Gi-Ga-Gack

Unser wunderschönes Kinderkonzert im Rahmen des Wasserburger Klaviersommers hat mich so glücklich gemacht wie lange nichts mehr. Es war mindestens wie Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig, die Kinder so in Aktion zu sehen. Und schon in den Monaten vorher hatte ich das grösste Vergnügen, das perfekte Programm zusammenzustellen. Ich hatte völlig freie Hand und hab einfach ein super-ehrgeiziges Konzept vorgelegt, auch um zu zeigen, in welche Richtung es in Zukunft gehen darf: kein Kinderkram, sondern ein schönes Nachmittagskonzert, das sich ins hohe Niveau des Klaviersommers einfügt. Der einzige Nachteil: mit dem Motto „Frankreich um 1900“ haben wir die ganzen Highlights der vierhändigen Literatur schon verpulvert… Aber vielleicht kann ich das ein oder andere irgendwann wieder reinmogeln.

Ich finde es nicht selbstverständlich, dass jüngere Kinder ganze Suiten einwandfrei spielen. Ich war begeistert vom hohen Niveau der Beiträge und bin beeindruckt, was meine Kolleginnen in Haag und Rosenheim auf die Beine gestellt haben. Ohne das kleinste „das ist zu schwer, können wir nicht was anderes nehmen?“ Und erst dachte ich, das ist der eigentliche Nutzen des Klaviersommers – dass Kinder hochwertige Literatur kennenlernen, sich ganz sicher anstrengen müssen und schon daran wachsen, und dass sie sie, dank der Unterstützung durch die Studenten, auf professionellem Niveau aufführen können.

Aber – wie so oft – es gab noch eine Kirsche auf dem Sahnehäubchen: der vielzitierte soziale Aspekt des Musizierens kam eindrucksvoll zum Tragen. Es war wunderschön zu sehen, wie selbstbewusst die Kinder auf die sooo viel älteren Studenten aus aller Herren Länder zugingen, weil – sie waren ein Team, das zusammen am Klavier sitzt und sich die kostbaren Tasten auf zivilisierte Weise teilen muss. Eventuelle Sprachbarrieren wurden schnell nebensächlich, denn es fand die wunderbarste Art der nonverbalen Kommunikation statt, die man sich nur wünschen kann: Blicke, Gesten, zusammen Luftholen. Es war die beste Lektion fürs Leben, die man sich nur vorstellen kann. Schranken von Alter, Hautfarbe oder Sprache existieren nur im Kopf. Wenn es um eine Sache geht, für die alle brennen, ist man sich unglaublich nahe und tut alles, um den anderen mitzunehmen. Und: Kommunikation ist alles, egal auf welche Art.

Und wie lieb die Studenten unsere Kinder an die Hand genommen haben! Beim Applaus im ganz wörtlichen Sinn, und auch sonst mit ihrem geduldigen und gefühlvollen Spiel. Und es gab so viele nette Blickkontakte, die mehr sagten als tausend Worte.

Dank einer Organisationspanne bekamen die Kinder sowohl von mir als auch vom Klaviersommer – Team Schokolade. Ich denke, sie werden es überleben.

Konzerte in Gabersee sind für mich auch immer besonders nett, weil ich einfach durch den Garten rübergehen kann. Wenn es trocken ist, durch kniehohe Wiesen und vorbei an den Bienenhäusern; wenn es regnet, durch den duftenden, hohen Wald. Und dann ist man in dem schönen, gepflegten Gelände mit den hohen Bäumen, hört vielleicht den Kirchturm schlagen… Obwohl es eine Klinik ist, ist die Atmosphäre so friedlich und idyllisch. Und so war es auch, als ich nach dem Konzert heimging, schwer bepackt mit Geschenken, Blumen und einem französischen Picknickkorb inklusive Baguette und Cremant de Loire. Vor der Kirche sprang eine Schülerin mit ihrer kleinen Schwester herum. Die Schwester sauste zu mir, versucht, mich mit ihren dicken Kinderärmchen irgendwo zu umarmen – was schwer war wegen Geschenkkorb und so – und verkündete, dass ihre Schwester ihr „Gi-Ga-Gack“ beibringen würde und dass sie es mir im Herbst vorspielt. Und ich sagte, aus vollem Herzen, dass ich es kaum erwarten kann. Und das ist wahr. Denn: nicht jedes „Gi-Ga-Gack“ führt zu Ravel’s „Jeux d’eau“. Aber es gibt garantiert kein Jeux d’eau ohne ein Gi-Ga-Gack fünfzehn Jahre davor. Und das ist das eigentlich Tolle an unserem Beruf – dass es doch immer weiter geht. Dass es Hoffnung gibt für Totgesagte (wie: Konzerte, Live-Musik, die klassische Musik überhaupt). Und dass wir jeden Tag daran arbeiten können, dass das, was uns wichtig ist, lebendig bleibt.

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