Vom Inn an den Tiber

3. September, 201408:39 von

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BarZehn Tage in Rom – das klingt so himmlisch, wie es auch war. Aber ich bin immer noch zu √ľberw√§ltigt, um dr√ľber schreiben zu k√∂nnen. Seit f√ľnfzehn Jahren ist Rom eins unserer liebsten Reiseziele, ¬†und die Eintragungen im dumont beweisen, dass die Liste der Sehensw√ľrdigkeiten, die wir besucht haben, die der ungesehenen langsam √ľbertrifft. Trotzdem kommt man jedes Mal v√∂llig erschlagen wieder und denkt: gut, es war ein Anfang. So langsam n√§hern wir uns an.

Rom ist dermassen ausserhalb jeder Kategorie, dermassen gesegnet und √ľbervoll mit auch r√§umlich gigantischen und √ľberragenden Denkm√§lern, dass ich wieder das Gef√ľhl habe, h√∂chstens die Zehen in einen Ozean getaucht zu haben.

Da hilft nur: entspannt bleiben und sich freuen, dass man √ľberhaupt dort war. Und nicht nur die Monumente in den Vordergrund stellen, sondern Rom als Zustand zu geniessen. Was wir auch ausf√ľhrlich getan haben. (Wenn man √∂fter da war, wiegt man sich in Sicherheit und denkt: wir haben ja schon so viel gesehen. Wir sind gewissenhaft auf alle¬†sieben H√ľgel spaziert, plus Pincio und Gianicolo. Haben die vier Hauptkirchen besucht und h√§tten die Chance¬†auf diverse Abl√§sse¬†gehabt, wenn wir¬†entsprechend gebetet h√§tten (w√§re im R√ľckblick vielleicht doch nicht verkehrt gewesen…!) Waren so oft wie m√∂glich im Pantheon und haben Berninis Dafne zwei Mal besucht. Und die ersten f√ľnf Tage vergehen mit ziellosem Schlendern, Gucken, Eisessen und an Brunnen sitzen. Bis doch mal jemand in den Kunstf√ľhrer schaut und feststellt: da w√§re ja noch… Und wenn wir schon dort sind, k√∂nnten wir auch… Die letzten beiden Tage kuliminierten in je¬†acht Kirchenbesuchen, wobei wir noch mal unglaublich Sch√∂nes gesehen haben. Der geduldige Gatte aber irgendwann murrte: „mit dir muss ich in mehr Kirchen als mit meinem Vater…“)

ApollotempelRom als Seinszustand im August, das ist genau so, wie man es sich vorstellt: das Leben findet ausschliesslich draussen statt, und man braucht auch um zehn¬† Uhr abends noch kein J√§ckchen (wir kamen oft am gleichen Thermometer einer Bank vorbei und es hatte 28 oder 29 Grad). Aperitivo und Abendessen nimmt man im Freien ein, entweder auf einer Piazza oder in einer der vielen Gassen ohne Autoverkehr, auf der die Tische mit Blumenk√§sten von den Passanten abgetrennt sind.¬† W√§hrend des Essens wird der Himmel immer samtig dunkelblauer, und die Flederm√§use fangen an, um Kirchenkuppeln zu zischen. Man isst viel, regelm√§ssig und kalorienreich und nimmt nicht zu, weil man ungez√§hlte Kilometer am Tag zu Fuss geht. (Apropos Essen: wir wohnten hinter S.Andrea della Valle und waren vier Mal in der Pizzeria rechts von der Kirche essen. Man ist zwar umgeben von schreienden Italienern, aber das Essen ist¬†vorz√ľglich. Schon beim zweiten Mal wurden wir mit grossem Hallo begr√ľsst, und das Trara steigerte sich bei jedem erneuten Auftauchen: grosses H√§ndesch√ľtteln, Schulterklopfen¬†und lautstarke Begr√ľssungen von herbeilaufenden Kellnern, als h√§tten wir eingeheiratet…)

Rom im August bedeutet auch: die √ľberquellenden M√ľlltonnen und die daneben abgestellten schwarzen M√ľlls√§cke sind nicht nur eine optische Herausforderung. Die uneinheitlichen √Ėffnungszeiten machen einem √∂fter einen Strich durch die Rechnung: der protestantische Friedhof hat BIS 17 Uhr auf,¬†Santo Stefano Rotondo¬†AB 17 Uhr. Deshalb haben wir beides nicht gesehen. (√úberhaupt: Mittagspause von 12 bis 17 Uhr?! Ich sag jetzt nichts…) Und bei allen Versuchen, sich entspannt an die s√ľdliche Lebensart anzun√§hern, geht es eines Tages doch auf den Geist, dass konsequent keine Busfahrpl√§ne ausgeh√§ngt werden. Wenn vielleicht die Haltestelle in der prallen Sonne liegt und man etwas erledigt ist. Andererseits: die Freude √ľber einen pl√∂tzlich auftauchenden Bus ist dann so gross, dass doch wieder alles okay ist. Und man sich dankbar reinquetscht.

Zu √ľbrigens immer korrekt und stilvoll gekleideten R√∂mern. Was¬†einige Touristen liefern, kann man schon nicht mehr als modischen Fauxpas bezeichnen: es ist eigentlich eine Unh√∂flichkeit gegen√ľber den Bewohnern der Stadt. (Und davon abgesehen, k√∂nnen es sich h√∂chstens zehn Prozent davon auch fig√ľrlich leisten, so viel Zitronenb√§umchennackte Haut zu zeigen. Und das ist in der Stadt der perfekt ausgewogenen Statuen mit Idealmassen eigentlich auch eine Frechheit!) Die Herrren tragen auch bei 35 Grad Anzug und Krawatte. Ein √§lterer, der wahrscheinlich keinem Beruf mehr nachgeht, setzte sich im Bus neben mich in langer grauer Anzughose (sah wirklich nach leichter Wolle aus), lang√§rmeligen Hemd und mit einem d√ľnnen graublauen Pulli um die Schultern (falls es abends auf frostige 29 Grad runterk√ľhlt…). Und sah nicht aus, als ob es ihm zu warm w√§re. Die Damen tragen h√§ufig Kleider, auch mal bodenlang, und meistens mit √Ąrmeln. Also: man muss¬†sich nicht alles vom Leib reissen, man h√§lt das schon auch anders auch. Es tr√§gt auf jeden Fall zur Versch√∂nerung des Stadtbildes bei!

Meine Andenken an Rom: der weisse Abdruck¬†der Sandalen auf meinen gebr√§unten F√ľssen. Wie viele Kilometer ich in diesen Sandalen gelaufen bin! Und: ich bin mit einer Handtasche losgefahren und mit zweien wiedergekommen. Was in Italien schon mal passieren kann. Besser, als mit gar keiner nach Hause zu kommen – was angeblich auch passiert in Italien.