SchneelektĂŒre

13. Februar, 201709:56 von

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Vor Weihnachten habe ich mir zwei BĂŒcher gekauft, die ich jetzt erst lesen konnte. ZufĂ€llig spielen beide im Winter, das eine zumindest zeitweise, und verlĂ€ngern so meine Schneefreuden – die perfekte JanuarlektĂŒre! Und beide sind so atmosphĂ€risch und verzaubernd, dass man sie nur lesen sollte, wenn man lange, ruhige Abende vor sich hat, an denen man nichts anderes mehr leisten muss. Einmal, um sie angemessen zu geniessen, und dann, weil grade Donna Tartts „Die geheime Geschichte“ ein Roman von der suchterzeugend – fesselnden Sorte ist, bei dem man stĂ€ndig ĂŒberlegt, wo man noch eine Minute hat, um weiterzulesen. So ein Roman, bei dem man in den drei Tagen, in denen man ihn verschlingt, aufhört, zu kochen oder sich sonst wie um anstĂ€ndiges Essen zu bemĂŒhen und die Frage, was es gibt, nur noch zwischen „schnell ein Brot in der Hand, wĂ€hrend die andere das Buch hĂ€lt“ und „ich ess morgen, das reicht auch noch“ pendelt. Die Sorte Buch, die einen mit Freuden zum EinzelgĂ€nger werden lĂ€sst, der nichts von der Welt draussen wissen will.

Es gibt kaum was gemĂŒtlicheres, als von verschneiten, bitterkalten Wintern in Vermont zu lesen, wĂ€hrend man warm und gemĂŒtlich eingekuschelt auf dem Sofa liegt. Die Geschichte um sechs Collegestudenten, die quasi aus Versehen einen Mord begehen und ihn mit einem anderen vertuschen mĂŒssen, entwickelt sich gnadenlos und mit einem Sog, der weit ĂŒber das Krimiartige hinausgeht. Es geht um Fragen der Moral, Schuld und Verantwortung. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr hat man das GefĂŒhl, in einer griechischen Tragödie zu sein, die sich auf ein unausweichliches Ende zubewegt. Wem das zu dostojewskihaft oder philosophisch klingt: das ist es nicht (nur). Das fesselnde daran ist ja grade, dass diese Gruppe von Altgriechischstudenten exzentrisch, dekadent und elitĂ€r ist, das Ganze aber so alltĂ€glich und detailreich beschrieben in den normalen amerikanischen Unialltag eingebettet ist, dass man kaum Distanz spĂŒrt. Im Gegenteil, man fragt sich: wo wĂ€re ich da gestanden? Wie hĂ€tte ich gehandelt?

(Kleiner Exkurs: das Buch spricht mich auch auf besonders persönliche Weise an, weil es exakt in dem Jahr herauskam, in dem ich in Amerika studiert habe. Vieles an den Alltagsgegebenheiten erkenne ich wieder, und es gibt mehr als eine Parallele zu meinem Leben auf dem Campus des lĂ€ndlichen Kleinstadt – Colleges, in dem ich studiert habe. Und wir waren sogar ein noch kleinerer Zirkel: nur drei Klavierstudenten um einen charismatischen, wohlgesonnenen und grosszĂŒgigen Professor, dem unsere allgemeine Erziehung und Bildung mindestens so am Herzen lag wie unsere handwerklich einwandfreie Ausbildung am Klavier. Und wie Camilla im Buch war ich das einzige MĂ€dchen in einer MĂ€nnergruppe und hab da ganz anders gelernt, mich zu behaupten. Deshalb meine grosse Faszination fĂŒr den Roman, die andere vielleicht nicht nachvollziehen können – auf eine gewisse Art ist es eine Zeitreise fĂŒr mich.)

„Die geheime Geschichte“ ist aus den Neunziger Jahren und Donna Tartts erstes Buch. Ich war sicher, dass es verfilmt ist – der Stoff schreit geradezu danach – aber glĂŒcklicherweise hat sich noch niemand gefunden, der dazu bereit wĂ€re. Es ist die Art Geschichte, in der man trotz DĂŒsterkeit und Gruselelementen so lange wie möglich verweilen möchte. Und ein Film wĂ€re viel zu schnell vorbei. Die Figuren sind komplex und differenziert beschrieben, und in einer sprachlichen Brillanz und Üppigkeit, die ihresgleichen sucht. Wie in ihrem sensationellen anderen Roman „Der Distelfink“ habe ich nach der LektĂŒre das GefĂŒhl, dass ich jede der Gestalten selber schon lange kenne. Und mit einer Deutlichkeit und IntensitĂ€t, wie man sie in Dickens – Romanen findet.

Es ist ein dĂŒsteres Buch ĂŒbers Erwachsenwerden, aber ich wĂŒrde es keinem Jugendlichen schenken.

„Winter in Wien“ von Petra Hartlieb hingegen ist zarte, unschuldige, mĂ€rchenhafte LekĂŒre, die man VierzehnjĂ€hrigen wie GrossmĂŒttern gleichermassen unbedenklich schenken könnte. (Und ich muss zugeben: ich hab es wegen des ungeheuer dekorativen Jugendstil – Covers gekauft, und schon deshalb wĂŒrde es sich als Geschenk wunderbar eignen.) WĂ€hrend die Figuren im anderen Roman prall voll Leben und Schrulligkeiten sind, bleiben die beiden Hauptpersonen hier relativ blass. Auch sie sind um die 20, wachsen aber in einem völlig anderen, entbehrungreicheren Umfeld auf. Ausserdem arbeiten sie und hĂ€tten weder das BedĂŒrfnis noch die Zeit, sich zuzudröhnen oder bewusstseinserweiternde Bacchanale zu veranstalten: Marie ist KindermĂ€dchen bei Arthur Schnitzler, Oskar Angestellter in einer Buchhandlung, in der sie sich auch kennenlernen.

Der kurze Roman spielt sich innerhalb weniger Tage 1911 in Wien ab. Bald ist Weihnachten, und es beginnt tatsĂ€chlich zu schneien. Bilder von schneebedeckten ParkflĂ€chen, leise fallenden Flocken und SchlittenausflĂŒgen mit den Kindern sind Balsam fĂŒr die winterliebende Seele und ein passender Hintergrund fĂŒr die zarte Geschichte. Es gibt kaum eine erwĂ€hnenswerte Handlung, aber ich denke, das war auch so geplant. Petra Hartlieb wollte wahrscheinlich einen kurzen Moment aus dem Leben im Umfeld Schnitzlers herausnehmen und wie unter einer Lupe Wiener Alltagsleben kurz vor Weihnachten zeigen, komplett mit dem ganzen Zubehör einer untergegangenen Zeit wie eben Dienstboten, Köchinnen, aufwendigen Abendessen und KindermĂ€dchen, die selber zwar lesen können, aber noch nie in einer Buchhandlung waren. Alles könnte fast zu schlicht sein, wenn sie nicht den Moment herausgepickt hĂ€tte, der den Kern zu einer spannenden Entwicklung in sich trĂ€gt (die dann im Buch nicht mehr vorkommt…): Marie kommt in Kontakt mit der magischen Welt der BĂŒcher und allem, wofĂŒr sie stehen können – Bildung, Weiterentwicklung, Weltflucht – , und man ahnt und hofft, dass sie nicht immer KindermĂ€dchen bleiben wird. Diese Begegnung mit anderen SphĂ€ren deutet eine positive Entwicklung der Hauptfigur an. Man möchte gern erfahren, wie es ihr mit 30 geht, weil man schon ahnt, dass es nur angenehm und erfreulich sein wird. Hingegegen die ĂŒberlebenden Studenten aus dem anderen Roman – ich weiss nicht… Sie sind schon mit Anfang 20 so exzessiv und haltlos, dass bei manchen der Absturz direkt vorprogrammiert ist. Das will man dann lieber gar nicht wissen. Auch in der Hinsicht hat „Winter in Wien“ was MĂ€rchenhaftes: sie werden glĂŒcklich bis an ihr Ende leben, man kann beruhigt das hĂŒbsche Buch zuklappen und die Nachttischlampe ausknipsen.

(Abbildungen: Kindler -Verlag, Goldmann – Verlag)