Langsamer Genuss

Als ich kürzlich „Die geheime Geschichte“ praktisch verschlang und kaum aus den Händen legen wollte, um irgendwas anderes zu tun, bemerkte ich, dass es mir gleichzeitig etwas peinlich war. Es hatte definitiv etwas davon, wenn man eine Tüte Chips, weil sie nun schon mal offen ist, bis zum letzten Krümel vertilgt, obwohl einem klar ist, dass das nicht gut ist. Aber aufhören will man auch nicht. Wie kommt es, dass man sich trotz besseren Wissens manchmal versklaven lässt von leicht Konsumierbaren, seien es ungesunde, leckere Lebensmittel, fesselnde Bücher, bestimmte Musik oder Fernsehserien, bei denen man denkt „eine Folge geht noch“? Es ist ein seltsames Phänomen, und wahrscheinlich müssen ein paar Faktoren zusammenkommen, damit man bereit ist, sich so komplett für ein paar Stunden aus dem Alltagsgeschehen auszuklinken. Es hat was mit Weltflucht zu tun. Entweder ist man mit einer Situation unzufrieden, die man mit ein bisschen Anstrengung selber lösen könnte – aber erst, wenn man vielleicht dieses Buch ausgelesen hat. Oder, sehr beliebt bei mir, wenn es richtig viel zu tun gibt: eine fatale Art von Prokrastination vor Aufgaben, die mich eh fast überfordern, denen ich ohnehin kaum gerecht werden kann in dem bisschen Zeit, das mir dafür bleibt, und die ich auf die lange Bank schiebe mit der Hoffnung, dass der Terminstress dann so einen Adrenalin – und sonstigen Schub von Disziplin auslöst, dass ich es in der Hälfte der Zeit schaffe. Was irgendwie meistens hinhaut – und dann hab ich trotzdem noch das Vergnügen gehabt, jenen Roman zu lesen.

Bei meinen Schülern ist es ähnlich. Wie könnte es anders sein… Gäbe ich ein Präludium und Fuge in As – Dur auf (ich schreibe hier wohlweislich „gäbe“…), würde es Heulen und Zähneknirschen geben. Doch ein Einaudi in As – Dur? Da wird mit keiner Wimper gezuckt, nur genickt und mit begeistert aufgerissenen Augen gefragt, ob ein Übezimmer frei ist. Jetzt gleich und sofort. Und die meisten spielen mir nach einer Woche sechs oder acht Seiten fehlerfrei vor und betonen, wie viel Spass es macht. Ich glaube, es ist das gleiche Phänomen: leichte Kost, aber suchterzeugend schön. Damit will ich weder Donna Tartt, die an jedem ihrer Romane bisher zehn Jahre geschrieben und gefeilt hat, Unrecht tun noch dem geschätzten Ludovico Einaudi, ohne dessen nicht abreissenden Strom an Einfällen ich mindestens die Hälfte meiner über Fünfzehnjährigen längst verloren hätte. Populär muss nicht zwangsläufig schlecht sein, überhaupt nicht. Vielleicht sollte man es auch überhaupt nicht bewerten, sondern sich freuen, dass einem manche Sachen schneller und leichter zufliegen?

Aber ganz wohl ist mir nicht bei der Sache. Ich bin auch ehrlich gesagt skeptisch, was davon für die Ewigkeit Bestand haben wird, falls man mal ganz weit denken will… Oder wenn man nur die berühmte einsame Insel nimmt: ausschliesslich Einaudi, den ich privat eh nicht anhöre, würde mich umbringen. Bach könnte ich jahrzehntelang und immer wieder von vorne hören  – so wie im richtigen Leben. Und mit dem Lesen: vor drei Jahren habe ich den Sommer damit verbracht, den „Zauberberg“ zu lesen. Ich glaub, ich hab sechs Wochen gebraucht. Weil man eben nicht atemlos wie ein Junkie die Seiten umblättert, sondern eine Seite liest, sich eine Tasse Tee eingiesst, die Seite noch mal liest, ein bisschen in den Himmel guckt und mit dem Fuss wippt, dann die Seite noch mal liest und noch mal mehr staunt. Beides, das Verschlingen und das langsame auf der Zunge zergehen – Lassen, hat was mit Genuss  zu tun – aber was ist nachhaltiger? Also für den Kopf?

Oder vielleicht ist es genau das: es gibt Lesen für den Kopf und Lesen für’s Herz. Manchmal will man das eine, manchmal braucht man das andere. Diese populären, leicht konsumierbaren Bücher/ Musikstücke/ Filme verkaufen sich wahrscheinlich auch deshalb millionenfach, weil sie einem nicht zu viel abverlangen und – ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt – einen nicht zu sehr aus seiner Komfortzone locken. Man muss sich nicht zu sehr strecken oder anstrengen, um in komplett andere Welten zu gelangen. Es hat sogar was Beruhigendes, zu wissen, dass man aus den ungewohnten und vielleicht irgendwie aufregenden Szenarien doch ganz leicht und heil wieder rauskommt. Diese Art von „Konsum“, um mal ein scheussliches Wort zu verwenden, verändert einen nicht unbedingt. Manchmal will man das ja auch nicht. Manchmal darf es etwas mehr sein (wie wenn ich am Wochenende zum Emerson String Quartet ins Prinzregententheater gehe, um späte Beethoven – Quartette anzuhören. Schwere Kost vom asketischsten Streichquartett, das es gibt – das wird nicht unbedingt vergnüglich, aber wahrscheinlich werde ich die nächsten Jahrzehnte davon reden, wie sagenhaft es war. Und dass ich das Glück hatte, die noch live zu hören.). Das Schöne ist ja, dass man wählen kann, was einem grade gut tut.

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