Jedem seine Sonate

10. Februar, 201507:35 von

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DSCF7928K├╝rzlich habe ich mir in Salzburg eine lange hellblaue Strickjacke mit Zopfmuster gekauft und greife st├Ąndig danach – morgens zum Zeitunglesen ├╝ber dem Schlafanzug, zum Unterrichten, abends auf dem Sofa… Es liegt nicht nur daran, dass sie kuschelig ist, sondern dass ich die klare, helle Farbe so mag. Die sich zur Zeit auch draussen spiegelt in dieser herrlich glitzernden Schneelandschaft, wenn der blaue Himmel dr├╝ber strahlt. Es ist klirrend kalt, aber ich gehe trotzdem jeden Tag spazieren. Irgendwie brauche ich nach dem Winter diese hellen Farben und das viele Licht, mit dem wir grade verw├Âhnt werden. Und wie es aussieht, sind sogar die lilanen Zeiten im Schreibzimmer vorbei – ich habe genug von dunkelroten Pullis und lila W├Ąnden, m├Âchte Helligkeit und Eindeutigkeit um mich. War tats├Ąchlich im Baumarkt und denke ├╝ber eine Farbe namens Mandelcreme nach…

Und, wie so oft, schl├Ągt sich dieser Wunsch nach einem neuen Aufbruch und┬ádem Abstreifen von alten H├Ąuten auch musikalisch nieder. Gem├Ąss meinem neuen Jahresmotto „Weiterkommen“ ├╝berfiel mich die Lust auf eine (vermeintlich) ganz neue Beethovensonate. Jedes Alter, jedes neue Stadium im Leben braucht seine eigene Beethovensonate, oder? Und wenn es nur das Neuerwachen der Lebensgeister nach einem Winter ist… Es gibt f├╝r jede Situation die geeignete Sonate. Aus Respekt vor seinem grossartigen Werk habe ich bisher nur die fr├╝hen und mittleren Sonaten von Beethoven gespielt. Also aufgef├╝hrt. Der wenig schicke Zustand meines zweiten Bands der Sonaten – ausgebleicht und viel heller als der erste, zerfleddert und bald am Auseinanderfallen – beweist aber, dass ich mich ├╝bem├Ąssig wesentlich mehr bei den sp├Ąteren Sonaten aufgehalten habe. Dass ich sie noch niemand vorgespielt habe, zeigt vielleicht einen gewissen Optimismus, was meine Lebenserwartung betrifft. Ich hab mich eingehend mit op. 109 und 110 besch├Ąftigt, w├╝rde sie auch wahnsinnig gern┬ásofort spielen, denke aber gleichzeitig, dass es ihnen gut tut, noch ein paar Jahr(zehnt)e zu schmoren.

DSCF7931Jetzt dachte ich, was Sportliches und Bewegungsfreudiges muss her, in einer hellen Tonart, klar, gutgelaunt und energiegeladen: die Waldsteinsonate. Sie fasziniert mich schon immer, weil sie alles in sich hat, was Beethoven auszeichnet: ein unglaublich edles zweites Thema, ein wildes und dr├Ąngendes erstes, fast sportliche Passagen ├╝bers gesamte Klavier, die einfach nur Spass machen und in denen man sich richtig austoben kann – was will man mehr? Als ich anfing zu spielen, wurde ich allerdings schnell stutzig. Alles lief zu gut, f├╝hlte sich an wie Repertoire, das nur aufgew├Ąrmt werden muss. Aber ich bildete mir ein, dass ich die Sonate noch nie wirklich studiert h├Ątte, nur so gespielt. Als selbst der ber├╝chtigte Triller im letzten Satz gelang, kam es mir immer seltsamer vor. Warum konnte ich sie? Ich hatte sie garantiert nie im Konzert geh├Ârt. Habe auch keine Aufnahme. Ich gr├╝belte, ob einer meiner Mitstudenten sie vielleicht st├Ąndig gespielt hatte – mir fiel auch keiner ein. Aber meine Noten waren absolut unbeschrieben, kein einziger Fingersatz oder sonst ein Zeichen, dass ich mich schon mal damit besch├Ąftigt h├Ątte. Sehr seltsam.

Aber es war ein wunderbares ├ťben, gleich problemlos in die Vollen. Was habe ich mich im Herbst gequ├Ąlt mit der Chopin-Ballade, weil ich dachte, es muss sein und ich sollte es machen! Ich hab mir solche Gewalt angetan, und es┬áist nie gelaufen. W├Ąhrend ich mich munter durch den Beethoven pfl├╝ge, kommt mir ein Bild: der Chopin hat sich angef├╝hlt, als ob ich z├Âgernd im ungeeigneten Bikini an einem undurchsichtigen Waldsee stehe und vor lauter Seerosengeschling nicht mal einen Fuss ins Wasser bringe. Und auch gar nicht weiss, wo und wie ich rein k├Ânnte. Der Beethoven ist ein leeres, hellblaues, riesiges Schwimmbecken, das ich ganz f├╝r mich habe und in das ich mich im Sportbadeanzug mit einem Kopfsprung st├╝rze. Und ungehindert und so lange ich will loslege. (Und mich mal wieder frage: warum nicht gleich? Warum sich vorher verbiegen?)

Abends ├╝berfiel ich den Gatten schon im Flur und fragte ihn, ob er mich schon mal die Waldsteinsonate habe spielen h├Âren. W├Ąhrend er seine Jacke aufh├Ąngte, ├╝berlegte er kurz und sagte: „Hundertprozentig. Ist lange her, aber die hast du ge├╝bt.“ (Und auf ihn ist absolut Verlass in der Hinsicht. Er ist der Mensch f├╝r Opuszahlen und K├Âchelverzeichnisse. Ich spiel das ganze Zeug, kann mir aber nie merken, wie es genau heisst (oder ob ich es schon gespielt habe, offensichtlich). Er schon.) Ich konnte es nicht fassen. Ich f├╝rchte, ich bin in dem senilen Stadium angekommen, in dem man Schillers „Glocke“ noch auswendig kann, aber keine Ahnung hat, wann oder bei wem man sie gelernt hat. Oder was es zum Mittagessen gab.

„├ťbrigens hast du den Haust├╝rschl├╝ssel wieder von aussen stecken lassen.“

(Das ist kein Witz, und genau so wahr wie der Rest von diesem Blog!)

Fazit: ich sollte die luziden Moment, die mir noch bleiben, nutzen. Meinen Kopf regelm├Ąssig anstrengen, meinem K├Ârper die Bewegungen drinnen und draussen g├Ânnen, nach denen er sich sehnt, ├╝berhaupt das Leben in vollen Z├╝gen geniessen, solange das noch ohne Zivi m├Âglich ist…