Sch├╝lerkonzerte

19. August, 201408:53 von

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DSCF6393Rechtzeitig zum Sommerkonzert ├Âffneten die Pfingstrosen ihre dicken Knospen und waren ein grandioser Schmuck f├╝r B├╝hne und Buffet. Die Empfehlung der Druckerei, f├╝r die Programme schwereres Papier zu verwenden, erwies sich als genau so grandios. Der Saal war stilvoll und ger├Ąumig wie immer, der Fl├╝gel wurde am Vortag frisch gestimmt, der Getr├Ąnkeausschank in kompetente H├Ąnde delegiert – kurz, das Drumherum war optimal. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen sch├Ânen, harmonischen Abend und gl├╝ckliche Gesichter. Was greifbar bleibt, ist das Programm – und wenn ich das jetzt anschaue, denke ich: o nein, o nein, vier mal Einaudi, zwei Mal Tiersen… Wo bleibt da der Anspruch?

Aber so ist meine Realit├Ąt, und ich denke, vielen KollegInnen wird es nicht anders ergehen. Will man eine gewisse Altersgruppe bei der Stange halten,┬ásind Kompromisse in der Literaturauswahl unausweichlich. Mir ist es im Moment dann wichtiger, dass sich diese Jugendlichen ├╝berhaupt noch aktiv mit Musik besch├Ąftigen, ├╝berhaupt noch zu den Sommerkonzerten erscheinen. F├╝r zwei, drei Jahre ist mir jedes Mittel recht… Eine Sch├╝lermutter, die auch Musikerin ist und unterrichtet, sagte: „Sie springen wenigstens ├╝ber Ihren Schatten – ich kann das nicht.“ Hm. Aber vielleicht ist es der richtige Weg, denn wenn ich mir anschaue, wie das Programm der 15- bis 18j├Ąhrigen aussieht, bin ich zufrieden: nur noch Klassik, nur noch Wohltemperiertes Klavier, Grieg, Khatchaturian, Moszkowski. Wer die H├╝rde der schwierigen Jahre gemeistert hat, bemerkt anscheinend selber, dass es St├╝cke gibt, die mehr und dauerhaftere Erf├╝llung bieten als die ├╝blichen Verd├Ąchtigen.

Das allj├Ąhrliche Sommerkonzert ist f├╝r mich ein Highlight des Unterrichtsjahrs. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Kr├Ąfte bei den Sch├╝lern freigesetzt werden, wenn es darauf ankommt. Und wie sehr manche die B├╝hne brauchen, um ├╝ber sich hinaus zu wachsen und aus einer an sich guten Leistung etwas mehr werden zu lassen – ein einmaliges, besonderes Ereignis; einen Moment, in dem wirklich Kunst entsteht. Jedes Jahr sehe ich wieder, wie wichtig diese Vorspielgelegenheit f├╝r meine Sch├╝ler ist. Ich geniesse jede Minute davon – und sollte es weniger genussvolle Minuten geben, mache ich mir Notizen und ├╝berlege, was wir in der n├Ąchsten Stunde dagegen tun k├Ânnen.

DSCF6338Doch wie sieht es mit den Genussmomenten f├╝r die Zuh├Ârer aus? Meistens fallen die Sommerkonzerte in eine Zeit, in der es von anderen Sommerfesten, Schuljahresabschlussfeiern und ├Ąhnlichen nur so wimmelt. Der f├╝r uns Lehrer so bedeutsame Abend┬áverkommt zu noch einem Termin, den man hinter sich bringen muss. Wenn sich die Sache dann zu sehr in die L├Ąnge zieht und das Programm zu sehr einem willk├╝rlichen Potpourri ├Ąhnelt, in dem die Kinder nach Alter und Leistungsstufe auftreten, kann es schnell erm├╝dend werden.

F├╝r die L├Ąnge gibt es eine einfache L├Âsung: alles, was ├╝ber 75 Minuten hinausgeht, muss gek├╝rzt werden. Falls mehr als 15 bis 20 Sch├╝ler spielen, ist es sinnvoller, zwei verschiedene Konzerte zu veranstalten – eventuell sogar im gleichen Saal, um 17 und um 19 Uhr zum Beispiel. Dabei w├╝rde ich aber nicht die j├╝ngeren von den ├Ąlteren Sch├╝lern trennen – es ist immer netter, ein m├Âglichst vielf├Ąltiges Programm zu haben und die ganze Bandbreite der p├Ądagogischen Literatur zu erleben. So sehen die J├╝ngeren und deren Eltern,┬áauf welche St├╝cke man sich sp├Ąter freuen kann┬á– und auch f├╝r die ├älteren ist es nett, ihre Anf├Ąngerst├╝cke wieder zu h├Âren und zu staunen, wo sie jetzt stehen.

Die Sch├╝ler nach┬áK├Ânnen und Leistungsstufen┬áauftreten zu lassen, ist heikel. Nat├╝rlich w├Ąre es eine logische M├Âglichkeit und auch interessant, zu sehen, wie┬ásich die Schwierigkeit und die Anforderungen der Literatur immer steigern┬á– aber die damit gegebenen Vergleichsm├Âglichkeiten k├Ânnen zu unsch├Ânen Diskussionen oder sogar Entt├Ąuschungen f├╝hren. Wenn es keinen roten Faden gibt im Programm, der eine bestimmte Reihenfolge erfordert, k├Ânnte man die Sch├╝ler einfach nach Geburtsmonat auftreten lassen. Oder nach alphabethisch geordneten Vornamen. Oder nach der Himmelsrichtung, in der sie wohnen. Das ergibt ein v├Âllig willk├╝rliches, aber garantiert abwechslungsreiches┬áProgramm. Ein solches Durcheinandermischen des Programms bietet sich bei der Art Vorspiel an, die wahrscheinlich die h├Ąufigste ist: wenn jeder Sch├╝ler weitgehend selber bestimmen darf, was er vorspielen m├Âchte. Denn so sieht doch die Realit├Ąt aus: man ist froh,┬áwenn die vielfach verplanten und geforderten Kinder ├╝berhaupt noch Klavierstunden nehmen und ├╝berhaupt die Zeit finden, beim Konzert anwesend zu sein, oder? Und wenn sie dann bei den ganzen Schulaufgaben und Jahrgangsstufentests auch noch ein Klavierst├╝ck zur Perfektion bringen sollen, soll es wenigstens eines sein, das ihnen gef├Ąllt und mit dem sie gern freiwillig viel Zeit verbringen. Denke ich mir manchmal… Und so kommen die v├Âllig zusammengew├╝rfelten Programme zustande, mit viel Filmmusik garniert und oft in eine nicht – klassische Richtung abdriftend. Es ist also eine Art Kompromiss mit dem wirklichen Leben, eine Art Momentaufnahme, wo die einzelnen Sch├╝ler gerade stehen. Und doch haben diese Konzerte ihre Berechtigung: immerhin besch├Ąftigen sich die Kinder ├╝berhaupt mit Musik und machen die wichtige Erfahrung, wie es ist, vor einem kleinen Publikum aufzutreten und in Echtzeit eine Leistung abzuliefern, auf die sie lange hingearbeitet haben. Und uns Lehrern geben sie genug M├Âglichkeit f├╝r eine Bestandsaufnahem und ├ťberlegungen, wie und wo es weitergehen soll.

PICT0024Dennoch ├╝berlege ich, ob ich nicht auch beim „grossen“ Konzert ein Motto festlegen soll. Bisher gab es entweder kleinere Vorspiele mit einem bestimmten Hintergrund, oder ein Teil des Programms war einem bestimmten Komponisten gewidmet, der gerade ein Jubil├Ąum hat. Aber vielleicht k├Ânnte man es auf einen ganzen Abend ausdehnen, an dem alle Altersstufen beteiligt sind. Norbert Sch├Ąfers┬á„Zauberbuch“ (Ricordi),┬ákurze St├╝cke nach Bildern von Paul Klee, sind mehr f├╝r die Unterstufe geeignet. Kombiniert mit Francaix‘ vierh├Ąndigen „Portraits d’enfants d’Auguste Renoir“ und eventuell Ausschnitten aus Mussorgskis „Bildern einer Ausstellung“ h├Ątte man einen ganzen Abend mit St├╝cken, die von Malerei inspiriert sind, und eventuell k├Ânnte man die Bilder w├Ąhrend des Vortrags an die Wand projizieren.

Am einfachsten ist es ja, mit dem anzufangen, was ohnehin schon da ist und nicht das Rad neu zu erfinden. Ein kleines Brainstorming beim Autofahren, ob es bestimmte Elemente gibt, die mir im Unterrichtsalltag immer begegnen, ergab: T├Ąnze, Pr├Ąludien, Abend- und Schlaflieder sind unser t├Ąglich Brot. Daraus liessen sich leicht verschiedene Abende┬á gestalten, an denen vom kleinsten Anf├Ąnger bis zu den ganz Grossen jeder was Ansprechendes┬áspielen k├Ânnte (obwohl: ein Abend lang nur Pr├Ąludien – ob man sich nicht nach┬áeiner Hauptspeise┬ádanach sehnt?) Oder nur Et├╝den – das w├Ąre mal ausgefallen, diese Mittel zum Zweck ins Rampenlicht zu stellen. Mit den vielen kurzen, richtig nett klingenden Et├╝den aus der „Russischen Klavierschule“ k├Ânnten auch die J├╝ngsten wieder dabei sein, und dann b├Âte das 19. Jahrhundert einen uferlosen Tummelplatz f├╝r die anderen: Burgm├╝ller und Heller nat├╝rlich, die „Studie“ aus dem „Album f├╝r die Jugend“, eventuell sogar ein wirklich flott und konzertant gespielter Czerny… Die M├Âglichkeiten w├Ąren grenzenlos!

DSCF6329Seltsamerweise┬áw├Ąre ein Abend mit Literatur, die explizit „f├╝r Kinder“ oder ├Ąhnliches im Titel hat, viel heikler in der Ausf├╝hrung. Die „Kinderszenen“, „Children’s Corner“, Bizet’s „Jeux d’enfants“, Prokofieff’s „Musique d’enfants“┬áund ├ähnliches sind f├╝r Kinder zu schwer. Und ist man erst mal im ├ťbergang vom Kind zum Erwachsenen, wehrt man sich mit H├Ąnden und F├╝ssen gegen Titel, die implizieren, dass man j├╝nger ist, als man sein will. Aber die tats├Ąchliche p├Ądagogische Literatur liesse sich gut verwerten, vielleicht geordnet nach nationalen Schulen. Das Notenb├╝chlein f├╝r Anna Magdalena Bach, Leopold Mozart und Schumann zeigen den grossen Reichtum der speziell f├╝r eigene Kinder geschriebenen Literatur. In Frankreich wird es etwas schwieriger – ich habe das Gef├╝hl, die Zeit zwischen 1750 und 1950 ist ein schwarzes Loch, was wirklich leicht spielbare Literatur betrifft, aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren! Trotzdem k├Ânnte man wunderbar urspr├╝nglich f├╝rs Cembalo gedacht St├╝cke von Daquin, Dandrieu, Couperin und ┬áRameau mit St├╝cken aus der Herv├ę/ Pouillard-Klavierschule kombinieren, und dann gibt es einen wahren Schatz an vierh├Ąndiger Literatur: neben den erw├Ąhnten Werken von Bizet und Francaix nat├╝rlich Debussy und das wunderbare „Ma m├Ęre l’oye“ von Ravel.

DSCF6416Aber mein n├Ąchstes Vorspiel wird ein russischer Abend, denn mir ist aufgefallen, dass wir nicht nur┬ádauernd Pr├Ąludien und Menuette spielen, sondern st├Ąndig und allgegenw├Ąrtig russische Literatur. Und dass es ganz erstaunlich und ziemlich einzigartig ist, welche Bandbreite von St├╝cken es f├╝r jedes Alter gibt und was f├╝r wunderbare Literatur ausdr├╝cklich f├╝r Unterrichtszwecke geschrieben wurde. Hier ist das schwarze Loch die Zeit des Barock und der Klassik, aber danach gibt es eine F├╝lle, dass man sich vorkommt wie im Schlaraffenland und schon aus Zeitgr├╝nden gar nichts anderes mehr unterbringen k├Ânnte. F├╝r die J├╝ngeren die Russische Klavierschule und haufenweise Kabalewski. Der ist auch noch in der Mittelstufe sehr beliebt, ebenso Khatchaturian. F├╝r die ├älteren g├Ąbe es Tschaikowskys „Jahreszeiten“ und das mal wieder irref├╝hrend nicht so leichte „Kinderalbum“, noch mehr Khatchaturian und eine wunderbare Neuentdeckung f├╝r mich, die ich jetzt zum ersten Mal unterrichten will: die „Bagatellen“ op. 5 von Alexander Tcherepnin.

Und – so ein Themenabend verlangt doch nach einem passenden Buffet, oder?