Vom Inn an die Themse: Oasen

15. September, 201209:20 von

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Goodenough College

Goodenough College

Mit London ist es wie mit vielen anderen Dingen im Leben: wenn man mit anderen Leuten dr├╝ber redet, hat man das Gef├╝hl, man spricht ├╝ber┬áv├Âllig┬áverschiedene St├Ądte. Was wir in einem Buch, einem Musikst├╝ck, einer Stadt oder einer Landschaft sehen, hat viel damit zu tun, wo wir selber herkommen oder auch: was wir bereit sind, zu sehen. Ich habe bewusst gar nichts mitgekriegt von moderner Architektur oder Kunst oder dem┬áquirligem Eastend und alles, was mit der k├Âniglichen Familie┬áoder der Olympiade zusammenh├Ąngt, vermieden. Die meisten der ├╝blichen Touristenattraktionen habe ich nicht besucht, und ich bin auch nicht am S├╝dufer der Themse gelaufen, um St.Paul und den Tower von dort aus zu bewundern. Was ich von London gesehen habe, war alles elegant, wundersch├Ân, altmodisch. Als w├Ąre die Zeit vor vielen Jahrzehnten stehengeblieben. Mir ist klar, dass es auch ganz andere Ecken gibt. Aber ich hatte das Gef├╝hl, dass sie im Gegensatz zu anderen Grossst├Ądten nicht so ins Auge stechen.

Vielleicht hatte ich auch zu sehr eine rosa Brille auf – ein Ausdruck, der aus der Zeit der Viktorianer stammt, wie ich in einer Ausstellung in der Tate Gallery erfuhr – aber „mein“ London war unglaublich beschaulich und entspannt. Es begann schon in meinem kleinen und feinen Hotel, dem Club des „Goodenough College“. Zum opulenten Fr├╝hst├╝ck mussten wir ├╝ber den Platz ins College gehen und sassen dort im grossen vert├Ąfelten Speisesaal, der ruhig und leer war. Im College konnte ich im Anschluss ans Fr├╝hst├╝ck ├╝ben – es tut gut, seine Morgenroutine auch im Urlaub beizubehalten, und es macht Spass, das in einem ehrw├╝rdigen Raum, an einem sch├Ânen Fl├╝gel und mit einem Photo der Queen ├╝ber dem Kaminsims zu tun. Manchmal habe ich mich nicht gleich in die Stadt gest├╝rzt, sondern in aller Ruhe Briefe geschrieben und┬ázum Postamt an der Marchmont Street gebracht – wie in meinem Studentenleben in W├╝rzburg, mit allen L├Ąden vor der Haust├╝r. Einmal war ich vormittags, ein paar Minuten vom College, im wunderbaren Persephone Bookstore, einem der Gr├╝nde f├╝r meine Reise, und holte wie jeden Tag auf dem R├╝ckweg im kleinen Supermarkt eine Flasche Wasser und zwei ├äpfel. Die Lamb’s Conduit Street,┬ádie┬áder Buchladen mit seinen hellblauen Fensterrahmen und Petunienk├Ąsten davor ziert, ist ├╝brigens eine der h├╝bschesten Strassen in London. Keine einzige Kette (bis auf den Supermarkt), lauter nette kleine individuelle L├Ąden, nette Caf├ęs und Pubs… Sehr zu empfehlen f├╝r einen Bummel abseits der ausgetretenen Pfade.

Nat├╝rlich gab es Museen, die ich schon jahrelang besuchen wollte – die Tate Gallery stand ganz oben auf der Liste und auch die National Portrait Gallery. F├╝r Menschen mit Durchhalteverm├Âgen ist das Victoria & Albert-Museum ein Paradies. Das British Museum hat mich dann aber doch ├╝berfordert – der monumentale Bau erschl├Ągt einen schon fast, und die F├╝lle der ausgestellten Objekte ist doch etwas zu viel des Guten. In den meisten Museen hatte ich das Gef├╝hl, fast allein zu sein, was wirklich erstaunlich ist. Entweder bin ich v├Âllig antizyklisch hingegangen, oder die Leute stapelten sich bei den Paralympics. Oder – was mir wahrscheinlicher erscheint – es entsteht bei vielen der Eindruck „was keinen Eintritt kostet, kann nichts wert sein.“ Ich war auf jeden Fall erstaunt und begl├╝ckt, dass ich alle Gem├Ąlde in Seelenruhe anschauen konnte und meistens auch ein ganzes Ledersofa f├╝r mich hatte, wenn ich mich l├Ąnger in ein Bild versenken wollte. Und die diversen Museumscaf├ęs waren auch leer und gem├╝tlich – eine feine Einrichtung!

Die Kr├Ânung des entschleunigten Reisens war eine Themseschifffahrt, auf die ich nur durch Zufall┬áaufmerksam geworden┬ábin. Ich wollte in den Botanischen Garten nach Kew und sah, dass eine Gesellschaft Fahrten mit Ausflugsbooten anbietet. 90 Minuten f├╝r 10 Meilen – da bin ich doch sofort dabei!! Am Westminster Pier dr├Ąngten sich die Menschenmassen, wie ich nicht anders erwartet hatte. Aber ich durfte an allen vorbei gehen – Towerrundfahrt f├╝r ein Heidengeld, London mit James Bond, was weiss ich f├╝r Quatsch zu Wasser. Die Thames River Boats hatten den letzten Ableger, und ich musste schon zwei Mal hinschauen: kein Mensch war da, das Schiffchen war eine grazi├Âse altmodische Nussschale, und der Kapit├Ąn selbst gab mir die Hand zum Einsteigen: „watch your step, dear“. Letzlich waren wir 12 Passagiere, alles Engl├Ąnder ausser mir, und da der Wind etwas k├╝hl blies, begaben wir uns bald nach der Abfahrt alle in den rosa Salon. Erst nachdem das Barm├Ądchen dem Kapit├Ąn seinen Becher Tee gebracht hatte, war sie f├╝r uns da. Buchst├Ąblich jeder holte sich seinen Tee mit Milch. Ich liebe diese Angewohnheit! Und dieses pl├Âtzliche auf engem Raum zusammengew├╝rfelt –┬ásein hatte was Agatha-Christie-Haftes. Und so schipperte uns die „Princess Freda“, 1926 erbaut, gem├Ąchlich nach Kew, immer gegen die Ebbe ank├Ąmpfend, was sich laut Kapit├Ąn anf├╝hlt, als w├╝rde man st├Ąndig bergauf fahren.

Auf Kew Gardens kam ich, wie kann es anders sein, durch die verehrte Virginia, die sehr gern hier her kam und den Garten auch in „Orlando“ erw├Ąhnt.┬áUnd recht hat sie. Es ist zwar alles ├Ąusserst ordentlich und zu gepflegt, aber allein die grossen viktorianischen Palmenh├Ąuser sind den Besuch wert. Nach der seidigen weichen Luft, die mich an London so faszinierte, schl├Ągt einem eine richtig schw├╝le, feuchte Atmosph├Ąre entgegen, die einen nach ein paar Sekunden an seinem Schal nesteln l├Ąsst. Von der Decke und den Palmen tropft es, und man ist wirklich schlagartig in einer anderen Klimazone. Besonders gefallen hat mir das Seerosenhaus, ein eher kleines, wundersch├Ân bewachsenes H├Ąuschen. Um den grossen runden Teich mit den Hauptattraktionen wanden sich verschiedene bl├╝hende tropische Schlingpflanzen, zum Teil mit Melonen und Passionsfr├╝chten daran. Die verschwenderische ├ťppigkeit und Farbenpracht waren ein willkommenes Gegengewicht zu den sehr ordentlichen Gr├╝nfl├Ąchen draussen.