Elysium

11. M├Ąrz, 201709:03 von

0


Letzten Herbst habe ich den Klassenabend einer lieben Kollegin begleitet, und beim Verabschieden steckte sie mir einen Umschlag zu. Ich hatte eine nette Dankeskarte erwartet und war ganz erstaunt, als ich Belohnung in einer anderen und viel prosaischeren, aber nichtsdestotrotz nicht unwillkommenen Art fand: Kohle! Und zwar genau so viel, wie zwei der besten Karten f├╝rs M├╝nchner Konzert des Emerson – Quartett kosten w├╝rden! Ich hatte tagelang damit gelieb├Ąugelt, und jetzt waren die W├╝rfel gefallen. Ich hatte mich um Streicher gek├╝mmert, und daf├╝r w├╝rden sich andere Streicher um meine Seele k├╝mmern – und was f├╝r welche. Gleich am n├Ąchsten Morgen rief ich, noch im Bademantel, bei der Konzertagentur an und bestellte zwei Karten in der zweiten Reihe Mitte, direkt vor dem Quartett. (So was hatte ich noch nie gemacht. Macht ziemlich Spass, das auszusprechen!) Die gute Fee setzte uns wirklich brettlbreit vor die Notenst├Ąnder – wir hatten zwei Spieler rechts, zwei links von uns und den sagenhaftesten, absolut optimalen H├Âreindruck. M├Âglicherweise waren akustische Gr├╝nde ausschlaggebend, aber die Musiker sassen auch noch ganz vorn an der Rampe, also h├Âchstens zwei Meter von uns. In einem Klavierabend w├╝rde ich nie so einen Platz w├Ąhlen, weil der H├Âreindruck zu direkt w├Ąre. Ausserdem w├Ąre es f├╝r mich kein Mysterium, was da vor sich geht, ich m├╝sste nicht so genau hingucken. Bei Menschen, die ihren Ton selber produzieren, und noch auf so unglaublich zarte Art, bin ich endlos und nachhaltig fasziniert und muss alles auch genau sehen, nicht nur h├Âren. Und ich will so nah wie m├Âglich dran sein, um das Holz selber schwingen zu sp├╝ren.

Es ist ein Luxus, den man sich selten im Leben g├Ânnt, aber ich bin so froh, dass wir es hier gemacht hatten: diese physische N├Ąhe trug viel dazu bei, dass es eines der ber├╝hrendesten und ergreifendsten Konzerte meines Lebens wurde. Es war schwere Kost – zwei sp├Ąte Beethoven – Quartette, op. 132 und op. 130 mit der Grossen Fuge als Finale (von Beethovens Sekret├Ąr wurde op. 130 nicht zu Unrecht als das „Monstrum der Quartett – Musik“ bezeichnet). Der Gatte meinte bis zum letzten Moment, sie w├╝rden das Programm noch ein bisschen umstellen und ├Ąndern und eventuell was leichter H├Ârbares druntermischen, weil man das dem Publikum kaum zumuten k├Ânne, aber sie blieben erwarteterweise tough und puristisch. Gott sei Dank.

Es wurde eine Art Gottesdienst in der d├Ąmmrig – opulenten Atmosph├Ąre des Jugendstiltheaters. Die Musen tanzten an den W├Ąnden, die grossen Feuerschalen an den Seiten waren sanft von hinten erleuchtet, die ganze griechische Ausstattung lullte uns ein und hob uns aus dem Alltag. Und ich war vom ersten Ton an gebannt. Wahrscheinlich war es nicht so, aber gef├╝hlt hielt ich f├╝r zwei Stunden den Atem an. Diese Musik ist so grandios, und es war einfach unglaublich, wie kultiviert und innig die vier Herren zusammenspielten. Wie ein Mensch. Und was f├╝r einen intensiven Klang sie manchmal selbst ohne Vibrato hinbrachten – das war herzzerschneidender als jeder zu ├╝ppig wabernde Ton.

Bei aller Sch├Ânheit, Harmonie und Transzendenz war es partienweise auch ein wirklich schmerzhafter Abend. Warum tut man sich so was an? Kollektiv?! Hab mich mal wieder gefragt, welchen dionysischen Hintergrund solche Kulturveranstaltungen eigentlich haben, und die mythologische Dekoration grade dieses Theaters legt diese Frage nahe. Warum kommt man ordentlich angezogen und mit Omas Perlen um den Hals mit lauter Gleichgesinnten zusammen, in einer stark von Ritualen gepr├Ągten Umgebung, und l├Ąsst sich von ├Ąhnlich ordentlich gekleideten Individuen so komplett demontieren und bis ins Mark ersch├╝ttern? L├Ąsst sich reduzieren auf das k├╝mmerliche H├Ąuflein sterblicher Mensch, das wir alle sind, obwohl wir ├Ąusserlich so gefasst wirken? Und gleichzeitig auf eine Art das Selbst verlieren, wie man es nur im ┬áZustand h├Âherer Erkenntnis tun kann? Und kein Mensch spricht ein Wort dabei, stundenlang!! Der Gipfel der – mir f├Ąllt jetzt kein anderes Wort ein, obwohl es etwas zu harsch ist – Folter war dann, dass sie nach der Grossen Fuge einen schlichten Bach – Choral als Zugabe spielten, passenderweise „Vor Deinen Thron tret ich hiermit.“ Wen sie bisher noch nicht geknackt hatten, der war sp├Ątestens jetzt f├Ąllig.

Ich war selten so ersch├╝ttert und durcheinanderger├╝ttelt nach einem Konzert. Gl├╝cklicherweise, denn all zu oft w├╝rde man das nicht aushalten. Es war wirklich so eklatant, dass ich dachte: der Tag, an dem auf Konzertkarten Warnhinweise gedruckt werden, wird in Zeiten von „Die DVD startet m├Âglicherweise von vorn“ oder „In Augsburg Hbf werden zwei Zugteile vereinigt. Es kann zu einer Ersch├╝tterung kommen.“ nicht mehr fern sein.

Mein Vorschlag f├╝r einen Beethoven – Abend mit den Emersons w├Ąre: „Sie werden mit Ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Dies kann mit Schmerzen verbunden sein. M├Âglicherweise werden Sie jedoch einen Blick auf die ewige Wahrheit erlangen, in die Sie nach Ihrem Ableben eingehen. Sollten Sie bereit sein f├╝r solche Visionen, kann der Abend f├╝r Sie auch mit einem positiven Ausblick enden.┬áBitte vermeiden Sie es in der ersten Viertelstunde nach dem Konzert, ein Fahrzeug zu f├╝hren oder Maschinen zu bedienen.“

(Fotos: muenchenmusik, Alan Dornak)