Drei Hochzeiten und vierzehn Todesfälle

Kürzlich habe ich Jane Austen’s „Emma“ wieder gelesen. Die Heldin wird gefragt, wie sie sich das Alter als unverheiratete Frau vorstellt und sie antwortet so ungefähr, dass sie, wenn sie das betagte Alter von über 40 erreichen sollte, wahrscheinlich mit Handarbeiten auf dem Sofa sitzen würde. Allen Aussagen wie „50 ist das neue 30“ etc. zum Trotz fühle ich mich alt. Man schmiert sich Granatapfelcreme ins Gesicht, haut sich Chiasamen ins Müsli, bewegt sich viel an der frischen Luft und ist biologisch möglicherweise jünger als die Menschen zu Austens Zeiten. Aber das gefühlte Alter – damit sieht es ganz anders aus. Denke ich mir, als ich eine Bekannte nach langer Zeit mal wieder in einem Café treffe und mich so diskret wie möglich auf dem schmalen, harten Bistrostuhl winde, um meine vom Joggen schmerzende Hüfte möglichst bequem unterzubringen (kein Sofa in Sicht, leider). Es gäbe für mich kein spannenderes Thema als meine Wehwehchen durch zu viel Sport – aber das kann ich meinem Gegenüber wirklich nicht antun. Zumal sie schon mitten in einem fesselnden Monolog ist über eigene diverse Schmerzen, die einfach nicht mehr so schnell weggehen wie früher noch. Und dann hat sie sich noch falsch bandagiert und hat einen riesigen blauen Fleck – das war früher auch anders.

Dank des bayerischen Lehrplans, der einen so wunderbar aufs wirkliche Leben vorbereitet, bin ich schon seit jungen Jahren gestählt in der Philosophie der Stoiker. Ich bilde mir ein, mein Leben mit Gleichmut zu ertragen und mir bewusst zu sein, dass alles eher nichtig und irgendwann ohnehin vorbei ist – aber selbst ich komme an meine Grenzen. Seit ein Freund im Herbst gestorben ist, gehe ich fast jede Woche zum Friedhof. Früher haben wir uns auch mindestens einmal pro Woche unterhalten und irgendwie brauch ich das noch eine gewisse Zeit. Als ich von einem dieser Gänge zurückkehre, bekomme ich einen Anruf: eine Bekannte in meinem Alter ist gestorben, plötzlich und unerwartet, wie es immer heisst. Aber kann man in meinem Alter noch von „unerwartet“ sprechen? Mit so vielen Jahren auf dem Buckel, so vielen schönen Erlebnissen, Erfahrungen, Reisen – was will man denn noch mehr? Man muss im Gegenteil dankbar sein, dass man das bisherige reiche Leben in Frieden und Wohlstand verbringen durfte. Ich bilde mir ein, dass ich ohne viel Hadern abtreten könnte. Ich war noch nie in Paris und habe aus Vernunftgründen weniger Schokolade gegessen, als möglich gewesen wäre – aber das sind harmlose Versäumnisse, die man sicher nicht in den letzten Sekunden bereuen würde. Um mein eigenes Ableben mache ich mir keine Gedanken. Es sind eher die vielen anderen Abschiede, die mir langsam an die Nieren gehen. Und die Erkenntnis kürzlich, dass wir in unserem Bekanntenkreis nahtlos von Examensfeiern in bunten Kleidern zu diesen ewigen Beerdigungen übergegangen sind. Vielleicht haben wir seltsame Bekannte, aber Hochzeiten oder gar Taufen waren äusserst rar in den letzten Jahrzehnten. Feiern mit pastellfarbener Deko oder sinnlos grossen, schön verzierten Torten kenne ich eher aus Filmen. Und dass ich das hübsche Kleidchen in einem frühlingshaften Schwarz kaufe, weil – wozu Rot? Ist das normal? Sind es grade seltsame fünfzehn Jahre, und irgendwann wird alles stabiler? Oder – ist es einfach das Leben? Ich hab schon kapiert, dass das Leben ganz anders läuft, als wir es planen. Und dass Veränderung die einzig wirkliche Konstante ist, so gern wir es manchmal anders hätten. Trotzdem ist es immer wieder schwer, das zu akzeptieren.

Da hilft nur Klavierspielen.

1 Gedanke zu „Drei Hochzeiten und vierzehn Todesfälle

  1. geh Martina, aus der Warte meiner Jahre bist doch no a jungs Madl!!!!
    Frei di über jeden Tag dens grad hast.

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