Mein gechilltester Arbeitstag

23. April, 201608:15 von

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DSCF1957Letzten Mittwoch wurde ich abgeordert, unsere Sch√ľler auf der Busfahrt zur j√§hrlichen Chor- und Orchesterprobenphase zu beaufsichtigen, da alle anderen Musiklehrer schon vor Ort waren. Aus rechtlichen Gr√ľnden kann man¬†wohl nicht 108 Minderj√§hrige allein den beiden Busfahrern aufs Auge dr√ľcken. Super, dachte ich bei mir. Das wird wieder eine Aktion der Marke „ich w√ľrd doch lieber den Sack Fl√∂he nehmen“. Ein Haufen aufgedrehter Schratzen, froh, der Schule entronnen zu sein – und ich soll einen Fr√ľhlingsvormittag im Bus verbringen, statt am Inn zu laufen. Meine Begeisterung war, vorsichtig gesagt, verhalten. Aber dann wurde es unversehens einer der entspanntesten Tage meiner Karriere… Weil unsere Kinderchen einfach so nett und ordentlich sind. Jeder hat ein Interesse daran, dass sein Instrument und das √úbernachtungsgep√§ck mitkommt, also verlief das Be- und Entladen der Dinge reibungslos. Ich fuhr im Orchesterbus mit. Die Sch√ľler unterhielten sich ged√§mpft und scheinbar nur √ľber Musikalisches und das bevorstehende Abi – selten so eine ruhige Busfahrt erlebt! Und meinen einzig wichtigen Job hab ich delegiert: als ich die Anwesenheit kontrollieren wollte, schielte einer unserer Abiturienten sehnsuchtsvoll auf die Liste und den Stift in meiner Hand und meinte: „ich tr√§um seit der F√ľnften davon, mal die Anwesenheit zu machen“ – worauf ich ihm alles in die Hand dr√ľckte und er, selig wie ein Honigkuchenpferd grinsend, zum Mikrofon griff.

Die R√ľckfahrt durch bl√ľhende L√∂wenzahnwiesen war √§hnlich entspannt.¬†Nach zwanzig Minuten auf Alteglofsheimer Boden, in denen die Busse ent- und wieder beladen und die Gruppen getauscht¬†worden waren,¬†waren jetzt haupts√§chlich F√ľnftkl√§ssler in meinem Bus, die alle etwas platt vom Schlafmangel waren und unerwartet ruhig. Eine Erwachsene brauchten sie nur, um zu fragen, wann wir da sind. (Und um zu versuchen, sie mit Schokolade zu m√§sten – st√§ndig h√∂rte ich „gib das mal vor zur Frau Sommerer“, und wieder kam eine goldene Ferrero-Kugel zu mir – die ich diskret zum Busfahrer weiterleitete…) Alles harmlos und angenehm. W√§hrend wir so gem√§chlich durch Niederbayern zuckelten, vorbei an rosa und weiss bl√ľhenden Obstb√§umen und Wiesen im ersten explosiven Fr√ľhlingsgr√ľn, dachte ich, wie viel mehr man doch von den Kindern erwarten darf. Dass sie sich nur „kindisch“ benehmen, wenn man sie auch so behandelt. Zu viel Kontrolle kann schaden. Wenn man Verantwortung abgibt und delegiert, zeigen sie erst, wozu sie in der Lage sind. (Dazu muss man aber auch sagen, dass wir besonders ordentliche und „normale“ Sch√ľler haben. Das merke ich im Schulalltag auch immer wieder, und das ist schon ein Privileg.)

Erst war ich wenig begeistert, den ganzen Vormittag lang unbezahlte √úberstunden zu machen und dann direkt in meinen Unterrichtsalltag zu fallen. Als wir um zwei wieder an der Schule ankamen, war ich durch die vielen sch√∂nen Eindr√ľcke auf der Fahrt und schon auch die Tatsache, dass ich nix zu tun hatte ausser anwesend zu sein, so gechillt, dass ich mich einfach nur aufs Unterrichten freute. So eine Arbeitszeit von 9 bis 14 Uhr hat schon was. Die vielen Abendstunden, die f√ľr uns Musiker Alltag sind, sind dagegen eine Qual. Ein paar Jahre lang hatten wir nach dem Montagskonzert immer Fachsitzung, also bis 22 Uhr¬†– da wusste ich beim Heimfahren manchmal nicht mehr, wo die Gangschaltung ist. Vormittags bin ich f√ľr jede Mehrarbeit zu haben.

Und was definitiv toll war an diesem „Arbeitstag“: im Gegensatz zu meinen √ľberlangen Donnerstagen zum Beispiel, an denen ich mich oft nur noch flach atmend durch den Tag schleppe und meine Sauerstoffzufuhr manchmal durch ein lautes Durchschnaufen optimieren muss, ist mir richtig aufgefallen, dass ich nichts tue ausser dasitzen und ruhig und meditativ atmen. W√§hrend ich bl√ľhende Kirschb√§ume angucke. Keine R√ľckrufe, Mailbeantworten, nebenbei W√§scheaufh√§ngen und gleichzeitig kochen, wie das sonst oft an meinen Vormittagen aussieht. Ich w√§re eine ausgeglichenere Lehrerin, wenn ich jeden Morgen vier Stunden meditieren w√ľrde… Aber auch eine mit nix mehr Anzuziehen und einem leeren K√ľhlschrank.