Genug

29. September, 201308:11 von

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Dieses Jahr konnte ich mir einen langgehegten Traum erf├╝llen: am Freitag unterrichte ich nicht. Seit Jahren w├╝nsche ich mir, einen Tag zu haben, an dem ich ├╝ben kann, ohne auf die Uhr zu schauen, in Ruhe Besorgungen┬áerledigen kann, eventuell mit Freundinnen fr├╝hst├╝cken kann – falls die genau so luxuri├Âs wie ich leben – , im Garten was tun kann ohne Zeitlimit… Die Ideen sind da, und jetzt auch die freie Zeit.

Aber das seltsame ist: man scheint sich daf├╝r rechtfertigen zu m├╝ssen, wenn man als gesunder und fitter Mensch bewusst die Arbeit zur├╝ckfahren will. Ich wurde mehrfach gefragt, warum ich nicht noch f├╝nf neue Sch├╝ler annehme, dann w├╝rde ich doch auch mehr verdienen. Aber die Frage ist wirklich: Geld oder Leben. Muss es dauernd mehr sein? Und wie viel ist genug?

Das Spannende ist ja, dass das jeder f├╝r sich anders definiert und jeder andere Priorit├Ąten setzt. Was f├╝r mich genug ist, ist f├╝r andere vielleicht nicht mal akzeptabel. Und ich finde es immer wieder wichtig, mir bewusst zu machen, dass es v├Âllig andere Lebensstile gibt, sowohl in die eine als auch die andere Richtung. Und muss mir auch immer wieder vorsagen, dass der gr├Âsste Teil der Weltbev├Âlkerung mit einem Bruchteil von dem lebt, was wir als Minimum erachten und sich dabei noch abm├╝hen muss, an Trinkwasser zu kommen – eine Sache, die f├╝r uns so absolut selbstverst├Ąndlich ist, dass wir nie dr├╝ber nachdenken.

Ich glaube nicht, dass es einen gl├╝cklich macht, viel oder noch mehr Geld zu haben. Oft ist es doch so, dass manche, die glauben, mit tausend Euro mehr im Monat w├Ąren alle ihre Probleme gel├Âst, diesen Betrag genau so schnell durchbringen wie den Rest. Oder der Wunsch, die Woche h├Ątte einen Tag mehr, um alles unterzubringen – ich f├╝rchte, oft w├╝rde das eben eine anstrengende Acht-Tage-Woche bedeuten und nicht den ersehnten Freiraum. Bei allem, was einem scheinbar begrenzt zur Verf├╝gung steht, kommt es auf die┬ábewusste Einteilung, die richtige Organisation oder, um gleich noch ein gruseliges Wort anzubringen, das richtige Management an. Nur eine Stunde zum ├ťben?┬áEin fester Betrag┬ázum Verjubeln im Monat und drei Geburtstage, die anstehen? Alles nicht schlimm, wenn man vorher weiss, dass man planvoll vorgehen sollte.

Und zu der Frage nach dem „mehr“:┬ámein Gl├╝cksbewusstsein hat nicht mit dem Kontostand zu tun. Eher mit dem Gef├╝hl, genug f├╝r alles zu haben, was┬ámir wichtig ist. Genug zu haben, um sich buchst├Ąblich alles leisten zu k├Ânnen und auf nichts verzichten zu m├╝ssen. M├Âglicherweise ist es ein ganz geringer Betrag, den man daf├╝r vorsieht, aber das Bewusstsein, sich jeden Monat ├╝berteuerten Milchkaffee in einem h├╝bschen Kaffeehaus,┬áeinen Museumsbesuch und auch das Schwimmbad leisten zu k├Ânnen, genug f├╝r Geburtstagsgeschenke und gelegentlich Kleider zu haben und jeden Monat ein┬ábisschen was f├╝r eine kleine St├Ądtereise zur├╝cklegen zu k├Ânnen, gibt mir das Gef├╝hl, reich zu sein und wirklich nicht mehr zu brauchen. Wenn ich hingegen meinem Leben nur hinterherhetze, mit Bedauern feststelle, dass die monatelange Sonderausstellung schon wieder vorbei ist und ich vor lauter Unterrichten keine Zeit hatte, hinzugehen, der Garten schon mal bessere Zeiten gesehen hat – dann kommt mir mein Leben armselig vor, egal, wie’s auf dem Konto aussieht.