Trainingscamp im Sich-Was-Gönnen

DSCF7989Unvermutet finde ich mich in einem „Trainingscamp im Sich-Was-Gönnen“ wieder, in das mich eine wohlmeinende Freundin verbannt hat. Man muss dem Himmel dankbar sein für solche Freundinnen, die einen auf Dinge stossen, die man selber gar nicht sieht – nachdem man geschluckt hat, weil sich jemand traut, sich derartig in mein Leben einzumischen… Aber anscheinend haben andere eher als ich selber gesehen, dass ich mich besser um mich kümmern könnte. Und weil ich fürchte, dass ich nicht die einzige bin, die in der Hinsicht einen Schubs braucht, schreibe ich darüber. Wer war in letzter Zeit richtig lang erkältet, ohne sich eine Pause zu gönnen? Wer denkt nicht, für mich oder für zuhause tut’s die alte Jacke/ Bettwäsche/ Handtücher schon noch? Wer erliegt nicht ständig der Versuchung, erst an seine Mitmenschen, eigene oder fremde Kinder, sonstige Bedürftige zu denken, bevor man sich Zeit für sich selber nimmt? (Wer lässt jede Woche 44 SchülerInnen an sein Klavier, bevor sie endlich selber mal zwei Stunden am Tag für sich reserviert und nicht nur stumm nach den Tasten lechzt – so bin wahrscheinlich nur ich…)

Der diesmal tatsächlich ersehnte Ferienbeginn wurde genutzt für eine Gesinnungs- und Bewusstseinsänderung. Und wenn täglich per Mail oder Anruf geguckt wird, ob man auch dranbleibt, traut man sich kaum, zu schludern. Es klingt so einfach, ist aber tatsächlich nicht so leicht, immer wieder bewusst an sich und seine etwaigen Bedürfnisse zu denken. Ich könnte natürlich ohne den frisch gepressten Orangensaft und den Blick auf meinen grundlos und völlig für mich selbst gekauften orangen Tulpenstrauss in den Tag starten und würde auch überleben. Aber so bin ich in einer ganz anderen, beglückteren und irgendwie inspirierten Stimmung, die Energien frei macht für Anderes. Ebenso das luxuriös langsame und meditative Streichen meines Zimmers in einem hellen cremebeige – kein dramatisches Lila mehr, sondern eine harmonische und ruhige Farbe, die meiner Seele grade gut tut. Und seltsamerweise Kräfte freisetzt, um den wildesten, lilasten Beeethoven zu üben… Das war unerwartet, aber gut.

Und nach dem Streichen: ein genau so ungeplantes und unerwartetes Umräumen meines Schreibzimmers, in dem jetzt alles viel praktischer ist. Man kann  sich an Dachschrägen jahrelang den Kopf anhauen, oder man kann endlich ein zusätzliches Beistelltischchen kaufen, in das die Ordner kommen und auf dem der Drucker einen permanenten Platz (inklusive permanenten Stromanschluss!!) hat. Ich weiss, es klingt lächerlich für jemand, der so viel schreibt wie ich – aber ich fürchte, ich bin nicht die einzige, bei der die privaten Bereiche zu kurz kommen zugunsten von anderem, vermeintlich Wichtigeren.

Was ich mir noch gegönnt habe ausser Üben und Mittagsschlaf: eine Jahreskarte ins Lenbachhaus. Ist wirklich kein Hauskauf, macht mich aber enorm glücklich. Und ich fühle mich einfach reich, wenn ich mir vorstelle, dass ich jederzeit beim Herrn Lenbach oder dem Blauen Reiter vorbeischauen kann. (Hab zu meinem Mann schon gesagt: wenn ich 300 Mal reingehe, spare ich so richtig viel…) Und, auch längst fällig: zwei Henle-Einzelausgaben meiner aktuellen Beethoven-Sonaten. Mein Sammelband ist bald am Ende, wenn ich so weitermache. Ist aber durch die jahrzehntelange Bearbeitung mit Fingersätzen etc. derart wertvoll, dass er nicht einfach ersetzt werden kann. Also gibt es ab jetzt leichter transportierbare Einzelausgaben. Erstaunlich, wie spät man auf die wirklichen Erleichterungen im Leben kommt.

Erstaunlich, wie es die Batterien auflädt, wenn man eine Woche lang an sich denkt und sich was gönnt. Bin mal gespannt, ob ich den Schein fürs erfolgreiche Absolvieren dieses Camps bewilligt kriege…

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