Spass mit F├╝nftonlagen

2. Februar, 201608:13 von

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DSCF6884Es ist immer wieder erstaunlich, in welchem Zickzackkurs Lernen verl├Ąuft. Man erkl├Ąrt, macht vor, l├Ąsst den Sch├╝ler nachspielen, wiederholt, beleuchtet die Sache von einem anderen Blickwinkel, wiederholt wieder, gibt f├╝r eine Woche die Hoffnung auf, erkl├Ąrt noch mal, l├Ąsst noch mal vormachen, ├╝berlegt, ob man nicht doch noch Architektin werden soll, erkl├Ąrt trotzdem noch mal die F├╝nftonlagen und bittet den Sch├╝ler, sich zu ├╝berlegen, was er in seinem zweiten Weihnachtskonzert spielen will. Und dann spaziert das Kindchen in der n├Ąchsten Woche zur T├╝r rein und sprudelt los: „Mein Thema f├╝rs Weihnachtskonzert ist die D-Lage. (Wow, meine Sch├╝ler haben Themen f├╝rs Vorspiel!) Ich hab zwei Lieder aus der Klavierschule ausgesucht, eins in Dur, eins in Moll, und wussten Sie, dass man „Jingle Bells“ auch in D-Dur spielen kann?!“ Und los geht’s, w├Ąhrend ich noch mein Kinn hochklappe. Mit einer astreinen Pr├Ąsentation, was kleine Finger mit der D-Lage anstellen k├Ânnen. Und ich schwebe ├╝ber meinem Unterrichtststuhl und vergesse den steinigen Weg der letzten Monate.

Dieser Moment – dass jemand etwas wirklich begriffen und in den Finger┬á hat und so souver├Ąn damit umgeht, dass er damit quasi spielen kann┬á –┬ádas ist der sch├Ânste und lohnendste Augenblick beim Unterrichten. Wenn ich sehe, dass jemand einen Sachverhalt wirklich verstanden hat und ich in dem Bereich ├╝berfl├╝ssig bin, dann habe ich mein Ziel erreicht.┬áZwar lauert das n├Ąchste gleich um die Ecke, und das ist es ja auch, was Unterrichten so endlos spannend macht – aber zwischendurch kann man sich kurz zur├╝cklehnen und den Erfolg feiern und geniessen.

Wenige Wochen nach dem Weihnachtserlebnis gab es den zweiten Instant-Erfolg mit F├╝nftonlagen – das Schicksal scheint es gut mit mir zu meinen! Ein anderes Kindchen, ein Jahr j├╝nger als der von oben, fing in der Stunde spontan an, ein St├╝ck zu transponieren. Ich hatte ihm „Big Chief“ aus Frances Clarks „Music Tree“ auswendig beigebracht, einfach aus Spass und zum Unterf├╝ttern des Gelernten, und weil Jungen immer wieder mal Indianer- oder Ritterlieder brauchen, bei denen es richtig zur Sache geht. „Big Chief“ ist in einer klaren F├╝nftonlage geschrieben, die Begleitung ein simples Ostinato aus Quinten. Und ich durfte den Moment miterleben, als der Groschen fiel. Als die kleinen Fingerchen erkannten: aha, das ist ja hier der f├╝nfte und der erste, und da auch, das kenn ich doch. Und aus eigenem Antrieb probierte mein Sch├╝ler, ob es nicht einen Ton tiefer auch geht. Und da auch in Dur und Moll. Und einen h├Âher. Und noch einen h├Âher. Nachdem er das Lied zw├Âlf Mal von allen Tasten gespielt hatte, spielte er es sogar noch von h aus, und unger├╝hrt in h vermindert… Und ich sass stumm daneben und liess ihn einfach entdecken. Und war dankbar: besser kann er mir nicht beweisen, dass er kapiert hat, was eine F├╝nftonlage bedeutet. Auf zu neuen Ufern! Und danke f├╝r die wahren „Spielst├╝cke“, die so genial komponiert sind, dass sie solche Erlebnisse m├Âglich machen!

(F├╝r KlavierlehrerInnen: ich bin begeistert vom Konzept von Frances Clark’s „Music Tree“. Immer auf der Suche nach der perfekten Klavierschule, hatte ich mir diese amerikanische Schule┬áaus den Sechzigerjahren bestellt. Ja, man glaubt es nicht – als es hier in der p├Ądagogischen Landschaft relativ ├Âde und streng zuging, gab es in Amerika eine wirklich ansprechende und unterhaltsame Schule, die Spass aufs Entdecken macht. Nat├╝rlich wurde sie mehrfach ├╝berarbeitet, aber St├╝cke wie „Big Chief“ sind eigentlich uralt. Nachdem mir der Unterrichtsband so gut gefallen hat, habe ich nach und┬á nach die Folgeb├Ąnde bestellt: Sammlungen von ausgesucht sch├Ânen und guten Einzelst├╝cken, die ich zum Teil noch nie geh├Ârt habe, gruppiert nach 17. bis 19. Jahrhundert und Extrab├Ąnde f├╝rs 20., die auch voll von sch├Ânen Entdeckungen sind. Die Klavierschule hab ich noch mit niemand konsequent als Unterrichtswerk verwendet, weil die Texte zum Mitsingen englisch sind. Aber die Folgeb├Ąnde sind die allerbeliebtesten Geburtstagsgeschenke geworden. Wir haben so viel Spass dran, dass ich denke, am meisten beschenke ich damit mich selbst… So gern ich deutsche Verlage unterst├╝tzen w├╝rde: mir fallen keine Sammlungen ein, die so konsequent aufeinander aufbauen und auch so alltagstauglich sind. Das „Tastenkrokodil“ oder „Toll in Moll“, die Klassiker neben der Klavierschule hier, k├Ânnen da nicht mithalten, weil die St├╝cke oft zu gehaltvoll und schwierig sind. Es fehlen kleine Zwischenschritte, ein gewisses Unterfutter, damit man m├╝helos weiter kommt und dabei den Spass an der Sache nicht verliert. Die Tatsache, dass die St├╝cke des „Music Tree“ sehr gut aufeinander aufbauen und wirklich nicht zu kompliziert sind, f├╝hrt auch dazu, dass man mehr Literatur kennenlernt, mehrere verschiedene St├╝cke in den Fingern hat, letztlich: belesener wird.

Nachteil neben der Sprache: das Bestellen der Hefte und die langen Lieferzeiten. Am besten selber einen Stoss bestellen, wenn man das Heft kennt und ├╝berzeugt ist, und bei sich lagern.)