Trainingscamp im Sich-Was-G├Ânnen

22. Februar, 201508:48 von

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DSCF7989Unvermutet finde ich mich in einem „Trainingscamp im Sich-Was-G├Ânnen“ wieder, in das mich eine┬áwohlmeinende Freundin┬áverbannt hat. Man muss dem Himmel dankbar sein f├╝r solche Freundinnen, die einen auf Dinge stossen, die man selber gar nicht sieht – nachdem man geschluckt hat, weil sich jemand traut, sich derartig in mein Leben einzumischen… Aber anscheinend┬áhaben andere eher als ich selber gesehen, dass ich mich besser um mich k├╝mmern k├Ânnte.┬áUnd weil ich f├╝rchte, dass ich nicht die einzige bin, die in der Hinsicht einen Schubs braucht, schreibe ich dar├╝ber. Wer war in letzter Zeit richtig lang erk├Ąltet, ohne sich eine Pause zu g├Ânnen? Wer denkt nicht, f├╝r mich oder f├╝r zuhause tut’s die alte Jacke/ Bettw├Ąsche/ Handt├╝cher schon noch? Wer erliegt nicht st├Ąndig der Versuchung, erst an seine Mitmenschen, eigene oder fremde Kinder, sonstige Bed├╝rftige zu denken, bevor man sich Zeit f├╝r sich selber nimmt? (Wer l├Ąsst jede Woche 44 Sch├╝lerInnen an sein Klavier, bevor sie endlich selber mal zwei Stunden am Tag f├╝r sich reserviert und nicht nur stumm nach den Tasten lechzt – so bin wahrscheinlich nur ich…)

Der diesmal tats├Ąchlich ersehnte Ferienbeginn wurde genutzt f├╝r eine Gesinnungs- und Bewusstseins├Ąnderung. Und wenn t├Ąglich per Mail oder Anruf geguckt wird, ob man auch dranbleibt, traut man sich kaum, zu schludern.┬áEs klingt so einfach, ist aber tats├Ąchlich nicht so leicht, immer wieder bewusst an sich und seine etwaigen Bed├╝rfnisse zu denken. Ich k├Ânnte nat├╝rlich ohne den frisch gepressten Orangensaft und den Blick auf meinen grundlos und v├Âllig f├╝r mich selbst gekauften orangen Tulpenstrauss in den Tag starten und w├╝rde auch ├╝berleben. Aber so bin ich in einer ganz anderen, begl├╝ckteren und irgendwie inspirierten Stimmung, die Energien frei macht f├╝r Anderes. Ebenso das luxuri├Âs langsame und meditative Streichen meines Zimmers in einem hellen cremebeige – kein dramatisches Lila mehr, sondern eine harmonische und ruhige Farbe, die meiner Seele grade gut tut. Und seltsamerweise Kr├Ąfte freisetzt, um den wildesten, lilasten Beeethoven zu ├╝ben… Das war unerwartet, aber gut.

Und nach dem Streichen: ein genau so ungeplantes und unerwartetes Umr├Ąumen meines Schreibzimmers, in dem jetzt alles viel praktischer ist. Man kann┬á sich an Dachschr├Ągen jahrelang den Kopf anhauen, oder man kann endlich ein zus├Ątzliches Beistelltischchen kaufen, in das die Ordner kommen und auf dem der Drucker einen permanenten Platz (inklusive permanenten Stromanschluss!!) hat. Ich weiss, es klingt l├Ącherlich f├╝r jemand, der so viel schreibt wie ich – aber ich f├╝rchte, ich bin nicht die einzige, bei der die privaten Bereiche zu kurz kommen zugunsten von anderem, vermeintlich Wichtigeren.

Was ich mir noch geg├Ânnt habe ausser ├ťben und Mittagsschlaf: eine Jahreskarte ins Lenbachhaus. Ist wirklich kein Hauskauf, macht mich aber enorm gl├╝cklich. Und ich f├╝hle mich einfach reich, wenn ich mir vorstelle, dass ich jederzeit beim Herrn Lenbach oder dem Blauen Reiter vorbeischauen kann. (Hab zu meinem Mann schon gesagt: wenn ich 300 Mal reingehe, spare ich so richtig viel…) Und, auch l├Ąngst f├Ąllig: zwei Henle-Einzelausgaben meiner aktuellen Beethoven-Sonaten. Mein Sammelband ist bald am Ende, wenn ich so weitermache. Ist aber durch die jahrzehntelange Bearbeitung mit Fingers├Ątzen etc. derart wertvoll, dass er nicht einfach ersetzt werden kann. Also gibt es ab jetzt leichter transportierbare Einzelausgaben. Erstaunlich, wie sp├Ąt man auf die wirklichen Erleichterungen im Leben kommt.

Erstaunlich, wie es die Batterien aufl├Ądt, wenn man eine Woche lang an sich denkt und sich was g├Ânnt. Bin mal gespannt, ob ich den Schein f├╝rs erfolgreiche Absolvieren dieses Camps bewilligt kriege…