Drei Hochzeiten und vierzehn Todesf├Ąlle

15. April, 201609:52 von

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K├╝rzlich habe ich Jane Austen’s „Emma“ wieder gelesen. Die Heldin wird gefragt, wie sie sich das Alter als unverheiratete Frau vorstellt und sie antwortet so ungef├Ąhr, dass sie, wenn sie das betagte Alter von ├╝ber 40 erreichen sollte, wahrscheinlich mit Handarbeiten auf dem Sofa sitzen w├╝rde. Allen Aussagen wie „50 ist das neue 30“ etc. zum Trotz f├╝hle ich mich alt. Man schmiert sich Granatapfelcreme ins Gesicht, haut sich Chiasamen ins M├╝sli, bewegt sich viel an der frischen Luft und ist biologisch m├Âglicherweise j├╝nger als die Menschen zu Austens Zeiten. Aber das gef├╝hlte Alter – damit sieht es ganz anders aus. Denke ich mir, als ich eine Bekannte nach langer Zeit mal wieder in einem Caf├ę treffe und mich so diskret wie m├Âglich auf dem schmalen, harten Bistrostuhl winde, um meine vom Joggen schmerzende H├╝fte m├Âglichst bequem unterzubringen (kein Sofa in Sicht, leider). Es g├Ąbe f├╝r mich kein spannenderes Thema als meine Wehwehchen durch zu viel Sport – aber das kann ich meinem Gegen├╝ber wirklich nicht antun. Zumal sie schon mitten in einem fesselnden Monolog ist ├╝ber eigene diverse Schmerzen, die einfach nicht mehr so schnell weggehen wie fr├╝her noch. Und dann hat sie sich noch falsch bandagiert und hat einen riesigen blauen Fleck – das war fr├╝her auch anders.

Dank des bayerischen Lehrplans, der einen so wunderbar aufs wirkliche Leben vorbereitet,┬ábin ich schon seit jungen Jahren gest├Ąhlt in der Philosophie der Stoiker. Ich┬ábilde mir ein, mein Leben mit Gleichmut zu ertragen und mir bewusst zu sein, dass alles eher nichtig und irgendwann ohnehin vorbei ist – aber selbst ich komme an meine Grenzen. Seit ein Freund im Herbst gestorben ist, gehe ich fast jede Woche zum Friedhof. Fr├╝her haben wir uns auch mindestens einmal pro Woche unterhalten und irgendwie brauch ich das noch eine gewisse Zeit. Als ich von einem dieser G├Ąnge zur├╝ckkehre, bekomme ich einen Anruf: eine Bekannte in meinem Alter ist gestorben, pl├Âtzlich und unerwartet, wie es immer heisst. Aber kann man in meinem Alter noch von „unerwartet“ sprechen? Mit so vielen Jahren auf dem Buckel, so vielen sch├Ânen Erlebnissen, Erfahrungen, Reisen – was will man denn noch mehr? Man muss im Gegenteil dankbar sein, dass man das bisherige reiche Leben in Frieden und Wohlstand verbringen durfte. Ich bilde mir ein, dass ich ohne viel Hadern abtreten k├Ânnte. Ich war noch nie in Paris und habe aus Vernunftgr├╝nden weniger Schokolade gegessen, als m├Âglich gewesen w├Ąre – aber das sind harmlose Vers├Ąumnisse, die man sicher nicht in den letzten Sekunden bereuen w├╝rde. Um mein eigenes Ableben mache ich mir keine Gedanken. Es sind eher die vielen anderen Abschiede, die mir langsam an die Nieren gehen. Und die Erkenntnis k├╝rzlich, dass wir in unserem Bekanntenkreis nahtlos von Examensfeiern in bunten Kleidern zu diesen ewigen Beerdigungen ├╝bergegangen sind. Vielleicht haben wir seltsame Bekannte, aber Hochzeiten oder gar Taufen waren ├Ąusserst rar in den letzten Jahrzehnten. Feiern mit pastellfarbener Deko oder sinnlos grossen, sch├Ân verzierten Torten kenne ich eher aus Filmen. Und dass ich das h├╝bsche Kleidchen in einem fr├╝hlingshaften Schwarz kaufe, weil – wozu Rot? Ist das normal? Sind es grade seltsame f├╝nfzehn Jahre, und irgendwann wird alles stabiler? Oder – ist es einfach das Leben? Ich hab schon kapiert, dass das Leben ganz anders l├Ąuft, als wir es planen. Und dass Ver├Ąnderung die einzig wirkliche Konstante ist, so gern wir es manchmal anders h├Ątten. Trotzdem ist es immer wieder schwer, das zu akzeptieren.

Da hilft nur Klavierspielen.