Genug

Dieses Jahr konnte ich mir einen langgehegten Traum erfüllen: am Freitag unterrichte ich nicht. Seit Jahren wünsche ich mir, einen Tag zu haben, an dem ich üben kann, ohne auf die Uhr zu schauen, in Ruhe Besorgungen erledigen kann, eventuell mit Freundinnen frühstücken kann – falls die genau so luxuriös wie ich leben – , im Garten was tun kann ohne Zeitlimit… Die Ideen sind da, und jetzt auch die freie Zeit.

Aber das seltsame ist: man scheint sich dafür rechtfertigen zu müssen, wenn man als gesunder und fitter Mensch bewusst die Arbeit zurückfahren will. Ich wurde mehrfach gefragt, warum ich nicht noch fünf neue Schüler annehme, dann würde ich doch auch mehr verdienen. Aber die Frage ist wirklich: Geld oder Leben. Muss es dauernd mehr sein? Und wie viel ist genug?

Das Spannende ist ja, dass das jeder für sich anders definiert und jeder andere Prioritäten setzt. Was für mich genug ist, ist für andere vielleicht nicht mal akzeptabel. Und ich finde es immer wieder wichtig, mir bewusst zu machen, dass es völlig andere Lebensstile gibt, sowohl in die eine als auch die andere Richtung. Und muss mir auch immer wieder vorsagen, dass der grösste Teil der Weltbevölkerung mit einem Bruchteil von dem lebt, was wir als Minimum erachten und sich dabei noch abmühen muss, an Trinkwasser zu kommen – eine Sache, die für uns so absolut selbstverständlich ist, dass wir nie drüber nachdenken.

Ich glaube nicht, dass es einen glücklich macht, viel oder noch mehr Geld zu haben. Oft ist es doch so, dass manche, die glauben, mit tausend Euro mehr im Monat wären alle ihre Probleme gelöst, diesen Betrag genau so schnell durchbringen wie den Rest. Oder der Wunsch, die Woche hätte einen Tag mehr, um alles unterzubringen – ich fürchte, oft würde das eben eine anstrengende Acht-Tage-Woche bedeuten und nicht den ersehnten Freiraum. Bei allem, was einem scheinbar begrenzt zur Verfügung steht, kommt es auf die bewusste Einteilung, die richtige Organisation oder, um gleich noch ein gruseliges Wort anzubringen, das richtige Management an. Nur eine Stunde zum Üben? Ein fester Betrag zum Verjubeln im Monat und drei Geburtstage, die anstehen? Alles nicht schlimm, wenn man vorher weiss, dass man planvoll vorgehen sollte.

Und zu der Frage nach dem „mehr“: mein Glücksbewusstsein hat nicht mit dem Kontostand zu tun. Eher mit dem Gefühl, genug für alles zu haben, was mir wichtig ist. Genug zu haben, um sich buchstäblich alles leisten zu können und auf nichts verzichten zu müssen. Möglicherweise ist es ein ganz geringer Betrag, den man dafür vorsieht, aber das Bewusstsein, sich jeden Monat überteuerten Milchkaffee in einem hübschen Kaffeehaus, einen Museumsbesuch und auch das Schwimmbad leisten zu können, genug für Geburtstagsgeschenke und gelegentlich Kleider zu haben und jeden Monat ein bisschen was für eine kleine Städtereise zurücklegen zu können, gibt mir das Gefühl, reich zu sein und wirklich nicht mehr zu brauchen. Wenn ich hingegen meinem Leben nur hinterherhetze, mit Bedauern feststelle, dass die monatelange Sonderausstellung schon wieder vorbei ist und ich vor lauter Unterrichten keine Zeit hatte, hinzugehen, der Garten schon mal bessere Zeiten gesehen hat – dann kommt mir mein Leben armselig vor, egal, wie’s auf dem Konto aussieht.

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