Ab jetzt…

2. Januar, 201308:54 von

6


Unsere B├╝cherregale haben dieses Jahr einen Zuwachs erfahren wie nie zuvor. Das muss anders werden, denn so kann es definitiv nicht weitergehen. Ich w├╝rde zwar liebend gern in einer Bibliothek wohnen, andererseits m├Âchte ich nicht so viel um mich anh├Ąufen, denn letzlich belastet┬áBesitz doch nur. Und auch wenn ich regelm├Ąssig ausmiste und B├╝cher verschenke, steht das Lesevergn├╝gen in keinem Verh├Ąltnis zum Aufwand an Gedankenenergie, Geld und Ressourcen, die man darauf verwendet.

Fatal f├╝r diese Entwicklung in unserem Haushalt hat sich in den letzten Jahren die extrem leichte Verf├╝gbarkeit von gebrauchten B├╝chern┬á├╝ber das┬áInternet erwiesen. ├ťber die einschl├Ągigen antiquarischen Seiten, mit denen ich in Zukunft wirklich vorsichtig umgehen will, ist es erstaunlich einfach, mit einem Klick seltene Erstausgaben aus den 20er Jahren zu bestellen.┬áNoch vor einigen┬áJahren musste man ihnen m├╝hsam und pers├Ânlich auf der ganzen Welt nachjagen. Es ist zu verf├╝hrerisch, sie jetzt so schnell auf einen Blick ├╝berhaupt lokalisieren zu k├Ânnen. Und wenn einem bewusst ist, dass manche der Werke nicht mehr gedruckt┬áwerden und m├Âglicherweise nur noch in diesen f├╝nf Exemplaren ├╝berhaupt existieren, f├╝hlt man sich quasi verpflichtet, auf das Warenkorb-Symbol zu klicken. Und unversehens, und ohne sich ruiniert zu f├╝hlen, hat man eine ansehnliche Sammlung beisammen.

Genau so gef├Ąhrlich wie die Seiten mit antiquarischen Juwelen sind die bekannten anderen, die schn├Âdere und neuere Taschenbuchausgaben anbieten. Auch hier gibt es immer wieder Titel, die nicht mehr gedruckt werden – und wieder sieht man es als seine moralische Pflicht an, sie zu kaufen, um sie vor dem g├Ąnzlichen Verschwinden zu bewahren. Finde ich dann noch eine Kundenrezension, die behauptet: „ein Text, der verwirrt, aber auch bereichert“, ist es f├╝r mich ein sicheres Zeichen, dass ich dieses Buch sofort lesen muss. Und – … nein, kein Klicken! Ab jetzt nicht mehr!

Ab jetzt habe ich ein weiteres ├╝berholtes und altmodisches Requisit wieder in mein Leben eingef├╝hrt: einen Leserausweis einer Bibliothek! Stolz steckt er neben meiner Telefonkarte, die man als handyloser Mensch manchmal braucht – viele meiner zw├Âlfj├Ąhrigen Sch├╝ler haben von beidem noch nie was geh├Ârt… Aber es f├╝hlt sich gut an, dieser kleine Ausweis, ich f├╝hle mich wieder komplett. Ich war fast mein Leben lang begeisterte Bibliotheksnutzerin, angefangen bei den zwei Regalen unserer Pfarrbibliothek im eiskalten St├╝bchen des alten Pfarrhauses.┬á┬áSonntags nach dem Gottesdienst durften wir die immer gleichen zerfledderten Abenteuerb├╝cher┬áaus der Nachkriegszeit┬áausleihen. Seit ich mehr auf dem Land wohne, bin ich allerdings von B├╝chereien abgekommen aus dem snobistischen Grund, dass die Literatur, f├╝r die ich mich interessiere, schlicht nicht erh├Ąltlich ist. Deswegen musste ich so viel kaufen, nur deshalb… Doch jetzt hat die Vernunft gesiegt – ich kann mir per Fernleihe aus M├╝nchen die absurdesten Titel kommen lassen, und falls ich wirklich was f├╝nf Mal lesen will, k├Ânnte ich es immer noch anschaffen.

Der Vorgang birgt auch eine ungeahnte Vorfreude in sich. Gew├Âhnt an die sekundenschnelle Erf├╝llung aller W├╝nsche, ist es ein ganz seltsames und spannendes Gef├╝hl, eben diese Instantbefriedigung nicht zu haben. Vor den Weihnachtsferien habe ich mir voll Freude und Stolz einen Ausweis unserer Schulbibliothek ausstellen lassen. Da die Fernleihe ein paar Tage dauert, war es sinnlos, die B├╝cher vor den Ferien zu bestellen. Jetzt kann ich in aller Ruhe ├╝berlegen, mit was ich anfangen will und meinen ersten Wunschzettel schreiben. Nach den Ferien bestelle ich es, und da ich immer nur zwei Tage in der Woche dort bin, muss ich noch mal eine Woche warten, bis ich die B├╝cher in der Hand halten kann. Ist das nicht wundersch├Ân?! Eine nette ├ťbung in Selbstdisziplin, die in sich schon eine Belohnung darstellt. Und dazu beitr├Ągt, dass B├╝cher noch einen Wert haben. Die schnelle Verf├╝gbarkeit tr├Ągt ja auch zu einer Entwertung bei.

Worauf ich mich freue (wenn ich’s bekomme…): ein wahrscheinlich kiloschwerer Bildband┬ámit Photographien von Marianne Breslauer, der unserem B├╝cherregal gewichtsm├Ąssig den Rest geben w├╝rde. So gern ich ihn haben w├╝rde – so was wird in Zukunft ausgeliehen. Marianne Breslauer h├Ąlt┬áden Stil, die Eleganz┬áund das Lebensgef├╝hl einer vergangenen Epoche auf wunderbare Weise fest. Ich freue mich auf diese besondere Zeitreise.