleiben. Nicht unbedingt wegen der Handlung – die ist jetzt nicht sensationell – , aber wegen des Lebensgef├╝hls, wegen der ewigen Sehnsucht und Suche nach dem gr├╝nen Licht am Ende des Stegs, wegen des Bewusstseins, was Illusionen in unserem Leben bedeuten („The sentimental person thinks things will last – the romantic person has a desperate confidence that they won’t.“) Und weil es, wenn man moralische und menschliche Bedenken mal aussen vor l├Ąsst, schon wunderbarer Eskapismus ist, sich in diese glamour├Âse Welt hineinzutr├Ąumen. Darf schon mal sein, oder? Denn anders als Fitzgerald bin ich viel zu n├╝chtern und realistisch, um krampfhaft dazugeh├Âren zu wollen. Ich w├╝rde behaupten, dass ich auch in seinem Alter nicht so verf├╝hrbar gewesen w├Ąre (ich denke, das ist auch einer der Aspekte, warum es Schullekt├╝re ist – welche Opfer man bringen will, um zu einer bestimmten Gruppe zu geh├Âren, ├╝berhaupt der ganze soziologische Hintergrund des Romans). Aber jetzt habe ich nichts gegen gelegentliche Tagtr├Ąume… Und wenn ich eine Zeitreise machen d├╝rfte und weder Gustav Mahler noch Virginia Woolf Zeit f├╝r ein Abendessen h├Ątten (oh, und Maurice Ravel keine Zeit zum Vierh├Ąndigspielen – gibt’s eigentlich miles and more f├╝r Zeitreisen?!), dann w├╝rde ich gern nach Long Island reisen, auf eine von Gatsby’s Parties… Im passenden Seidenkleid, versteht sich…

Und, was w├Ąren Eure Lieblings – Zeitreisen?