Vom Inn an die Seine: Seerosen

Gedanken beim Betrachten des eigenen Seerosenteichs: „Wie grässlich das Wasser aussieht, so schlimm war es noch nie. Es sollte wirklich mal wieder regnen. Wahrscheinlich kippt der Teich eh vorher um. Und diese Seerosen breiten sich aus wir Unkraut – ich muss das gleich mal dezimieren. (Mit einem Arm voll tropfender Seerosen, einem nassen T – Shirt  und Schlick auf den Unterarmen) Oh nein, schon wieder ein toter Fisch, bei lebendigem Leib halb abgefressen und liegengelassen – die Ringelnatter war wieder hier. Der arme Fisch. (Seerosen wegschleppen, Hose wird auch nass. Zurück, Fisch rausfischen, unten im Garten beerdigen. Wieder hoch, Schweiss von der Stirn wischen mit der Rückseite der Hand.) Mensch, dieser blöde Teich. Wir sollten ihn zuschütten.“

Gedanken beim Betrachten von Monet’s Seerosen in der Orangerie: „Dieses Blau. Diese Ruhe und kühle Stille. Dieses endlose Blau, egal wo hin ich mich drehe. Ich habe das Gefühl, ich befinde mich mitten im Teich, und um mich herum ist alles wunderbar und kühl und beruhigend. Ich entspanne mich mit jeder Sekunde, die ich die endlos breiten Bilder anschaue. Diese ovale Endlosigkeit, die gewölbten Oberflächen – es ist wie Schwimmen in hunderten von wunderschönen Blautönen. Ich fühle mich erfrischt und geläutert und so viel besser als zuvor.“

Selten waren neun Euro so gut investiert wie für die Eintrittskarte dieses Museums, weil es einen wieder erkennen lässt, was theoretisch schön sein kann an Gartenteichen und Seerosen und Wasserwelten. Der grösste Gegensatz zum eigenen Garten ist die Perspektive, aus der man die unendliche blaue Fläche betrachtet: nicht wie zuhause von oben und mit einem gnadenlosen Blick auf alles, was grade schiefläuft im Teichleben, sondern als ob man selber wie eine Seerosenblüte auf der Teichoberfläche schwimmt und praktisch umhüllt ist von Wasser und Reflexen des Himmels. Auch die hängenden Weiden am Ufer sieht man aus der Froschperspektive. Es ist das ultimative Eintauchen ins Blau.

Monet hat in seinen letzten Lebensjahren diesen Ausstellungsraum selbst konzipiert. Für die zwei langgezogenen ovalen Räumen, die von oben betrachtet fast eine liegende Acht ergeben und damit irgendwie das Zeichen für Unendlichkeit, hat er 170 laufende Meter Leinwand mit Wasser und Seerosen bemalt. Alles ist leicht nach innen gewölbt. Wegen des genialen Zusammenklangs von Raum und Bild aus der Hand eines einzelnen Künstlers wird die Orangerie auch die „sixtinische Kapelle des Impressionismus“ genannt. Monet schenkte die gesamte Installation dem französischen Staat kurz nach dem ersten Weltkrieg und wollte bewusst einen Ort der Ruhe und der inneren Einkehr schaffen für Menschen, die nach den Schrecken des Krieges inneren Frieden suchen.

Die Orangerie ist nach wie vor Balsam für die Seele, auch, weil es eines der weniger besuchten Museen von Paris zu sein scheint. Es gab wirklich Momente, in denen man eine komplette lange Seite der Räume ganz für sich hatte und die Gemälde in ihrer ganzen Pracht auf sich wirken lassen konnte – was man vom Louvre nicht unbedingt behaupten kann. Und die paar Leute, die hier waren, kamen offensichtlich wegen der Bilder und waren leise und dezent. Deshalb konnte diese herrliche Symphonie in Blau auch ihren besonderen Zauber auf mich ausüben: von der ersten Sekunde an fingen die Bilder für mich an zu singen und zu klingen. Es klingt esoterisch, aber selten hat es mich so überfallen. Wahrscheinlich auch, weil man so komplett umgeben ist von ihnen und diese zarten, schwebenden und schwimmenden Farben sehr starke Assoziationen an alle möglichen eigenen Wasserbegegnungen auslösen: beim Schwimmen, an kleinen Wasserfällen, beim Sitzen auf einem Steg, beim Eintauchen der Giesskanne ins Wasserbecken, natürlich immer wieder Fetzen von Debussy’s „Reflets dans l’eau“ – ich war ziemlich überrumpelt. Es gibt ja Bilder, die einen ausgeprägten Rhythmus haben und einen in ihre eigenen Bewegung reinziehen. Oder andere, die komplett sinnlich auf einen wirken und den Geruch der abgebildeten Pfirsiche oder Pfingstrosen zu verströmen scheinen. Hier wurde ich überrollt von Geräuschen und Klängen wie selten und fühlte mich wie untergetaucht in meinem Lieblingselement – ohne einen echten, greifbaren Tropfen Wasser in Sicht, erstaunlicherweise (die Tuilerien draussen waren sogar extrem staubig, und unsere Schuhe auch entsprechend. Weil wir die Räder hatten schieben müssen im Park…)

Und ein Stockwerk tiefer: eine Art kleiner, feiner Ableger des Musée d’Orsay mit Werken von Renoir bis Matisse und Picasso. Wirklich eine ganz feine, hochwertige Auswahl, und viel machbarer und erlebbarer als die unendlich vielen Bilder im Orsay. Die Fülle dort ist zwar wunderbar und es gibt kaum einen schöneren Ort auf der Welt – aber es erschlägt einen auch, wenn man nicht aufpasst. Hier waren wir nur eine Stunde, hatten aber viele nette Begegnungen. Ich hatte keine Ahnung, dass so viele Renoirs hier hängen. Er ist nicht grade mein Liebling, aber wegen der Francaix – Stücke für den Kinderklaviersommer sind wir grade umgeben von seinen Kinderporträts und es war besonders nett, ein dralles, kleines Persönchen wiederzutreffen, das grade als Leihgabe über den Sommer aus Tokyo da ist. Und dann natürlich diese Schwestern, die man als klavierspielender Mensch hundertfach auf Noten, Büchern, in Biographien gesehen hat. Sie wohnen hier, praktisch, und können immer dort besucht werden. Ich war nicht drauf vorbereitet, sie zu sehen, aber durch ihre Popularität sind sie einem ganz seltsam vertraut. Und wenn ich so Mädchen am Klavier sehe, muss ich mich zusammenreissen, um nicht ins Bild zu steigen und mich daneben zu setzen: „Und, wie war der neue Fingersatz im Chopin, läuft’s jetzt besser?“ (Und ich bin sicher, die Antwort war auch 1897: „Der Fingersatz ist sicher gut, aber… ich konnte nicht üben, weil wir mit Mama zu so vielen Anproben mussten wegen Christines Debüt, und am Samstag war ich den ganzen Tag im Bois de Boulogne, weil das Wetter so schön war, und Sonntag war Gesellschaft bei Grandmère, und Sie wissen, wie übel sie es nimmt, wenn man gleich wieder geht…“ „Yvonne sollte ihren Mozart spielen und es war voll schlecht.“ „War es gar nicht!“ „Doch, du bist immer langsamer geworden bei den Läufen. Ich fand’s total peinlich.“ „Du blöde…“ Garantiert.)

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