Gi-Ga-Gack

14. August, 201716:34 von

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Unser wundersch├Ânes Kinderkonzert im Rahmen des Wasserburger Klaviersommers hat mich so gl├╝cklich gemacht wie lange nichts mehr. Es war mindestens wie Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig, die Kinder so in Aktion zu sehen. Und schon in den Monaten vorher hatte ich das gr├Âsste Vergn├╝gen, das perfekte Programm zusammenzustellen. Ich hatte v├Âllig freie Hand und hab einfach ein super-ehrgeiziges Konzept vorgelegt, auch um zu zeigen, in welche Richtung es in Zukunft gehen darf: kein Kinderkram, sondern ein sch├Ânes Nachmittagskonzert, das sich ins hohe Niveau des Klaviersommers einf├╝gt. Der einzige Nachteil: mit dem Motto „Frankreich um 1900“ haben wir die ganzen Highlights der vierh├Ąndigen Literatur schon verpulvert… Aber vielleicht kann ich das ein oder andere irgendwann wieder reinmogeln.

Ich finde es nicht selbstverst├Ąndlich, dass j├╝ngere Kinder ganze Suiten einwandfrei spielen. Ich war begeistert vom hohen Niveau der Beitr├Ąge und bin beeindruckt, was meine Kolleginnen in Haag und Rosenheim auf die Beine gestellt haben. Ohne das kleinste „das ist zu schwer, k├Ânnen wir nicht was anderes nehmen?“ Und erst dachte ich, das ist der eigentliche Nutzen des Klaviersommers – dass Kinder hochwertige Literatur kennenlernen, sich ganz sicher anstrengen m├╝ssen und schon daran wachsen, und dass sie sie, dank der Unterst├╝tzung durch die Studenten, auf professionellem Niveau auff├╝hren k├Ânnen.

Aber – wie so oft – es gab noch eine Kirsche auf dem Sahneh├Ąubchen: der vielzitierte soziale Aspekt des Musizierens kam eindrucksvoll zum Tragen. Es war wundersch├Ân zu sehen, wie selbstbewusst die Kinder auf die sooo viel ├Ąlteren Studenten aus aller Herren L├Ąnder zugingen, weil – sie waren ein Team, das zusammen am Klavier sitzt und sich die kostbaren Tasten auf zivilisierte Weise teilen muss. Eventuelle Sprachbarrieren wurden schnell nebens├Ąchlich, denn es fand die wunderbarste Art der nonverbalen Kommunikation statt, die man sich nur w├╝nschen kann: Blicke, Gesten, zusammen Luftholen. Es war die beste Lektion f├╝rs Leben, die man sich nur vorstellen kann. Schranken von Alter, Hautfarbe oder Sprache existieren nur im Kopf. Wenn es um eine Sache geht, f├╝r die alle brennen, ist man sich unglaublich nahe und tut alles, um den anderen mitzunehmen. Und: Kommunikation ist alles, egal auf welche Art.

Und wie lieb die Studenten unsere Kinder an die Hand genommen haben! Beim Applaus im ganz w├Ârtlichen Sinn, und auch sonst mit ihrem geduldigen und gef├╝hlvollen Spiel. Und es gab so viele nette Blickkontakte, die mehr sagten als tausend Worte.

Dank einer Organisationspanne bekamen die Kinder sowohl von mir als auch vom Klaviersommer – Team Schokolade. Ich denke, sie werden es ├╝berleben.

Konzerte in Gabersee sind f├╝r mich auch immer besonders nett, weil ich einfach durch den Garten r├╝bergehen kann. Wenn es trocken ist, durch kniehohe Wiesen und vorbei an den Bienenh├Ąusern; wenn es regnet, durch den duftenden, hohen Wald. Und dann ist man in dem sch├Ânen, gepflegten Gel├Ąnde mit den hohen B├Ąumen, h├Ârt vielleicht den Kirchturm schlagen… Obwohl es eine Klinik ist, ist die Atmosph├Ąre so friedlich und idyllisch. Und so war es auch, als ich nach dem Konzert heimging, schwer bepackt mit Geschenken, Blumen und einem franz├Âsischen Picknickkorb inklusive Baguette und Cremant de Loire. Vor der Kirche sprang eine Sch├╝lerin mit ihrer kleinen Schwester herum. Die Schwester sauste zu mir, versucht, mich mit ihren dicken Kinder├Ąrmchen irgendwo zu umarmen – was schwer war wegen Geschenkkorb und so – und verk├╝ndete, dass ihre Schwester ihr „Gi-Ga-Gack“ beibringen w├╝rde und dass sie es mir im Herbst vorspielt. Und ich sagte, aus vollem Herzen, dass ich es kaum erwarten kann. Und das ist wahr. Denn: nicht jedes „Gi-Ga-Gack“ f├╝hrt zu Ravel’s „Jeux d’eau“. Aber es gibt garantiert kein Jeux d’eau ohne ein Gi-Ga-Gack f├╝nfzehn Jahre davor. Und das ist das eigentlich Tolle an unserem Beruf – dass es doch immer weiter geht. Dass es Hoffnung gibt f├╝r Totgesagte (wie: Konzerte, Live-Musik, die klassische Musik ├╝berhaupt). Und dass wir jeden Tag daran arbeiten k├Ânnen, dass das, was uns wichtig ist, lebendig bleibt.