Ein Tag im Leben…

9. Januar, 201509:52 von

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DSCF7913Ein ganz normaler Montag Ende November. Als ich morgens meine Socken anziehen will, ruft eine Mutter zur├╝ck, mit der ich letzte Woche l├Ąnger telephonieren musste: ihr Dreizehnj├Ąhriger hat drei Mal Klavier geschw├Ąnzt zugunsten von McDonalds. Urspr├╝nglich wollte er in seiner Mittagspause Unterricht, aber jetzt ist ihm die Zeit mit seinen Freunden wichtiger. Die Mutter hatte keine Ahnung, dass er sich nicht entschuldigt, und wir beschliessen, ihn vor die Wahl zu stellen: McDonalds und Klavier an einem anderen Tag, oder anders rum. W├Ąhrend ich mit den Socken k├Ąmpfe, sagt sie mir, dass er sich f├╝r den anderen Tag (und die Tatsache, dass er danach drei Stunden auf den Bus warten muss) entschieden hat. Wir haben bewusst ihm die Entscheidung ├╝berlassen, weil er damit leben muss, und anscheinend schreckt ihn der vierte Nachmittag in der Schule weniger als sich aus der Clique ausgeschlossen zu f├╝hlen. Auch okay.

Ohne Bach – Fuge ├╝berstehe ich den heutigen Tag nicht. Ein Prokrastinations – Bach sozusagen, denn ich h├Ątte genug zu ├╝ben. Aber ich g├Ânne mir die Viertelstunde mit meinem ersten Tee, bevor ich mich an die Geigensachen mache, die ich im Montagskonzert heute abend begleiten muss. Um elf gibt es Fr├╝hst├╝ck und Mittagessen in einem mit einem R├╝hrei und Joghurt, dann bin ich schon fast sp├Ąt dran, um nach Erding zu fahren. (F├╝nf Bahn├╝berg├Ąnge wollen eingeplant sein. Das Ironische dran: es gibt ├╝berhaupt keinen Zug nach Erding, aber ich kreuze st├Ąndig andere Linien.)

Heute ist Gruppenvorspieltag und im Musiktrakt wimmelt es von Sch├╝lern, die sich einspielen wollen und letzte Fragen haben. Eine Kollegin und ich beschliessen spontan, das erste Vorspiel zusammenzulegen, damit alle Sch├╝ler in den Genuss des Fl├╝gels kommen. Und es ist besser und objektiver, wenn zwei Paar Ohren zuh├Âren. Ich freue mich, neben ihr zu sitzen – sie im schicken Hosenanzug, ich immerhin in Bundfaltenhose und geputzen Schuhen. Ich f├╝hle mich gut, bis ich die Beine ├╝bereinander schlage wegen dem Mitschreiben und dabei sehe: Mist, ich hab eine Socke falsch rum angezogen, f├╝r alle ersichtlich am┬áverkehrt aufgestickten Logo. Komisch, das passiert mir eigentlich nie. Schon geht es los mit Khatchaturian und ich habe anderes im Kopf, beschliesse noch kurz, in irgendeinem privaten Moment die Socke umzudrehen.

Die erste Gruppe verl├Ąsst den Raum, meine Kollegin auch. Grade als ich mich dran machen will, den Schuh aufzuschn├╝ren, wird die T├╝r aufgerissen und drei Achtkl├Ąsslerinnen st├╝rmen rein, selbstbewusster und frecher im Rudel: „K├Ânnen wir wieder ohne die┬áBuben vorspielen? Bitte! Das ist viel besser!“ Irgendwie hat sich das eingeb├╝rgert, und ich kann best├Ątigen, dass es „besser“ ist. Ich stimme zu, in Gedanken noch bei meinem Schuhvorhaben. Sie rennen t├╝renknallend raus und ich h├Âre sie ├╝ber den Gang schreien: „Die Frau Sommerer sagt, M├Ąnner m├╝ssen draussenbleiben.“ Ich st├Âhne. Genau so hab ich das nicht gesagt (auch wenn es eine Devise ist, die ich mir zu manchen Zeiten des Lebens gern auf die Flagge geschrieben habe…) Also stehe ich auf und gehe ihnen nach. Ein Ruf als Feministin w├Ąre mir egal, aber ich will nicht, dass meine Buben, die ohnehin mit kieksenden Stimmen und Schlaksigkeit geschlagen sind, denken, ich h├Ątte was gegen sie. Und die M├Ądchen kriegen gesagt, dass sie die Klinke in die Hand nehmen sollen und sich diplomatischer ausdr├╝cken m├╝ssen.

In den n├Ąchsten drei Stunden h├Âre ich mir siebzehn Sch├╝ler an und bewerte sie, kritzele bei jedem das Protokoll. Zwischendurch probe ich mit zwei Geigenm├Ądchen f├╝r heute abend, eine Mozartsonate und ein Komarowski-Konzert – nichts, was man in zehn Minuten abhaken k├Ânnte. Und die Sekret├Ąrin ruft hoch, dass ich meinen Vertrag unterschreiben kann – jubel! Wir haben zwar alle entfristete Betr├Ąge, bekommen aber in den ersten Schulmonaten immer nur eine Abschlagszahlung, bis die neue Stundenzahl unterschrieben ist. Das┬áist alle Jahre wieder genau die Durststrecke, nach der es sich anh├Ârt. Wir unterrichten von September bis November, manchmal Dezember, in der Hoffnung und Zuversicht, dass die Regierung von Oberbayern irgendwann ├╝berweisen wird. Meistens kommt dann, wenn die Ebbe auf dem Konto wirklich bedenklich wird, alles auf einmal plus Weihnachtsgeld. Ich sause also runter (das Sekretariat ist hin und zur├╝ck f├╝nf Minuten weg) und unterschreibe, bevor sie es sich anders ├╝berlegen… Eigentlich m├╝sste ich auf die Toilette, und mein Magen knurrt, und, ja, die Socke, aber ich sprinte hoch, weil oben schon die n├Ąchsten auf mich warten.

Vor der Konferenz um f├╝nf schaffe ich es, schnell meine mitgebrachte Scheibe Brot und eine halbe Paprika zu essen. Dann sitzen wir zu acht im Musiksaal und besprechen die n├Ąchsten Monate. Die Schulmusiker d├╝rfen die Feier zur Schulverfassung gestalten – verlangt wird ein Lied, das alle 1280 Sch├╝ler in der Turnhalle gleichzeitig singen sollen. Und es kommt Besuch aus Australien, ein Jugendorchster, das sich Begegnungen mit deutschen Sch├╝lern w├╝nscht. 150 Sch├╝ler wollen einen Tag bei und mit uns proben. Eine Kollegin fragt, ob wir ├╝berhaupt so viele Notenst├Ąnder haben. Meine Dankbarkeit, dass sich mein Wirken in ├╝berschaubaren Sph├Ąren bewegt, steigt. Ich m├Âchte nicht mit 1280 Sch├╝lern gleichzeitig „Musik“ machen m├╝ssen. Dann geht es um die ├ťberarbeitung der Webseite. Insbesondere neue Bilder werden angesprochen, und der wortf├╝hrende Kollege fragt, ob ich nicht eins h├Ątte, auf dem ich mich lasziv am Fl├╝gel r├Ąkele. Mann. Selbst vor dem Schulleiter haben die ihre pubert├Ąren Phantasien nicht im Griff.┬á Ich ├╝berlege kurz, ob die „M├Ąnner raus“ -Devise nicht ├Âfter erw├Ąhnt werden sollte. Dabei f├Ąllt mein Blick auf die immer noch verkehrte Socke.┬áVielleicht w├Ąre┬áich als R├Ąkelobjekt besser dran? Es w├Ąre sicher lukrativer, ich k├Ânnte h├Âchstwahrscheinlich auf Socken ganz verzichten und m├╝sste nicht in solchen Konferenzen sitzen. Alle Umschulungsgedanken werden durch einen Blick auf die Uhr unterbrochen – es ist f├╝nf vor halb sieben, ich muss hoch zum Proben und habe grade noch Zeit f├╝r etwas Lippenstift. Die restlichen drei Geigenm├Ądchen warten schon, es gibt die ├╝blichen Rieding- und Vivaldi-Konzerte.

Wir proben bis kurz vor knapp und quetschen uns in den Ensembleraum. Unser Schulleiter kommt noch sp├Ąter, kurz verweilt sein Blick auf dem leeren Stuhl neben mir und ich f├╝hle mein Bein mit der Socke zucken. Gleichzeitig sp├╝re ich, dass ich etwas m├╝de werde und irgendwie gelassen: selbst wenn etwas an mir verquer ist oder nicht der Norm entspricht, kann es nicht so schlimm sein, solange ich mich hier musikalisch einbringe und mir die Sch├╝ler am Herzen liegen. Oder?

Meine beiden Sch├╝lerinnen haben ihre Sache gut gemacht (eine Bach-Invention und das Notturno aus Griegs Lyrischen St├╝cken), und eine der Geigerinnen hat richtig sehr gut gespielt. Toll gef├╝hrt und sehr lyrisch und frei im Mittelteil, und auf ein Art erwachsen, dass ich fast vergessen konnte, dass es eine Sch├╝lerin ist. Nachdem die f├╝nfzig Eltern wieder draussen sind, besprechen meine Kollegin und ich noch das Gruppenvorspiel und tragen die Noten ein, und um kurz vor neun verabschieden wir uns auf dem leeren dunklen Parkplatz.

Eine Stunde sp├Ąter┬áerreiche ich die letzte Kurve vor unserem Haus. Ich bin m├╝de und mir ist kalt, und Visionen von einem warmen Tee und einer Buchstabensuppe wurden in den letzten Kilometern immer verlockender. Bis ich das fremde Auto vor unserer T├╝r sehe. Mein Mann scheint eine Besprechung mit seinem Kollegen zu haben, wie immer am Esstisch in unserer offenen K├╝che. Hm. Ich will und soll die ganzen Praxisangelegenheiten nicht mith├Âren, also gibt es nur ein grosses Glas Wasser und zwei┬áim Stehen und mit der Hand┬ágegessene Scheiben K├Ąse als Abendessen, bevor ich ins Bett falle.

Ich habe das Gef├╝hl, dass ich zum ersten Mal an dem Tag ausatme. Morgen wird’s besser. Ich habe nur acht Sch├╝ler zuhause. Werde Mittagessen k├Ânnen. In meiner Pause um halb f├╝nf einen grossen Becher Tee kochen. Um 19 Uhr fertig sein. Nicht ├╝ber Zweitkarrieren nachdenken.