Umfangen und geborgen

7. September, 201710:38 von

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H├Ąuser waren f├╝r mich schon immer Pers├Ânlichkeiten. Ich erinnere mich an manche Geb├Ąude, in denen ich als Kind aus und ein gegangen bin, wegen des Gef├╝hls, das mich sofort eingeh├╝llt hat, wenn ich die Schwelle ├╝berschritten hatte. Ein ┬átypischer, einzigartiger und unbeschreiblicher Geruch oder ein d├Ąmmriger Flur, in den die Sonne ein bestimmtes Dreieck aus Licht warf sind f├╝r immer mit den Personen verbunden, die in diesen H├Ąusern lebten. Eins geh├Ârte untrennbar zum Anderen. Und selbst wenn die Menschen, die diese H├Ąuser gebaut haben, schon lange zu Staub geworden sind, sp├╝rt man ihre Gegenwart in ihren Gem├Ąuern. Manchmal, weil es ohnehin geschichtsbeladene Orte sind, die heute der ├ľffentlichkeit zug├Ąnglich sind; manchmal weht einen ein Hauch von fr├╝her an, ohne dass man irgendwas ├╝ber das Geb├Ąude weiss. Und genau so unerkl├Ąrlich ist es, warum man sich in manchen H├Ąusern spontan wohlf├╝hlt und in anderen quasi immer ├╝ber die Schulter schauen will, weil die Geister gar zu unsympathisch sind. Warum man manche Wohnungen ablehnt, auch wenn Lage und Preis in Ordnung w├Ąren (ich hab mal eine Wohnung besichtigt, in der ich nur gestr├Ąubte Haare hatte – die Maklerin pries sie an, als ob alles wunderbar w├Ąre, und die Sonne schien, aber ich erfuhr erst danach und durch Zufall, dass eine verblutete Leiche eine Woche in dieser Wohnung gelegen hatte. Eine Woche!! Und das war zwei Monate vor der Besichtigung!) Und es gibt auch den seltsamen Fall, dass H├Ąuser mit einer eigentlich unguten Geschichte eine positive Ausstrahlung haben k├Ânnen – da fragt man sich, ob wir mit unserem nur vor├╝bergehenden Dasein H├Ąusern unseren Stempel doch nicht so stark aufdr├╝cken k├Ânnen, dass sie davon beeinflusst werden. Die Steine ├╝berdauern uns und sind vielleicht doch unabh├Ąngig von dem, was sich in ihnen abgespielt hat. Und die urspr├╝nglich gute Idee, die jedem Bau vorangeht, ist vielleicht st├Ąrker als das, was sich dann darin abgespielt hat.

Ich suche grade etwas verkopft nach Argumenten, warum ich mich in einem Haus mit einer besonderen und seltsamen Geschichte so ausserordentlich wohl f├╝hle. Denn anfangs wusste ich nichts ├╝ber das Haus, in dem ich seit Monaten regelm├Ąssig aus und ein gehe. Ich kenne es schon seit Jahren von Besuchen und Essenseinladungen und fand es von der ersten Sekunde an unglaublich gem├╝tlich und einladend. Es ist eine grossz├╝gige, flache Villa im Dreissigerjahrestil in einem noch grossz├╝gigeren Grundst├╝ck. Zur Strassenseite hin ist sie eher unscheinbar und f├Ąllt nicht weiter auf, aber zum Garten hin ├Âffnet sie sich in einem ganz breit gezogenen Halbrund. ├ťberhaupt fand ich den Grundriss immer leicht seltsam und undurchschaubar bei Besuchen. Inzwischen hab ich die grosse Haustour hinter mir und weiss mehr ├╝ber das Geb├Ąude, und da die Entw├╝rfe und Zeichnungen in einem Wiener Architekturarchiv f├╝r jedermann einsehbar sind, erlaube ich mir, hier dr├╝ber zu schreiben in der Hoffnung, die Privatsph├Ąre der Bewohner trotzdem zu wahren (immer diese Gratwanderung beim Blogschreiben!) Das eindrucksvolle Anwesen wurde von Lois Welzenbacher entworfen, einem ├Âsterreichischen Architekten, der 1889 geboren wurde und seine Hauptschaffenszeit vor dem zweiten Weltkrieg hatte. Welzenbacher entwarf haupts├Ąchlich H├Ąuser f├╝r den alpinen Raum, und er liebte es, die Geb├Ąude mit oft ungew├Âhnlichen Grundrissen organisch in die Landschaft einzuf├╝gen. Das Wasserburger Haus ist ganz typisch f├╝r seine Vorgehensweise: an der h├Âchsten Stelle, von der Strasse her eher abweisend, zur Aussichtsseite hin grandios und offen. Das Haus hier steht an einem der h├Âchsten Punkte Wasserburgs und bietet im Winter, wenn die B├Ąume kahl sind, eine unglaubliche Sicht auf den Fluss und alles, was sich an der anderen Seite dar├╝ber erhebt.

Ich mochte das Haus von Anfang an, weil ich eine Schw├Ąche f├╝r farbige Fensterl├Ąden und ├╝berhaupt alte, gerundete Fenster und Fensterb├Ąnke habe. (Egal, welche Jahreszeit: ich sehe da immer Chancen f├╝r adventliche Dekoration mit schlichtem Tannengr├╝n und Kerzen.) Und der Eingangsbereich ist grossz├╝gig und gem├╝tlich, wie eine Umarmung. Und die wundersch├Ânen alten Dielen und die Schiebet├╝r zum Wohnzimmer, in dem wir Klavier spielen, und die Terrassent├╝ren neben dem Klavier, und die Holztreppe in den ersten Stock mit den unterschiedlich bemalten Stufen – alles strahlt eine W├Ąrme, Geborgenheit und Gem├╝tlichkeit aus, die moderne H├Ąuser nie haben k├Ânnen.

Ende des letzten Winters fingen meine Bekannte und ich an, ernsthaft Klavierduo zu ├╝ben. Bei den ersten Proben war der Garten kahl und leer. Wenn ich kam, prasselte ein Feuer im Ofen, und wochenlang musste ich als erstes den Regenschirm aussch├╝tteln und aufstellen. Nach der Regenzeit tauchten die ersten Tr├Ąnenkr├╝glein b├╝schelweise auf an der Terrassent├╝r neben dem Fl├╝gel, auf dem ich immer spiele. Dann die Osterglocken und Tulpen. Dann kam der Fr├╝hsommertag, an dem wir zum ersten Mal die T├╝ren offen liessen, weil es so angenehm war. Dann kam die Hitze, und an einem heissen Julimorgen, als ich auf dem kurzen Spaziergang schon fast verschmachtete, empfing mich das Haus k├╝hl, schattig und winddurchweht: buchst├Ąblich alle T├╝ren waren offen, in alle Himmelsrichtungen. Aus dem park├Ąhnlichen Garten kamen leichte L├╝ftchen, die Kugeln an einem der Kronleuchter wackelten im Wind und eine Amsel machte wirklich und wahrhaftig wiederholt einen Rhythmus aus unserem Brahms nach. Ich bin es ├╝berhaupt nicht gew├Âhnt, bei offenen Fenstern Musik zu machen, aber durch die Alleinlage des Geb├Ąudes st├Ârt man keinen, und es ist eigentlich der reinste Luxus, so inmitten der Natur Klavier zu spielen. Und noch mehr als im ┬áWinter hatte ich das Gef├╝hl, dass die beiden riesigen Fl├╝gel wie Schiffe sind, an denen wir – weit voneinander entfernt – wie zwei (mehr oder weniger planvoll vorgehende…) Kapit├Ąne sitzen und dass wir vielleicht, wenn es besonders sch├Ân l├Ąuft, irgendwann auf den Wogen unserer Musik runter in den Inn gleiten k├Ânnen und da weiter schwimmen…

Unser vielzitiertes und bei vielen Tassen Tee geplantes Hauskonzert wabert aber noch in unsicherer Ferne. Vor allem, weil meine Partnerin nach dem Klavierstudium noch was Vern├╝nftiges studiert hat und schlicht und einfach keine Zeit zum ├ťben hat. Den Willen schon, und die Lust auch, aber ich verstehe ihr Zeitproblem absolut. Und dann, weil wir eben nicht nur ├╝ben… Sondern auch gern reden. ├ťber das Haus zum Beispiel. Und da kam Erstaunliches raus – oder vielleicht doch nicht, bei einem Haus, das in den Dreissigerjahren gebaut wurde? Es wurde in Auftrag gegeben von einem Wasserburger Nazi – Oberfunktion├Ąr, der dann hier wohnte und auch B├╝rger empfing und so. Man kann sich vorstellen, dass hier wirklich haarstr├Ąubende Dinge besprochen wurden – aber mir str├Ąuben sich die Haare nicht. Gar nicht. Der Architekt hat vielleicht so viel Gutes hier reingesteckt, dass die schlimme Zeit davon ├╝berdeckt wird. Und es wurde ja seither mit vielf├Ąltigem anderen Leben gef├╝llt, vielleicht hat das auch was f├╝r die Aura des Hauses getan.

Und jetzt machen wir auch noch Musik zur Aura – Optimierung, wenn wir nicht Tee trinken. Da die Haydn – Variationen, an denen wir zugegeben den gr├Âssten Spass haben, f├╝r meine Partnerin mit ihren kleinen H├Ąnden sehr schlecht liegen, hab ich sie aufgefordert, das n├Ąchste St├╝ck vorzuschlagen. Nach kurzem ├ťberlegen meinte sie: „Ravel, La Valse?“ Und ich entgegnete mit professioneller Miene: „Hm, ja, Ravel, warum nicht?“ (Und innerlich: „ja ja ja!! Soll ich die Noten besorgen? Wann fangen wir an? Welche Stimme soll ich ├╝ben? K├Ânnen wir sofort jetzt gleich anfangen, bitte?“ Ich bin wirklich unschuldig an diesem Ravel!)

Fotos: Archiv f├╝r Baukunst und Austria – Forum; H├Ąuser in Linz, Barbiano und Zell am See