Im BlĂŒtenmeer

9. Mai, 201309:19 von

0


Da es etwas snobistisch und auf seine Art beschrĂ€nkt klingt, stĂ€ndig vom Botanischen Garten in London zu sprechen, den in MĂŒnchen, also vor der HaustĂŒr, aber gar nicht zu kennen, wurde als Gegenmassnahme ein Sonntagsausflug dorthin beschlossen. Und das im Mai… Was kann es da anders als grosse Begeisterung geben? Und wer erwartet etwas anderes als ekstatische Rhapsodien ĂŒber mit zarten BlĂŒten ĂŒbersĂ€te ObstbĂ€ume, herrlich frĂŒhlingsgrĂŒne Buchen mit hauchzarten BlĂ€ttern, Teppiche voller Wiesenschaumkraut im lichten Laubwald, ĂŒberbordend ĂŒppig blĂŒhende Rhododendren in krĂ€ftigen Farben, oder, gleich am Eingang, die einen fast ĂŒberfordernde Vielfalt an Tulpenbeeten in allen denkbaren Farbkombinationen, die einen, von einer der Balustraden betrachtet, an einen persischen Teppichmarkt erinnern? Deshalb unternehme ich gar nicht den Versuch, die ganze unglaubliche und vielfĂ€ltige Schönheit zu beschreiben, die man an einem der ersten FrĂŒhlingstage einfach selbst erleben sollte – inklusive DĂŒften und BlĂŒtenstaub, der einem die Augen etwas brennen lĂ€sst, und den ersten warmen Sonnenstrahlen auf den Schultern.

Stattdessen versuche ich, die Unterschiede, die mir aufgefallen sind, in Worte zu kleiden. Falls so ein Unterfangen ĂŒberhaupt sinnvoll ist… Was mir von London im GedĂ€chtnis geblieben ist, ist die unglaubliche Ausdehnung des Gartens. Die schiere Grösse, auf die ich nicht vorbereitet war, hat mich fast erschlagen – doch selbst bei einem erneuten Besuch wĂŒrde ich wieder nur einen Ausschnitt sehen können. Die Distanzen zwischen den GewĂ€chshĂ€usern allein sind betrĂ€chtlich, und will man unterwegs in Ruhe die zahlreichen majestĂ€tischen Baumriesen betrachten oder sich einfach auf einer der zahlreichen BĂ€nke ausruhen, sieht man noch weniger Verschiedenes. Was aber nicht schlimm ist. Selbst hier, im absolut idyllischen GrĂŒn, hatte ich irgendwann das auf dieser Reise so oft auftretende GefĂŒhl der ReizĂŒberflutung und den Wunsch der bewussten BeschrĂ€nkung. Im Gegensatz zu MĂŒnchen, das an diesem sonnigen Sonntag Ă€usserst ĂŒberlaufen war, wĂŒrden solche Menschenmassen in London aufgrund der Grösse des Gartens kaum auffallen. Es gab auch immer wieder Ecken, an denen ich ganz allein war und wirklich auch die Ruhe geniessen konnte.

Da der Garten in London Ă€lter ist, strahlt er eine ganz andere Art von Eleganz aus: noch mehr den Geist einer anderen, wirklich vergangenen Epoche. Die viktorianischen GewĂ€chshĂ€user sind imposantere und filigranere Konstruktionen als die in MĂŒnchen und sind durch die FĂŒlle an Platz auch viel mehr auf Ă€ussere Wirkung angelegt – Teiche oder WasserlĂ€ufe bilden Sichtachsen mit Spiegelungen, und das durch die Distanzen langsamere Ankommen an einem der PalmenhĂ€user bietet aus verschiedenen Winkeln eindrucksvolle Ansichten. Überhaupt ist der Stil in London deutlich „royaler“ – man hat das GefĂŒhl, sich in Gefilden und Dimensionen zu bewegen, die einem normalerweise nicht offenstehen. Und wirklich exotische, grandiose BĂ€ume aus aller Welt wirken schon wie eine Demonstration der Grösse des britischen Empire – sehr selbstbewusst und etwas furchteinflössend. MĂŒnchen trĂ€gt deutlich behĂ€bigere ZĂŒge. Entstanden vor dem ersten Weltkrieg, erinnerten mich die GebĂ€ude und vor allem die Kombination von bodenstĂ€ndig-heimisch blĂŒhenden ApfelbĂ€umen und gehobenem spĂ€ten Jugendstil an meine prĂ€gende Heile-Welt-KindheitslektĂŒre von „Pucki“ oder „NesthĂ€kchen“: hier wĂŒrde ich mich unbefangen an die grossbĂŒrgerliche Kaffeetafel im Garten dazusetzen, zu Streusselkuchen mit Sahne und GesprĂ€chsthemen wie den aufgeschlagenen Knien von Lenchen oder den Vergehen von Dackel Waldemar. Aber ich hĂ€tte keine Lust, ehrfuchtsvoll im Gefolge von Queen Victoria durch eines ihrer GewĂ€chshĂ€user zu schreiten – nein, ĂŒberhaupt nicht. MĂŒnchen ist definitiv die bodenstĂ€ndigere Zeitreise…

Auch eine Zeitreise der anderen Art sind die typisch uncharmanten deutschen Verbots- oder Gebotsschilder, schĂ€tzungsweise aus den Sechzigerjahren. Dieser ruppige, deutliche Ton wird in Zeiten der political correctness wahrscheinlich bald der Vergangenheit angehören und ist schon deshalb sehenswert… Und ist es nicht bemerkenswert, dass es einem ĂŒberhaupt auffĂ€llt? Inzwischen hat man sich schon so an den ĂŒbermĂ€ssig höflichen und beschönigenden Tonfall gewöhnt, in dem ĂŒber Unangenehmes gesprochen wird, dass Schilder, die eine eindeutigere Sprache sprechen, tatsĂ€chlich herausstechen. (NĂ€chstes Mal mach ich Fotos von solchen Schildern, bevor sie abmontiert werden!) Überhaupt strahlen die Serviceeinrichtungen in MĂŒnchen diese typische „staatliche“, leicht lieblose Einfachheit aus, die in Zeiten der Privatisierung auch langsam aussterben werden. In London zahlt man ein atemberaubendes Vielfaches als Eintritt, bekommt aber auch das GefĂŒhl, als „Sponsor“ fĂŒr einen Tag privilegiert und zuvorkommend bedient zu werden, angefangen vom schönen Plan, den man ĂŒberreicht bekommt, bis zu allen möglichen Einrichtungen, die den Aufenthalt dort angenehmer machen und die alle auf dem neuesten Stand sind.

Fazit? Ein Besuch im Botanischen Garten, am besten mit der Strassenbahn kommend, ist ein wunderbar altmodisches SonntagsvergnĂŒgen. Absolut undigital, nicht interaktiv, ohne andere GerĂ€uschberieselung als die, die von Natur aus da ist, ohne Bildschirme oder Touchscreens, und zu einem Preis, bei dem sich viele fragen werden, ob das ĂŒberhaupt was wert sein kann. Und grade deshalb ungemein erholsam und bereichernd.