Zeit als Raum

21. M├Ąrz, 201608:24 von

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DSCF2169Meine Erwachsenen halten mich auf Trab. Einmal zeitlich, weil sie einfach (fast) immer erscheinen und meine Unterrichtstage voller sind als geplant. Aber haupts├Ąchlich gedanklich. Vor und nach dem Unterrichten besch├Ąftigen mich ihre so komplett unterschiedlichen Bed├╝rfnisse und Herangehensweisen mehr als erwartet und ich bin st├Ąndig am ├ťberlegen, wie ich mich noch besser um sie k├╝mmern kann. Die Anschaffung und Lekt├╝re von „Erwachsene im Instrumentalunterricht“ von Reinhild Spiekermann hat sich schon wegen eines winzigen Abschnitts gelohnt:

„Musikalisches Lernen findet auf Umwegen statt, muss nicht immer zielgerichtet sein und enth├Ąlt Phasen unterschiedlicher Intensit├Ąt. Insofern kann der Lernprozess nicht als linearer angesehen werden, in dem „Zeit als Strecke“ verstanden wird, sondern sollte als „Raum“ begriffen werden. Der p├Ądagogische Umgang mit der Zeit sollte dem Lernenden erm├Âglichen, seine „subjektive Zeit“ einzubringen in das Unterrichtsgeschehen.“ (Seite 82)

Nat├╝rlich gilt das auch f├╝r Kinder – je j├╝nger sie sind, desto mehr „m├Ąandert“ das Lernen, bewegt sich spiral – oder schleifenf├Ârmig vor und zur├╝ck. Aber das ist normal, keiner f├╝hlt sich beunruhigt oder gestresst. Und je nach Fall geniesse ich es, das Gelernte zu unterf├╝ttern mit Extrast├╝cken, die grade hilfreich sind. Oder einfach Spass machen. Und systematische Wiederholungen von alten St├╝cken sind Teil des Unterrichtskonzepts. Sie k├Ânnten als R├╝ckschritt empfunden werden, untermauern und festigen aber auf wunderbare Weise das Gelernte und helfen, „belesener“ zu werden. Oft werden diese Wiederholungen von den Kindern selber angeregt. Sie zeigen mir damit auf wunderbare Art, dass es nicht darum geht, Strecke zu machen, sondern einfach Klavier zu spielen. Und dass sie v├Âllig mit dieser Tatsache zufrieden sind. Wie eine Sechstkl├Ąsslerin, die letzte Woche mit dem Feenheft von Alec Rowley ankam und sagte, sie m├Âchte mir mal wieder alle St├╝cke vorspielen, die wir da drin gemacht haben – wohlgemerkt, das war in der zweiten und dritten Klasse. W├Ąhrend sie loslegte und dabei auch erkl├Ąrte, wer von den Geschwistern welches Bild damals ausgemalt hatte, ertappte ich mich dabei, dass ich ├╝berlegte, ob ich diese „Zeitverschwendung“ in der Stunde limitieren soll und ihr sagen soll, dass sie noch zwei St├╝cke spielen kann und den Rest zuhause machen soll. Aber ich sp├╝rte an ihrem Stolz ├╝ber die gelungenen St├╝cke, dass sie eben auch mir zeigen wollte, wie sie sie jetzt spielt. Dass die St├╝cke und auch die mit meinem grossen Farbenkasten ausgemalten Bilder Teil unserer gemeinsamen Vergangenheit sind. Es war ein enormer Schritt r├╝ckw├Ąrts – und gleichzeitig wertvolle und wirklich beruhigend sch├Âne zehn Minuten, die ihr Klavierspielen auf mehreren Ebenen gefestigt haben.

Von meinen Erwachsenen k├Ąme keiner auf die Idee, mit leuchtenden Augen die „Babyst├╝cke“ aus den allerersten Monaten spielen zu wollen. Ganz im Gegenteil: wir sind besessen davon, unsere Zeit so effektiv wie m├Âglich zu verbringen, wollen messbare Fortschritte sehen und letztlich ist Zeit ja auch Geld (daf├╝r haben Kinder noch kein Bewusstsein. Und sind deshalb wunderbar frei…) Und ich muss mich da durchaus an die eigene Nase fassen und fragen, wie sehr ich durch meine eigene Einstellung zu der ├╝bergrossen Erwartungshaltung mancher beitrage. Denn wenn es um mich und mein eigenes Lernen geht, denke ich auch erst mal, es muss Ergebnisse bringen, ich muss weiter kommen und besser werden und was vorzeigen k├Ânnen. Es w├Ąre purer Luxus, etwas nur zu tun, weil man’s gerne tut und dabei Freude empfindet. Oder?! (Spricht die Frau, die so ├╝berdiszipliniert ihr Lauftraining begonnen hat, dass nach vier Wochen wahlweise Knie, H├╝fte und Bandscheiben wehtaten und es eine Qual war, Treppen runterzusteigen. Jetzt bin ich dabei, Schritt f├╝r Schritt alles anders und langsamer aufzubauen und sage mir dabei min├╝tlich vor: es kommt nicht darauf an, wie schnell ich wie weit laufe, sondern – DASS ich laufe. Dass ich draussen bin und es einfach tue. Ohne messbare Ergebnisse. Das ist vielleicht ein Umdenken!)

Viele Erwachsene kommen mit der ganz konkreten Frage, wann sie dieses oder jenes St├╝ck spielen k├Ânnen. Oder allgemeiner: wie┬álange es braucht, um Klavier zu lernen. Ich versuche, von Anfang an klarzustellen, dass wir hier in Jahren denken m├╝ssen, nicht in Monaten. Trotzdem kann sich nach einem Jahr Ungeduld breit machen, auch Entt├Ąuschung und Staunen, wie schwer und langwierig es doch ist. Vielleicht auch Frust und Gedanken, aufzugeben, weil man vielleicht doch zu alt ist. Kinder fragen so was gar nicht. Das ist ein Segen. So gut Selbstreflexion ist: sie kann einen auch hemmen, unbefangen und frei an eine Sache heranzugehen. Und Vergleiche mit anderen bringen einen auch nicht weiter: jeder hat sein ganz eigenes Lerntempo.

Vielleicht┬ágelingt es mir, dieses „Zeit als Raum“-Konzept meinen Erwachsenen n├Ąher zu bringen. Meine erste Assoziation dabei war der Raum als eine riesengrosse, schillernde Seifenblase, die sich je nach Bedarf auch oval verformen kann, immer wabert und lebendig und dehnbar ist. Jeder hat seine eigene, sch├Âne und sch├╝tzende Seifenblase, in der er sich vor, zur├╝ck oder seitw├Ąrts bewegen kann. Sie┬áver├Ąndert sich mit uns unser Leben lang, kann erweitert und vergr├Âssert werden oder Geborgenheit geben, so wie sie ist. Es w├Ąre eine echte Errungenschaft, sich ├╝berhaupt erst mal dar├╝ber zu freuen, dass man es geschafft hat, sich einen Klavier – Raum zu errichten. Wer hat das schon?