„She walks among the loveliness she made“

26. August, 201207:42 von

0


„She walks among the loveliness she made,

(…)

Each flower her son, and every tree her daughter.“

Dieser Abschnitt aus „The Land“, dem furchteinfl├Âssend langen Gedicht von Vita Sackville-West, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich fand ihn genau so zuf├Ąllig wie das zauberhafte Gedicht ├╝ber die Fritillaria, das ich im letzten Artikel erw├Ąhnt habe, und auch hier hatte ich das Gef├╝hl, v├Âllig unerwartet ein funkelndes kleines Juwel gefunden zu haben, zu dem ich immer wieder zur├╝ckkehren musste. Abgesehen von der poetischen Beschreibung des Fr├╝hsommergartens auf dem H├Âhepunkt seiner Pracht gef├Ąllt mir so besonders, dass die Urheberin des Gartens nach Stunden, Monaten, Jahren harter k├Ârperlicher Arbeit einen Moment geniesst, in dem sie entspannt und gl├╝cklich einen Schritt zur├╝cktritt und einfach die Sch├Ânheit um sich herum geniesst. Aber in dem Bewusstsein, dass sie ohne sie nicht da w├Ąre und dass ihr die Pflanzen und B├Ąume so nahestehen wie ihre eigenen Kinder.

Vita vollendete „The Land“ 1926. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie seit 1915 den traumhaft sch├Ânen Garten in Long Barn angelegt – in wenigen Jahren sollten sie nach Sissinghurst ziehen und dort einen Garten von ganz anderen Dimensionen planen. Wie sch├Ân, dass sie diese Art Zwischenbilanz ┬áin dem Gedicht festgehalten hat. Vielleicht h├Ątte sie es nicht fr├╝her schreiben k├Ânnen als jetzt, mit Mitte 30. Ihr Leben war immer noch turbulent genug, aber sie hatte das Bed├╝rfnis, innezuhalten, kurz zur├╝ckzublicken und die Kraft und Freude, die ihr ihr Garten gab, zu verewigen.

Ich erkenne mich hier wieder, auch in dem Bed├╝rfnis nach Reflexion. Das liegt tats├Ąchlich am immer weiter fortschreitenden Alter… Jeder kann auf seine ganz pers├Ânliche Art von loveliness zur├╝ckblicken (ich liebe dieses Wort, ich will und kann es gar nicht angemessen ├╝bersetzen!): auch ein Garten, Kinder, Manuskripte oder B├╝cher, Marmeladengl├Ąser, Gem├Ąlde – einfach das, was einem viel bedeutet im Leben und in das man viel Energie gesteckt hat. Bei mir sind es seltsamerweise nicht meine Aufnahmen oder meine gesammelten Konzertprogramme. Die sind zu eindimensional und eigentlich tot und Vergangenheit. Wie die Dichterin bin ich stolz auf das, was lebendig und in Entwicklung ist und wo ich direkt die Auswirkungen meiner Bem├╝hungen sehe – meine Sch├╝ler, wenn sie spielen. Das selbstvergessene, aber hellwache Schreiten im Gedicht erinnert mich an eine meiner Lieblingsbesch├Ąftigungen, wenn ich in Erding Pause habe. Angeblich mit meinem Teebecher besch├Ąftigt, gehe ich den langen, langen Flur im Musiktrakt auf und ab, ohne dass meine Sch├╝ler das wissen, und h├Âre ihnen beim ├ťben oder Spielen zu. Ich erkenne sie durch geschlossene T├╝ren, nat├╝rlich, und h├Âre manchmal so Sch├Ânes, dass ich einfach gl├╝cklich bin. Und manchmal derart zielgerichtetes, vern├╝nftiges ├ťben, dass ich das am liebsten kommentieren w├╝rde┬á – was ich nie tue, denn dann w├Ąre es vorbei mit dem gel├Âsten und privaten Spielen. Das sind f├╝r mich die wahren Geschenke, die echten Gl├╝cksmomente. Nicht die gelungenen ├Âffentlichen Konzertauftritte oder Wettbewerbserfolge, sondern das einfach von der Sonne beschienene am-Klavier-Sein. Wie die Blumen im Garten, die auch nicht ├╝ber sich nachdenken.

Und es gibt noch eine andere Art von loveliness, im wahrsten Sinn des Wortes, die sich bei den Sch├╝lern mit der Zeit entwickelt hat. Da ich an der Schule ausser einer Geigenkollegin sechs m├Ąnnliche Kollegen habe, h├Ąufen sich die M├Ądchen bei mir. Nach den benoteten Vorspielen, die in Gruppen von sechs oder acht Sch├╝lern stattfinden, bleiben┬ásie meistens im Kreis um den Fl├╝gel sitzen und reden ├╝ber das Vorspiel. Eigentlich habe ich diese Zeit eingeplant f├╝r meine Notizen und um die Noten einzutragen, aber es gibt manchmal einfach Redebedarf, falls jemand besonders aufgeregt war oder irgendwas nicht so geklappt hat, wie man es sich gew├╝nscht hat. Was mich immer wieder ber├╝hrt: die nette, respektvolle Art, in der sie sich unterhalten. Frauen k├Ânnen ja so zickig sein untereinander, vor allem, wenn sich eine ungerecht behandelt f├╝hlt, aber meine M├Ądchen sind durch alle Jahrgansstufen wirklich nett zueinander. Das soziale Lernen im musischen Zweig ist kein Fremdwort. Alle sind im gleichen Boot, jede weiss, dass sie auch irgendwann am Fl├╝gel sitzen darf. Deshalb ist die Kritik sehr konstruktiv und die Aufmunterung wirklich lieb. Es gibt Minuten, da halte ich mich v├Âllig raus und staune ├╝ber das Einf├╝hlungsverm├Âgen meiner Sch├╝lerinnen. Und strahle innerlich, wenn eine sagt: „schau, die Frau Sommerer sagt auch immer…“. Ich weiss, dieser Umgangston ist nicht mein Verdienst. Aber dadurch, dass ich solchen Gespr├Ąchen Raum gebe und sie durch Nachfragen┬áins Rollen bringe, lernen die M├Ądchen eine Art der Lieblichkeit kennen, die mir wichtig ist. Eigentlich wichtiger f├╝rs Leben, als wenn sie eine Haydn-Sonate gut spielen k├Ânnen.

There, in the sunlit grasses green as jade,

She walks; she sees her squadrons at attention,

And, laughing at her flowery escapade,

Stretches her hands towards her dear invention.“

Und wenn┬áich sie irgendwann sanft hinausbef├Ârdere mit den Worten „Ihr habt seit einer halben Stunde frei!“ und einige sich doch wieder um den Fl├╝gel scharen, um die neue Hausaufgabe zu besprechen, m├Âchte ich wie die Dichterin l├Ącheln und die Hand nach ihnen ausstrecken – dieser Impuls ist mir so vertraut!