Im Blütenmeer

Da es etwas snobistisch und auf seine Art beschränkt klingt, ständig vom Botanischen Garten in London zu sprechen, den in München, also vor der Haustür, aber gar nicht zu kennen, wurde als Gegenmassnahme ein Sonntagsausflug dorthin beschlossen. Und das im Mai… Was kann es da anders als grosse Begeisterung geben? Und wer erwartet etwas anderes als ekstatische Rhapsodien über mit zarten Blüten übersäte Obstbäume, herrlich frühlingsgrüne Buchen mit hauchzarten Blättern, Teppiche voller Wiesenschaumkraut im lichten Laubwald, überbordend üppig blühende Rhododendren in kräftigen Farben, oder, gleich am Eingang, die einen fast überfordernde Vielfalt an Tulpenbeeten in allen denkbaren Farbkombinationen, die einen, von einer der Balustraden betrachtet, an einen persischen Teppichmarkt erinnern? Deshalb unternehme ich gar nicht den Versuch, die ganze unglaubliche und vielfältige Schönheit zu beschreiben, die man an einem der ersten Frühlingstage einfach selbst erleben sollte – inklusive Düften und Blütenstaub, der einem die Augen etwas brennen lässt, und den ersten warmen Sonnenstrahlen auf den Schultern.

Stattdessen versuche ich, die Unterschiede, die mir aufgefallen sind, in Worte zu kleiden. Falls so ein Unterfangen überhaupt sinnvoll ist… Was mir von London im Gedächtnis geblieben ist, ist die unglaubliche Ausdehnung des Gartens. Die schiere Grösse, auf die ich nicht vorbereitet war, hat mich fast erschlagen – doch selbst bei einem erneuten Besuch würde ich wieder nur einen Ausschnitt sehen können. Die Distanzen zwischen den Gewächshäusern allein sind beträchtlich, und will man unterwegs in Ruhe die zahlreichen majestätischen Baumriesen betrachten oder sich einfach auf einer der zahlreichen Bänke ausruhen, sieht man noch weniger Verschiedenes. Was aber nicht schlimm ist. Selbst hier, im absolut idyllischen Grün, hatte ich irgendwann das auf dieser Reise so oft auftretende Gefühl der Reizüberflutung und den Wunsch der bewussten Beschränkung. Im Gegensatz zu München, das an diesem sonnigen Sonntag äusserst überlaufen war, würden solche Menschenmassen in London aufgrund der Grösse des Gartens kaum auffallen. Es gab auch immer wieder Ecken, an denen ich ganz allein war und wirklich auch die Ruhe geniessen konnte.

Da der Garten in London älter ist, strahlt er eine ganz andere Art von Eleganz aus: noch mehr den Geist einer anderen, wirklich vergangenen Epoche. Die viktorianischen Gewächshäuser sind imposantere und filigranere Konstruktionen als die in München und sind durch die Fülle an Platz auch viel mehr auf äussere Wirkung angelegt – Teiche oder Wasserläufe bilden Sichtachsen mit Spiegelungen, und das durch die Distanzen langsamere Ankommen an einem der Palmenhäuser bietet aus verschiedenen Winkeln eindrucksvolle Ansichten. Überhaupt ist der Stil in London deutlich „royaler“ – man hat das Gefühl, sich in Gefilden und Dimensionen zu bewegen, die einem normalerweise nicht offenstehen. Und wirklich exotische, grandiose Bäume aus aller Welt wirken schon wie eine Demonstration der Grösse des britischen Empire – sehr selbstbewusst und etwas furchteinflössend. München trägt deutlich behäbigere Züge. Entstanden vor dem ersten Weltkrieg, erinnerten mich die Gebäude und vor allem die Kombination von bodenständig-heimisch blühenden Apfelbäumen und gehobenem späten Jugendstil an meine prägende Heile-Welt-Kindheitslektüre von „Pucki“ oder „Nesthäkchen“: hier würde ich mich unbefangen an die grossbürgerliche Kaffeetafel im Garten dazusetzen, zu Streusselkuchen mit Sahne und Gesprächsthemen wie den aufgeschlagenen Knien von Lenchen oder den Vergehen von Dackel Waldemar. Aber ich hätte keine Lust, ehrfuchtsvoll im Gefolge von Queen Victoria durch eines ihrer Gewächshäuser zu schreiten – nein, überhaupt nicht. München ist definitiv die bodenständigere Zeitreise…

Auch eine Zeitreise der anderen Art sind die typisch uncharmanten deutschen Verbots- oder Gebotsschilder, schätzungsweise aus den Sechzigerjahren. Dieser ruppige, deutliche Ton wird in Zeiten der political correctness wahrscheinlich bald der Vergangenheit angehören und ist schon deshalb sehenswert… Und ist es nicht bemerkenswert, dass es einem überhaupt auffällt? Inzwischen hat man sich schon so an den übermässig höflichen und beschönigenden Tonfall gewöhnt, in dem über Unangenehmes gesprochen wird, dass Schilder, die eine eindeutigere Sprache sprechen, tatsächlich herausstechen. (Nächstes Mal mach ich Fotos von solchen Schildern, bevor sie abmontiert werden!) Überhaupt strahlen die Serviceeinrichtungen in München diese typische „staatliche“, leicht lieblose Einfachheit aus, die in Zeiten der Privatisierung auch langsam aussterben werden. In London zahlt man ein atemberaubendes Vielfaches als Eintritt, bekommt aber auch das Gefühl, als „Sponsor“ für einen Tag privilegiert und zuvorkommend bedient zu werden, angefangen vom schönen Plan, den man überreicht bekommt, bis zu allen möglichen Einrichtungen, die den Aufenthalt dort angenehmer machen und die alle auf dem neuesten Stand sind.

Fazit? Ein Besuch im Botanischen Garten, am besten mit der Strassenbahn kommend, ist ein wunderbar altmodisches Sonntagsvergnügen. Absolut undigital, nicht interaktiv, ohne andere Geräuschberieselung als die, die von Natur aus da ist, ohne Bildschirme oder Touchscreens, und zu einem Preis, bei dem sich viele fragen werden, ob das überhaupt was wert sein kann. Und grade deshalb ungemein erholsam und bereichernd.

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