„She walks among the loveliness she made“

„She walks among the loveliness she made,

(…)

Each flower her son, and every tree her daughter.“

Dieser Abschnitt aus „The Land“, dem furchteinflössend langen Gedicht von Vita Sackville-West, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich fand ihn genau so zufällig wie das zauberhafte Gedicht über die Fritillaria, das ich im letzten Artikel erwähnt habe, und auch hier hatte ich das Gefühl, völlig unerwartet ein funkelndes kleines Juwel gefunden zu haben, zu dem ich immer wieder zurückkehren musste. Abgesehen von der poetischen Beschreibung des Frühsommergartens auf dem Höhepunkt seiner Pracht gefällt mir so besonders, dass die Urheberin des Gartens nach Stunden, Monaten, Jahren harter körperlicher Arbeit einen Moment geniesst, in dem sie entspannt und glücklich einen Schritt zurücktritt und einfach die Schönheit um sich herum geniesst. Aber in dem Bewusstsein, dass sie ohne sie nicht da wäre und dass ihr die Pflanzen und Bäume so nahestehen wie ihre eigenen Kinder.

Vita vollendete „The Land“ 1926. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie seit 1915 den traumhaft schönen Garten in Long Barn angelegt – in wenigen Jahren sollten sie nach Sissinghurst ziehen und dort einen Garten von ganz anderen Dimensionen planen. Wie schön, dass sie diese Art Zwischenbilanz  in dem Gedicht festgehalten hat. Vielleicht hätte sie es nicht früher schreiben können als jetzt, mit Mitte 30. Ihr Leben war immer noch turbulent genug, aber sie hatte das Bedürfnis, innezuhalten, kurz zurückzublicken und die Kraft und Freude, die ihr ihr Garten gab, zu verewigen.

Ich erkenne mich hier wieder, auch in dem Bedürfnis nach Reflexion. Das liegt tatsächlich am immer weiter fortschreitenden Alter… Jeder kann auf seine ganz persönliche Art von loveliness zurückblicken (ich liebe dieses Wort, ich will und kann es gar nicht angemessen übersetzen!): auch ein Garten, Kinder, Manuskripte oder Bücher, Marmeladengläser, Gemälde – einfach das, was einem viel bedeutet im Leben und in das man viel Energie gesteckt hat. Bei mir sind es seltsamerweise nicht meine Aufnahmen oder meine gesammelten Konzertprogramme. Die sind zu eindimensional und eigentlich tot und Vergangenheit. Wie die Dichterin bin ich stolz auf das, was lebendig und in Entwicklung ist und wo ich direkt die Auswirkungen meiner Bemühungen sehe – meine Schüler, wenn sie spielen. Das selbstvergessene, aber hellwache Schreiten im Gedicht erinnert mich an eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, wenn ich in Erding Pause habe. Angeblich mit meinem Teebecher beschäftigt, gehe ich den langen, langen Flur im Musiktrakt auf und ab, ohne dass meine Schüler das wissen, und höre ihnen beim Üben oder Spielen zu. Ich erkenne sie durch geschlossene Türen, natürlich, und höre manchmal so Schönes, dass ich einfach glücklich bin. Und manchmal derart zielgerichtetes, vernünftiges Üben, dass ich das am liebsten kommentieren würde  – was ich nie tue, denn dann wäre es vorbei mit dem gelösten und privaten Spielen. Das sind für mich die wahren Geschenke, die echten Glücksmomente. Nicht die gelungenen öffentlichen Konzertauftritte oder Wettbewerbserfolge, sondern das einfach von der Sonne beschienene am-Klavier-Sein. Wie die Blumen im Garten, die auch nicht über sich nachdenken.

Und es gibt noch eine andere Art von loveliness, im wahrsten Sinn des Wortes, die sich bei den Schülern mit der Zeit entwickelt hat. Da ich an der Schule ausser einer Geigenkollegin sechs männliche Kollegen habe, häufen sich die Mädchen bei mir. Nach den benoteten Vorspielen, die in Gruppen von sechs oder acht Schülern stattfinden, bleiben sie meistens im Kreis um den Flügel sitzen und reden über das Vorspiel. Eigentlich habe ich diese Zeit eingeplant für meine Notizen und um die Noten einzutragen, aber es gibt manchmal einfach Redebedarf, falls jemand besonders aufgeregt war oder irgendwas nicht so geklappt hat, wie man es sich gewünscht hat. Was mich immer wieder berührt: die nette, respektvolle Art, in der sie sich unterhalten. Frauen können ja so zickig sein untereinander, vor allem, wenn sich eine ungerecht behandelt fühlt, aber meine Mädchen sind durch alle Jahrgansstufen wirklich nett zueinander. Das soziale Lernen im musischen Zweig ist kein Fremdwort. Alle sind im gleichen Boot, jede weiss, dass sie auch irgendwann am Flügel sitzen darf. Deshalb ist die Kritik sehr konstruktiv und die Aufmunterung wirklich lieb. Es gibt Minuten, da halte ich mich völlig raus und staune über das Einfühlungsvermögen meiner Schülerinnen. Und strahle innerlich, wenn eine sagt: „schau, die Frau Sommerer sagt auch immer…“. Ich weiss, dieser Umgangston ist nicht mein Verdienst. Aber dadurch, dass ich solchen Gesprächen Raum gebe und sie durch Nachfragen ins Rollen bringe, lernen die Mädchen eine Art der Lieblichkeit kennen, die mir wichtig ist. Eigentlich wichtiger fürs Leben, als wenn sie eine Haydn-Sonate gut spielen können.

There, in the sunlit grasses green as jade,

She walks; she sees her squadrons at attention,

And, laughing at her flowery escapade,

Stretches her hands towards her dear invention.“

Und wenn ich sie irgendwann sanft hinausbefördere mit den Worten „Ihr habt seit einer halben Stunde frei!“ und einige sich doch wieder um den Flügel scharen, um die neue Hausaufgabe zu besprechen, möchte ich wie die Dichterin lächeln und die Hand nach ihnen ausstrecken – dieser Impuls ist mir so vertraut!

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