Noch eine Falle…

26. Februar, 201607:50 von

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1930s Woman Receptionist Secretary Sitting At Desk In Office Talking On TelephoneVor ein paar Jahren habe ich ĂŒber eine typische Falle von SelbstĂ€ndigen geschrieben: weiter arbeiten, auch wenn man krank ist. Inzwischen tappe ich munter in einer anderen herum: mehr Arbeit annehmen, als gut ist, denn es könnten ja mal schlechtere Zeiten kommen. Das Seltsame daran: ich bin mir bewusst, was ich tue, und spĂŒre auch, dass es langsam nicht mehr gut ist, schaffe es aber nicht, die Bremse reinzuhauen aus einer Art (unberechtigter?) Zukunftsangst heraus. Bei allem Optimismus denke ich manchmal: das, was ich tue, ist derartig exotisch, und vielleicht ist es doch eine aussterbende Sache, Musik selber und aktiv zu machen – was, wenn es in zehn oder fĂŒnfzehn Jahren einfach keinen Bedarf an Klavierunterricht mehr gibt? Da muss ich mitnehmen, was geht, und noch so vielen Menschen wie möglich zeigen, wie schön es doch ist. Das ist das grundsĂ€tzliche Denkproblem. Und dann gibt es das ganz individuelle. Erst mal generell: wenn ich diesen SchĂŒler abweise, dann aber drei plötzlich aufhören, dann wĂŒrde ich mich Ă€rgern. Und das spezielle (dem erliege ich immer): wenn man ein Kindchen mal kennengelernt hat, einen kleinen Einblick in seine FĂ€higkeiten gekriegt hat, denkt man immer wieder: was, wenn hier ein ganz spannendes Talent schlummert? Wie mĂŒhelos er die HĂ€nde koordiniert, wie toll er nachsingt, wie gern er verschiedene KlĂ€nge sucht – ich muss da dranbleiben! Jeder neue SchĂŒler bringt so einen Schatz an Möglichkeiten und FĂ€higkeiten mit, und es fĂ€llt mir meistens sehr schwer, da „nein“ zu sagen. Denn es könnte ja der eine, der ganz besondere sein…

Ich bin froh und dankbar ĂŒber den Zulauf, den ich grade erfahre. Auffallend ist, dass die neuen SchĂŒler immer grĂŒppchenweise aus einer bestimmten Ecke kommen: ein paar Wochen lang gab es nur ViertklĂ€ssler, dann FĂŒnfzigjĂ€hrige, dann Adelige, immer in Dreier- oder Viererpacks. Das ist auch werbemĂ€ssig interessant, wenn man sieht, welche Kreise die Mundpropaganda zieht. Aber ich schĂŒttel auch den Kopf ĂŒber mich selber. Eine typische Situation letzte Woche: zwei ZehnjĂ€hrige rufen an wegen Stunden. Ich arrangiere so schnell wie möglich Schnupperstunden, weil ich mir generell vorgenommen habe, entweder gleich abzusagen oder Leute, die eh schon mit den Hufen scharren, nicht im Unklaren zu lassen. Nach dem Kennenlernen entscheiden sich beide fĂŒr Stunden und ich freue mich, obwohl ich eigentlich keinen Platz mehr fĂŒr sie habe. Aber – es könnten  ja zum neuen Schuljahr Ă€ltere SchĂŒler aufhören oder ins Ausland gehen, und bald ist eh Ostern und langsam muss ich den  Herbst planen und vorbauen… Also wird eine abends drangehĂ€ngt, die andere kommt in meiner Mittagspause. Keine 60 Minuten mehr zum Kochen und kurz die Stille geniessen, sondern 15 Minuten fĂŒr Kaffee und Erdnussbutterbrot.

BuchstĂ€blich am nĂ€chsten Tag riefen zwei SchĂŒlerinnen zurĂŒck, die wegen Konzentration auf die Schule fĂŒr ein halbes Jahr Pause machen wollten. Ich hab sie nie aufgegeben, dachte aber, das halbe Jahr kann sich ja auch ausweiten, wer weiss, wann sie wiederkommen. Kaum haben sie das Zwischenzeugnis in den Pfötchen, greifen sie zum Hörer. Und weil sie vorher schon da waren, Ă€ltere Rechte haben, weise ich sie natĂŒrlich nicht zurĂŒck. Sondern hĂ€nge sie noch spĂ€ter abends dran, ohne viel nachzudenken. Und stelle erst danach fest: super, von einer Woche auf die andere hab ich vier SchĂŒler mehr, ohne dass ich das vorhatte.

Und dann kommen auch meine Erwachsenen noch derartig regelmĂ€ssig und diszipliniert! Da nehme ich ja auch immer mehr an, weil sie aus Erfahrung immer mal wieder absagen, wenn es im Job oder im Leben rund geht, und ich so eher die Formel habe, dass nur ein Drittel von ihnen pro Woche auch kommt. Denn alle stehen noch im Berufsleben und schaufeln sich diese Vormittagsstunden bewusst frei. Meine RechenkĂŒnste waren noch nie erwĂ€hnenswert, und auch hier bin ich trotz vielleicht richtigen Lösungswegs aufs falsche Ergebnis gekommen. Denn: sie kommen begeistert alle. Jede Woche oder alle zwei, wie ausgemacht. Aber es wird einfach nicht abgesagt. Die 45 Minuten, die ich dann und wann fĂŒrs eigenen Üben vorgesehen hatte – die gibt’s zur Zeit einfach nicht.

Also: bringt mich Optimismus oder Pessimismus weiter? War es zu blauÀugig, vom Schlimmsten auszugehen? Brauche ich irgendwann eine SekretÀrin, wenn das so weitergeht? (Die ganzen Extra-Termine sind nicht nur organisationsmÀssig ein Horror, sondern auch von der Buchhaltung her.) (Kann die SekretÀrin mir auch Tee machen?!)

Foto

(Und wie immer ein PS., weil sich die Ereignisse hier immer zu ĂŒberlagern scheinen: wĂ€hrend ich das Foto aussuchte, rief eine Dame an wegen Unterricht fĂŒr ihre zwei Urenkelinnen. Weil sie so gern noch erleben wĂŒrde, dass die Klavier spielen. Ist das moralischer Druck oder nicht? Was mach ich jetzt?!)