Vom Inn an die Themse: London

Seit über 20 Jahren träume ich davon, nach England zu fahren. Bei jedem Gartenbuch, bei jedem Roman, den ich in der Zeit gelesen habe, habe ich mir im Kopf Notizen gemacht, dass ich diese Orte sehen muss. Langsam wurde die Liste so lang und die Vorfreude so unerträglich, dass ich in den faulen Augusttagen dachte: entweder ich verbringe noch mal drei Wochen hier auf dem Liegestuhl und lese englische Romane, oder ich fahre in Gottes Namen endlich hin.

Gesagt, getan. Was mich immer abgehalten hat, war die vermeintliche Entfernung. Aber wie oft waren wir in der Zeit in Rom oder Neapel und haben geduldig die 10 Stunden im Zug auf uns genommen? Ich glaube, es war auch eine Denkbarriere wegen dem Wasser dazwischen. Doch dank Kanaltunnel ist auch das keine Affäre mehr. Ich hatte mir zwar immer ausgemalt, wie ich ganz klassisch mit dem Schiffchen nach Dover oder Newhaven übersetzen würde, aber wenn man nur sieben Tage unterwegs ist, ist das doch zu aufwendig. Ein kleiner Traum bleibt also.

Der Fahrkartenkauf barg auch unerwartete Freuden: ich weiss nicht, ob ich mich mehr über mein ausgedrucktes Ticket „Ebersberg (Oberbayern) – London St Pancras International“ amüsieren soll oder über die Aussprache des sehr kompetenten und besorgten Wasserburger Bahnbeamten, der meinte: „du willst doch net mitten in der Nacht in St. Pankraz ankommen!“. Mit Hilfe des heiligen Pankraz fuhr ich also zu einer annehmbaren Zeit wohlbehalten in London ein, lief die zehn Minuten im Dämmerlicht zu meinem Hotel in Bloomsbury und musste sofort, nachdem ich mein Gepäck abgelegt hatte, durch das Viertel spazieren.

Ich wohnte am Mecklenburgh Square 25, Virginia Woolf in Hausnummer 37 – die erste Stätte meiner Pilgerreise war nicht mal einen Katzensprung von meiner Haustür, und ich muss sagen, das ist schon seltsam. Sich vorzustellen, wie sie auf den gleichen Park blickte, abends im Laternenlicht noch mal mit ihren Hunden Grizzle und Pinker ging, die gleichen alten Häuser sah und die gleiche Ruhe in der Nacht genoss… Und weiter, ein paar Minuten, zum Tavistock Square, wo sie in den 20er Jahren sehr lange lebte und die meisten ihrer Romane schrieb. Wieder alte Häuserzeilen, altes Pflaster, zum Teil menschenleere Strassen, viele Parks, manchmal berittene Polizei, die langsam vorbeiklapperte. Ich fühlte mich wie in eine andere Zeit versetzt. Charles Dickens hat einen etwas grösseren Katzensprung von meinem Hotel auf der anderen Seite gewohnt (kein Witz!), und dort gab es eher enge, funzelig beleuchtete Gassen, Hinterhöfe und kleine Backsteinhäuser – keine eleganten, hohen Stadthäuser mehr, sondern alles etwas einfacher, aber so stimmungsvoll, dass es auch einer Zeitreise glich.

Dieser erste dämmrige Abendspaziergang war tonangebend für den Rest des Aufenthalts. Ich lief völlig entspannt und wie im Traum und mit dem Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben und gar nichts zu müssen. Ohne Uhr, ohne Stadtplan, ohne Geldbeutel oder Ausweis (äh, wie naiv ist das? Ist mir aber erst nach einer Stunde aufgefallen…). Trotzdem mit dem seltsamen Gefühl, mich auszukennen und wirklich keinen Stadtplan zu brauchen. Hab ihn ja lang genug studieren können im Zug. Was auffällt: die Hälfte von Bloomsbury scheint aus Gärten und Parks zu bestehen, mal private wie der meines Hotels, für den man einen Schlüssel braucht, mal öffentliche. Man hat das Gefühl, ständig an Grünflächen vorbeizugehen und muss sich manchmal bewusst vorsagen, dass man sich mitten in einer Millionenstadt befindet.

Und so habe ich mich trotz Wochenkarte in den nächsten Tagen hauptsächlich zu Fuss durch London fortbewegt. Ich glaube, ich bin noch nie im Leben so viel gelaufen! Aber auch selten so entspannt und so wach mit allen Sinnen. Es ist einfach schöner, sich oberirdisch zu bewegen und mehr von der Stadt mitzukriegen. Natürlich musste ich – aus Pilgergründen – ein paar Mal die 175 Stufen zur U-Bahn-Station Russell Square runtersteigen. Es gibt jetzt zwar drei moderne Aufzüge, in die je 50 Personen passen, aber es ist doch viel netter, vorbei an Jugendstilkacheln, die einem den Weg weisen, eine enge, zugige Wendeltreppe in die Unterwelt hinunterzusteigen. Virginia Woolf war zwar eine grosse Stadtspaziergängerin, ist aber verbürgtermassen oft an dieser „unserer“ Haltestelle eingestiegen und widmet dem Klang des Namens sogar längere Überlegungen in einem Essay übers Schreiben. Dass ich den Aufsatz zum ersten Mal im Leben jetzt in London abends im Hotel las, ein paar Minuten von dem Ort entfernt, wo er geschrieben wurde, ist doch wunderbar.

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