Römische Neuentdeckungen

18. September, 201408:04 von

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DSCF7095Rom ist ein bis an den Rand gef√ľlltes grosses Schatzk√§stchen, in dem man immer wieder auf unbekannte Preziosen st√∂sst. Manche haben wir bewusst aufgesucht, √ľber andere sind wir direkt gestolpert, weil wir dem Impuls nachgegeben haben, noch kurz in eine ge√∂ffnete Kirche zu gehen. Dabei haben wir zum Beispiel die drei sensationellen Caravaggio-Gem√§lde in S. Luigi dei Francesi entdeckt: selten habe ich eine derartig auf die Spitze getriebene Wirkung von Licht und Schatten gesehen, und die ausdrucksvollen Gesichter von Matth√§us und Jesus haben sich direkt in mein Ged√§chtnis eingebrannt.

Oder (weil Rom so ein unmittelbares Nebeneinander von geistigen und kulinarischen Gen√ľssen bietet, sei der Sprung erlaubt): man kann sich am Campo dei Fiori frischen Granatapfelsaft auspressen lassen, was wir auch getan haben. Ein Granatapfel ist ja immer ein ambivalentes Vergn√ľgen wegen der Spritzer beim Zerlegen, und ich fand es toll, dass jemand anders in passender Kleidung das f√ľr mich macht und ich quasi die Essenz geniessen kann. Und w√§hrend des Auspressens kann sich das Auge erfreuen an den Bergen von runden, prallen Granat√§pfeln, die auf dem Tisch aufgeh√§uft sind.

Unsere anderen Neuentdeckungen dieses Mal: S. Giorgio in Velabro, eine der √§ltesten Kirchen am ehemaligen Forum Boarium, in der in guter fr√ľhmittelalterlichen Manier die S√§ulen von antiken Tempeln¬†wiederverwertet wurden, aber hier – anders als in S.Sabina, die ordentlich ausgerichtet und lichtdurchstrahlt auf dem Aventino steht – auf so unkonventionelle oder sich den GranatapfelsaftGegebenheiten des Ortes halt anpassende Weise, dass man das Gef√ľhl hat, es gibt kaum einen 90-Grad-Winkel in der Kirche. Da die Kirche unter Tiber-Niveau liegt, war sie √∂fter √ľberschwemmt und ist irgendwie etwas muffig und dunkel. Doch genau¬†das macht auch ihren Reiz aus. Und selten hat mich der Hauch der Geschichte so angeweht wie hier. So viel ich weiss, steht sie zwar nicht auf einer heidnischen Kultst√§tte, wie es bei den fr√ľhchristlichen Kirchen ja oft der Fall ist, aber der antike Bogen der Geldwechsler, an den¬†die Kirche direkt drangebaut wurde, und der grosse Janusbogen daneben, √ľberhaupt dieses Tal zwischen Kapitol und Palatin lassen einen sp√ľren, dass hier seit Jahrtausenden ein besonderer Ort ist. Wobei Rom ja gespickt voll ist von diesen „Kraftorten“, die schon ganz fr√ľh ein Zentrum kultischer Handlungen waren – warum es mich in S. Giorgio so √ľberfallen hat, kann ich nicht sagen, aber es war eigenartig und bemerkenswert.

Wieder ein Sprung: die Galleria d’Arte Moderna im Park der Villa Borghese haben wir auch zum ersten Mal besucht. Wir waren von aussen schon einigermassen beeindruckt bzw. schockiert von der Gr√∂sse. Sie entspricht leicht der Alten Pinakothek, und die Sammlung ist √§hnlich umfangreich. Und ganz genial und sehenswert: italienische Malerei und ein paar Skulpturen der letzten 150 Jahre. Wundersch√∂ne Landschaften aus der Umgebung von Rom aus der Mitte des ¬†19. Jahrhunderts, italienischer Jugendstil und Futurismus. Dazu:¬†Monets Seerosen, Van Gogh, die drei Lebensalter von Klimt, Kandinsky, eine Jawlensky-Ansicht vom Murnauer Moos (etwas skurril, das in Rom anzugucken, oder?) und ¬†Mir√≤.¬† Wirklich ein hauptstadtm√§ssig umfassender und toller √úberblick. Nicht das klassische Rom-Programm, vielleicht, aber ich w√ľsste nicht, wo sonst man so viel √ľber die neuere italienische Malerei an einem Ort erfahren k√∂nnte. Und: es ist praktisch leer und klimatisiert, und es gibt ein sehr stilvoll eingerichtetes ruhiges Caf√©.

DSCF7016Ein anderer Ort, an den wir uns sicher lange erinnern werden, war die versunkene Welt von Ostia antica, der ehemaligen Hafenstadt. Das Meer ist¬†inzwischen noch eine Zugstation weiter weg.¬†Die Bahn¬†war voll von¬†r√∂mischen Badenixen, die schon den Bikini unter den Alltagskleidern anhatten,¬†was auch f√ľr uns das¬†Feriengef√ľhl¬†verst√§rkte.¬† Doch auf dem grossen Ausgrabungsgel√§nde waren wir ziemlich allein, und das hat viel zu seinem Reiz beigetragen. Unter Pinien und bl√ľhendem Oleander gibt es endlos viele Fragmente der ehemaligen Bebauung zu entdecken. Die beste Neuentdeckung aber war Ettore, der Kater der Buchhandlung. Optisch h√§tte er auf einer Katzenschau nicht unbedingt den ersten Preis gewonnen, aber er muss von herausragendem Charakter sein, von dem uns seine begeisterte Besitzerin minutenlang Zeugnis ablegte. Bis ich mich irgendwann fragte: gehts noch um dieses verstruppelte 4-Kilo-Fellb√ľndel oder um seinen antiken Namenspatron?! Das war echt r√ľhrend, und Ettore wurde nat√ľrlich von uns ausgiebig geschmust. Was den Tag in Ostia perfekt werden liess. Und ein Land, in dem Kater „Ettore“ oder „Orazio“ heissen, muss man m√∂gen.