…wird benutzt, was da ist

30. Januar, 201307:26 von

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Nachdem der Dezember┬áin jeder Hinsicht┬áein ├╝bervoller Monat war, in dem alles im ├ťberfluss auf mich einstr├Âmte, nutze ich den Anfang des neuen Jahres zu einem innerlichen Neuanfang. Nach den┬áEinladungen und den damit verbundenen Lebensmittel-Einkaufsorgien geniesse ich es, nur mit einem kleinen Korb das N├Âtigste an frischen Sachen zu kaufen und mich sonst an die gut gef├╝llten Vorratsschr├Ąnke zu halten. Und mich zu fragen, warum gewisse Lebensmittel ihr Verfallsdatum erreicht haben, ohne dass wir Lust darauf hatten. Jetzt wird konsequent verbraucht, was da ist. Auch das in den hinteren Reihen. Der Bestand ist teilweise lustig und regt meine Kreativit├Ąt an: Sp├Ątzle mit Kraut hatten wir noch nie, aber es war gar nicht schlecht. Die Quarkkn├Âdel mit eingemachten Heidelbeeren und ger├Âsteten Semmelbr├Âseln waren direkt ein Gedicht, und die Graupensuppe perfekt f├╝r unser Dauerfrostwetter.

Mit B├╝chern, Kleidern, CDs ist es wie mit Lebensmitteln: man hat so viel im Schrank, oft, ohne es zu wissen. Statt einkaufen zu gehen, sollte man ├Âfter die Zeit dazu nutzen, seine Schr├Ąnke durchzusehen. Ich habe einige Wollsachen in die Reinigung gebracht, damit ich noch was davon habe, so lange es kalt ist. Dann die ber├╝hmten Kn├Âpfe angen├Ąht, die einen monatelang davon abhalten, ein bestimmtes St├╝ck anzuziehen. Und ein paar ausgefranste Stellen ausgebessert. So habe ich ohne Einkaufen das Gef├╝hl, eine neue Garderobe zu haben. Und ich habe mir angew├Âhnt, in die Schule Wolljackets anzuziehen. Ist vielleicht etwas zu fein, andererseits DIE Offenbarung in unserer kalten Burg. Zum ersten Mal seit acht Jahren beklage ich mich abends bei Johannes nicht, dass ich in Mantel und Pulsw├Ąrmern unterrichtet habe. Dabei hingen die Jackets die ganze Zeit im Schrank (und in der Philharmonie ├╝ber meiner Stuhllehne, weil es da viel zu warm ist!).

Mein E-Piano, das einige Monate bei zarten H├Ąnden verbringen durfte, wird in n├Ąchster Zeit zur├╝ckkommen – was gut ist, denn dann kann ich gleich morgens um sieben schon mal eine Stunde unh├Ârbares ├ťben unterbringen, ohne andere zu st├Âren. Es bekommt auch einen neuen Platz, und daf├╝r haben der Gemahl und ich einiges umger├Ąumt. Was auch gut ist am Jahresanfang. Vor allem, wenn man es zu zweit tut und daran seine Diskussionskultur wieder, nun ja, weiterentwickelt. (Heute musste ich zugeben, dass er recht hatte. Ist aber gar nicht so schwer.) Jetzt steht ein B├╝cherregal neu in meinem Zimmer, das vorher wo anders war. Daf├╝r musste der Schreibtisch in eine andere Ecke und schaut in eine andere Himmelsrichtung – ein unerwartet neues Lebensgef├╝hl, das gleich Lust macht, sich hinzusetzen und loszulegen. Es ist so leicht, eine neue Perspektive zu erhalten. Warum macht man es nicht ├Âfter?!

Im Regal waren ungef├Ąhr zwanzig leere Zentimeter vorgesehen f├╝r ausgeliehene B├╝cher und andere, die ich lesen will. Warum man sie auf dem Bild┬á nicht erkennen kann, also warum sie schon wieder v├Âllig bewohnt aussehen, ist gruselig und unerkl├Ąrlich. Ich versuche, dem Vermehrungstrieb unserer B├╝cher systematisch auf die Schliche zu kommen und habe deshalb im Januar mal mitgerechnet: ich habe sieben B├╝cher gelesen (f├╝nf davon ausgeliehen – juchu B├╝chereiausweis!). Ich f├╝rchte, das ist normal f├╝r mich. Nicht auszudenken, wie es hier aussehen w├╝rde, wenn ich sie alle gekauft h├Ątte.

Manchmal werde ich gefragt, wann ich lese – eigentlich nur abends. Ich sehe halt nicht fern. Erstens ist es uns├Ąglich, zweitens kann ich nicht mit der Fernbedienung umgehen. Seit Oktober hat sich noch mal was ge├Ąndert. Ein viel zu junger Mann hat viel zu schnell irgendwas installiert und mir eine neue Fernbedienung in die Hand gedr├╝ckt. Ich hab noch nie ausprobiert, ob sie ├╝berhaupt funktioniert, und der Gemahl kommt eh nie zum Fernsehen. Im Januar hab ich also zwei Abende vor der Kiste verbracht mit vergn├╝glichen DVDs.┬áAn einem Abend┬áwar ich in einem Konzert. Eins hab ich selber gegeben, und einmal war ich in einer Lesung (und habe das vorgestellte Buch NICHT gekauft, obwohl es interessant klang!). Und die restlichen Abende habe ich eben gelesen. Bei diesen langen dunklen Abenden kommen da schnell einige B├╝cher zusammen.

Was ich u.a. gelesen habe: „Oliver Twist“, was sich als unerwartet grausam und generell d├╝ster erwiesen hat. W├╝rde ich keiner zarten Seele empfehlen. Und „The Dark Island“ von Vita Sackville-West. Mein Januar-Roman von ihr. Um das Vergn├╝gen auszubreiten, limitiere ich mich auf einen Roman pro Monat und bin leider schon im Jahr 1934 angelangt.┬áBei allem Respekt: ich w├╝rde┬áauch dieses┬áBuch┬ánicht unbedingt┬áempfehlen. ├ťber sehr grosse Strecken merkt man zwar mit Vergn├╝gen, was f├╝r eine begabte Schriftstellerin da am Werk ist, und psychologisch wird es zum Schluss zu immer interessanter und beklemmender. Aber es gibt eine unglaublich kitschige Schilderung einer Hochzeitsnacht, in der jemand im Nebenzimmer „Isoldes Liebestod“ auf der Orgel spielt. Hat denn das niemand verhindern k├Ânnen?! Leider ist es letzlich diese uns├Ągliche Szene, die einem im Ged├Ąchtnis bleibt. Dann schon lieber ihre fr├╝heren Romane!