An der langen Leine

29. Oktober, 201307:02 von

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Die endlosen ruhigen Sommerwochen waren ideal, um mich durch meinen Stapel an alten und aktuellen Fachzeitschriften und zwei Neuanschaffungen im BĂĽcherregal zu lesen[1].
Wie jeden Sommer kristallisierte sich ein grobes Motto fürs nächste Unterrichtsjahr heraus. Letztes Jahr war es Ensemblespiel, vier- oder sechshändig, einmal lag der Schwerpunkt auf vielen über’s Jahr verteilten Theorieeinheiten, im Schumann-Jahr war es… nun ja, viel Schumann. Diese Ideen versuche ich, irgendwann im Jahr in den Unterricht einzubauen – entweder als intensiven Block oder in kleinen Häppchen während der folgenden Monate. Und es soll jedes Jahr ein neuer, möglichst noch nicht dagewesener Aspekt sein. Dabei denke ich an meine seelische Gesundheit mindestens genau so wie an die umfassende und möglichst vielgestaltige Ausbildung meiner Schülerschar.

Für das neue Schuljahr habe ich eine für mich revolutionäre Idee, vor der ich selber noch ein bisschen Angst habe und mir nicht sicher bin, wie konsequent ich sie anwenden werde: was wäre, wenn ich viel, viel weniger rede im Unterricht? (Angst habe ich, weil ich befürchte, ein Zurücknehmen meinerseits könnte als Passivität oder fehlendes Engagement gedeutet werden – nach dem Motto: nur noch stumm da sitzen, trotzdem Geld verlangen dafür…) Natürlich merke ich am Verhalten meiner eigenen Schülern, wenn meine Ausführungen zu wortlastig werden. Doch nachdem ich immer wieder gelesen habe, dass man als Lehrer wesentlich weniger sprechen könnte (auch im Hinblick darauf, seine eigene Stimme etwas zu schonen – das wäre ja auch nicht der schlechteste Grund!), frage ich mich, ob meine Schüler nicht davon profitieren würden, wenn ich sie durch dieses Verhalten zu mehr Eigenverantwortung anrege. Da ein grosser Teil meines Unterrichts ohnehin in Fragen stattfindet, sind es meine Schülern durchaus gewöhnt, selber zu Wort zu kommen. Doch meistens handelt es sich dabei um abrufbares Wissen, Fragen zu Form und Aufbau, dazu, wie man durch die Dynamik die Aussage des Stücks unterstützen kann, oder in welche Epoche man das Stück einordnen könnte und was sich zu dieser Zeit in der Welt tat – letztlich „Schulwissen“.

Aber was wäre, wenn ich meine beurteilende, verbessernde, ermunternde oder ermahnende Funktion, also genau mein Lehrerin-Sein, durch mehr Schweigen auf die SchĂĽlern ĂĽbertrage? Ich frage sie jetzt schon, wie sie ihr Spiel beurteilen. Ob sie zufrieden waren mit der Darbietung gerade, ob es zuhause besser ging, welche Stelle weniger gelungen war, an was wir jetzt konkret ĂĽben wollen. Vielleicht kann ich  – nach einer entsprechenden AnkĂĽndigung, dass ich in dieser Stunde eher daneben sitzen und zuhören werde und sehen will, wie die Kinder sich selbst „unterrichten“ – diesen ganzen Fragenkatalog ĂĽberspringen, indem ich durch entsprechende Blicke signalisiere, dass ich eine Ă„usserung erwarte? Gerade in der Musik läuft so vieles nonverbal ab, wie wir beim Ensemblespielen eindrucksvoll erleben konnten. Warum sollte man sich diese Gegebenheit nicht bewusst zunutze machen?

Anselm Ernst meint dazu: „Je mehr der Lehrer spricht, um so weniger Raum erhält der Schüler, sich ausführlich und zusammenhängend zu äussern. Je mehr der Lehrer erklärt und erläutert, um so weniger fühlt sich der Schüler motiviert, selber nachzudenken und sich Sachverhalte klar zu machen.“[2]

Natürlich bedeutet der Vorsatz, sich verbal weniger zu beteiligen, nicht, Vorzeichenfehler oder falsche Rhythmen unkorrigiert stehen zu lassen oder sich generell zurückzulehnen. Ganz im Gegenteil: ich werde wahrscheinlich gespannter auf meinem Stuhl sitzen, weil ich gleichzeitig den besten Weg für den jeweiligen Schüler auf seiner jeweiligen Entwicklungsstufe finden will, mich aber auch zurücknehmen will und mir sicher mehr als ein Mal auf die Zunge beissen werde. Die Kunst wird es sein, die Schüler bewusst, aber unmerklich doch zu leiten. In der Hoffnung, dass sie es auch zuhause schaffen, ihr Üben genau so differenziert und geduldig zu kommentieren und zu  hinterfragen. Und im Idealfall nicht nur ihr Klavierüben, sondern ihr ganzes Lernen. Wie viel Zeit lässt sich nicht sparen mit der richtigen Strategie! Und wo könnte man es den Kindern besser beibringen als im luxuriösen Einzelunterricht!

Der verbale Input im Unterricht wäre nur ein Aspekt auf dem Weg zu mehr Eigeninitiative. Wahrscheinlich bin ich nicht die einzige, die feststellen durfte, dass die Eintragungen im Hausaufgabenheft nicht gelesen wurden. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass die Schüler meine Schrift nicht lesen können oder auch daran, dass sie denken, das sei ohnehin „mein“ Heft, für meine eigene Gedankenstütze sozusagen, weil nur ich es dauernd zur Hand nehme und darin schreibe. Also: Klavierdeckel zu, Aufgabenheft darauf und die Schüler mit meinen Stiften selber schreiben lassen, was diese Woche geübt wird. Auch wenn’s drei Mal so lang dauert.

Mit meinen älteren Schülern lege ich irgendwann eine Tabelle mit den verschiedenen Epochen an. Lernen wir ein Stück eines bis dahin unbekannten Komponisten, überlegen wir zusammen, welcher Zeit er zuzuordnen ist und tragen ihn ein. Dieses Jahr wird das Hausaufgabe sein – und damit ich sehe, dass der Eintrag nicht nur das Ergebnis einer kurzen Internetrecherche ist, dürfen es zu ausgewählten und für unser Instrument wichtigen Komponisten gern ein paar Daten mehr sein. Je nach Alter vielleicht mit ein bisschen Unterstützung, etwa fünf Fakten (vom Schüler selber notiert im Unterricht!) in der Art: wann hat der Komponist angefangen, Klavier zu spielen? Ist er selber aufgetreten? Und gerne? Hat er auch für Schüler komponiert? Hat er sich je von seinem Geburtsort entfernt (und wenn ja, mit welchen Verkehrsmitteln?) Ich denke, auf diese Weise und in Eigeninitiative
gelernte Inhalte werden ganz anders im Gedächtnis haften, als wenn die Lehrerin einen Bildband aus dem Regal zieht und man kurz ein paar Bilder des Komponisten betrachtet und über biographische Details spricht.

Eine andere Möglichkeit, Schüler den Unterricht mehr mitgestalten zu lassen, wäre die Auswahl der Hörbeispiele. Manchmal schicke ich meinen Schülern Mails mit einschlägigen Links zu einer besonders stimmigen Interpretation eines Stücks. Eigentlich könnte ich auch hier den Spiess umdrehen und meine Schüler bitten, mir eine kleine Liste mit Aufnahmen zu schicken – möglichst noch kommentiert und begründet, warum sie sich für diese entschieden haben. Das könnte auch Anlass für interessante Diskussionen sein.

Mal sehen, wie meine zusätzlichen Hausaufgaben ankommen – ob sie bei den ohnehin überlasteten Schülern eher Verdruss hervorrufen oder vielleicht sogar Spass machen? Mir
werden sie auf jeden Fall auf vielfältige Weise zeigen, wie weit meine Schüler tatsächlich schon sind. Wie ausgeprägt ihr Urteilsvermögen ist, wie sie Informationen filtern, auf welche Art sie tatsächlich üben, einfach generell: wie sie lernen. So eine kleine Zwischenbilanz tut beiden Seiten gut und gibt uns die Möglichkeit, auf partnerschaftliche Weise manche Bereiche noch besser auszubauen. Immer mit dem Ziel vor Augen, dass man als Lehrer eher früher als später überflüssig sein sollte. Dass die Schüler möglichst bald ihre Schwimmflügelchen ablegen können und selber spielen, denken, sich Fragen beantworten können, wissen, wo und wie sie nachschlagen können – kurzum, unabhängig von Hilfestellungen werden.


[1] C. Watkins/ L. Scott, From the
Stage to the Studio, Oxford University Press 2012

Elke GallenmĂĽller, Praktisch
didaktisch, Holzschuh Verlag 2006

[2] Anselm
Ernst, Lehren und Lernen im Instrumentalunterricht, Schott 1999, S. 72

veröffentlicht in Pianonews 1/ 2014