Vom Inn an die Themse: Oasen

Goodenough College
Goodenough College

Mit London ist es wie mit vielen anderen Dingen im Leben: wenn man mit anderen Leuten drüber redet, hat man das Gefühl, man spricht über völlig verschiedene Städte. Was wir in einem Buch, einem Musikstück, einer Stadt oder einer Landschaft sehen, hat viel damit zu tun, wo wir selber herkommen oder auch: was wir bereit sind, zu sehen. Ich habe bewusst gar nichts mitgekriegt von moderner Architektur oder Kunst oder dem quirligem Eastend und alles, was mit der königlichen Familie oder der Olympiade zusammenhängt, vermieden. Die meisten der üblichen Touristenattraktionen habe ich nicht besucht, und ich bin auch nicht am Südufer der Themse gelaufen, um St.Paul und den Tower von dort aus zu bewundern. Was ich von London gesehen habe, war alles elegant, wunderschön, altmodisch. Als wäre die Zeit vor vielen Jahrzehnten stehengeblieben. Mir ist klar, dass es auch ganz andere Ecken gibt. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie im Gegensatz zu anderen Grossstädten nicht so ins Auge stechen.

Vielleicht hatte ich auch zu sehr eine rosa Brille auf – ein Ausdruck, der aus der Zeit der Viktorianer stammt, wie ich in einer Ausstellung in der Tate Gallery erfuhr – aber „mein“ London war unglaublich beschaulich und entspannt. Es begann schon in meinem kleinen und feinen Hotel, dem Club des „Goodenough College“. Zum opulenten Frühstück mussten wir über den Platz ins College gehen und sassen dort im grossen vertäfelten Speisesaal, der ruhig und leer war. Im College konnte ich im Anschluss ans Frühstück üben – es tut gut, seine Morgenroutine auch im Urlaub beizubehalten, und es macht Spass, das in einem ehrwürdigen Raum, an einem schönen Flügel und mit einem Photo der Queen über dem Kaminsims zu tun. Manchmal habe ich mich nicht gleich in die Stadt gestürzt, sondern in aller Ruhe Briefe geschrieben und zum Postamt an der Marchmont Street gebracht – wie in meinem Studentenleben in Würzburg, mit allen Läden vor der Haustür. Einmal war ich vormittags, ein paar Minuten vom College, im wunderbaren Persephone Bookstore, einem der Gründe für meine Reise, und holte wie jeden Tag auf dem Rückweg im kleinen Supermarkt eine Flasche Wasser und zwei Äpfel. Die Lamb’s Conduit Street, die der Buchladen mit seinen hellblauen Fensterrahmen und Petunienkästen davor ziert, ist übrigens eine der hübschesten Strassen in London. Keine einzige Kette (bis auf den Supermarkt), lauter nette kleine individuelle Läden, nette Cafés und Pubs… Sehr zu empfehlen für einen Bummel abseits der ausgetretenen Pfade.

Natürlich gab es Museen, die ich schon jahrelang besuchen wollte – die Tate Gallery stand ganz oben auf der Liste und auch die National Portrait Gallery. Für Menschen mit Durchhaltevermögen ist das Victoria & Albert-Museum ein Paradies. Das British Museum hat mich dann aber doch überfordert – der monumentale Bau erschlägt einen schon fast, und die Fülle der ausgestellten Objekte ist doch etwas zu viel des Guten. In den meisten Museen hatte ich das Gefühl, fast allein zu sein, was wirklich erstaunlich ist. Entweder bin ich völlig antizyklisch hingegangen, oder die Leute stapelten sich bei den Paralympics. Oder – was mir wahrscheinlicher erscheint – es entsteht bei vielen der Eindruck „was keinen Eintritt kostet, kann nichts wert sein.“ Ich war auf jeden Fall erstaunt und beglückt, dass ich alle Gemälde in Seelenruhe anschauen konnte und meistens auch ein ganzes Ledersofa für mich hatte, wenn ich mich länger in ein Bild versenken wollte. Und die diversen Museumscafés waren auch leer und gemütlich – eine feine Einrichtung!

Die Krönung des entschleunigten Reisens war eine Themseschifffahrt, auf die ich nur durch Zufall aufmerksam geworden bin. Ich wollte in den Botanischen Garten nach Kew und sah, dass eine Gesellschaft Fahrten mit Ausflugsbooten anbietet. 90 Minuten für 10 Meilen – da bin ich doch sofort dabei!! Am Westminster Pier drängten sich die Menschenmassen, wie ich nicht anders erwartet hatte. Aber ich durfte an allen vorbei gehen – Towerrundfahrt für ein Heidengeld, London mit James Bond, was weiss ich für Quatsch zu Wasser. Die Thames River Boats hatten den letzten Ableger, und ich musste schon zwei Mal hinschauen: kein Mensch war da, das Schiffchen war eine graziöse altmodische Nussschale, und der Kapitän selbst gab mir die Hand zum Einsteigen: „watch your step, dear“. Letzlich waren wir 12 Passagiere, alles Engländer ausser mir, und da der Wind etwas kühl blies, begaben wir uns bald nach der Abfahrt alle in den rosa Salon. Erst nachdem das Barmädchen dem Kapitän seinen Becher Tee gebracht hatte, war sie für uns da. Buchstäblich jeder holte sich seinen Tee mit Milch. Ich liebe diese Angewohnheit! Und dieses plötzliche auf engem Raum zusammengewürfelt – sein hatte was Agatha-Christie-Haftes. Und so schipperte uns die „Princess Freda“, 1926 erbaut, gemächlich nach Kew, immer gegen die Ebbe ankämpfend, was sich laut Kapitän anfühlt, als würde man ständig bergauf fahren.

Auf Kew Gardens kam ich, wie kann es anders sein, durch die verehrte Virginia, die sehr gern hier her kam und den Garten auch in „Orlando“ erwähnt. Und recht hat sie. Es ist zwar alles äusserst ordentlich und zu gepflegt, aber allein die grossen viktorianischen Palmenhäuser sind den Besuch wert. Nach der seidigen weichen Luft, die mich an London so faszinierte, schlägt einem eine richtig schwüle, feuchte Atmosphäre entgegen, die einen nach ein paar Sekunden an seinem Schal nesteln lässt. Von der Decke und den Palmen tropft es, und man ist wirklich schlagartig in einer anderen Klimazone. Besonders gefallen hat mir das Seerosenhaus, ein eher kleines, wunderschön bewachsenes Häuschen. Um den grossen runden Teich mit den Hauptattraktionen wanden sich verschiedene blühende tropische Schlingpflanzen, zum Teil mit Melonen und Passionsfrüchten daran. Die verschwenderische Üppigkeit und Farbenpracht waren ein willkommenes Gegengewicht zu den sehr ordentlichen Grünflächen draussen.

 

1 Gedanke zu „Vom Inn an die Themse: Oasen

  1. Liebe Martina, an dir steckt ja auch noch eine Reiseschriftstellerin – meine Vorfreude auf Bloomsbury und den Rest drum herum steigt.

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