„A tired swimmer in the waves of time“

11. August, 201208:55 von

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Vitas Vitalit√§t war legend√§r. Deshalb habe ich l√§nger √ľberlegt, ob die √úberschrift, der Beginn eines Gedichts von ihr, nicht einen falschen ersten Eindruck vermittelt. „My life was rich“, auch ein Gedichtzitat von ihr, w√§re passender – aber so prosaisch kann das ja jeder sagen! Das andere Zitat, der Anfang von „Sissinghurst“,¬†zeigt eine Seite von ihr, die Virginia Woolf in „Orlando“ aufgegriffen hat. Ihr Leben lang hat Vita Sackville-West darunter gelitten, dass sie als Frau das geliebte elterliche Schloss nicht erben konnte, das √ľber 400 Jahre im Familienbesitz gewesen war. 1930 fand sie die Ruine von Sissinghurst. Ihre entsetzten S√∂hne konnten nach einem Rundgang durch den heruntergekommenen Garten nicht fassen, dass sie in diese¬†Mauerreste ziehen sollten,¬†aber f√ľr Vita wurde es der Ort, an dem sie ihren Seelenfrieden fand und in den folgenden Jahren einen der ber√ľhmtesten G√§rten Englands schaffen sollte.

Seltsamerweise habe ich Vita Sackville-West bis vor ein paar Monaten nur am Rand wahrgenommen. Ich wusste, dass sie die Freundin und Geliebte von Virginia Woolf¬† und¬†die Inspiration ¬†zu ihrem zauberhaften Roman „Orlando“ war. Obwohl ich sonst so neugierig bin und gerne das Umfeld eines Buchs oder Musikst√ľckes bis in die letzte Ecke beleuchte, habe ich diese Tatsache einfach als gegeben hingenommen und Vita Sackville-West kurzerhand in der Schublade „noch eine exzentrische englische Aristokratin“ abgelegt. Was mir dadurch alles entgangen ist!

Seit wir den Garten haben und ich auf der Suche nach Gartenb√ľchern immer wieder √ľber ihren Namen gestolpert bin, bin ich auf Umwegen auf ihr eigenes schriftstellerisches Schaffen aufmerksam geworden, von dem ich gar keine Ahnung hatte. Mir war nicht bewusst, dass sie eine unglaublich produktive und¬†geistreiche Autorin war, deren¬†B√ľcher im Gegensatz zu denen von Virginia Woolf in k√ľrzester Zeit Bestseller waren. Ihre Gesellschaftsromane oder Reisebeschreibungen sind niveauvolle Unterhaltung und mit so einem netten, feinen ¬†Humor geschrieben, dass ich mich st√§ndig dabei ertappe, schon wieder zu l√§cheln. Ich kenne keinen anderen Autor, bei dem es mir so geht! Ich denke, das ist auch ihr grosses Verdienst, auch in ihren Gartenkolumnen: diese F√§higkeit, so zu schreiben, dass sich tausende Unbekannte pers√∂nlich angesprochen f√ľhlen, allein auf ihrem Sofa sitzen und l√§cheln und denken: „ja, ganz genau…“. Nat√ľrlich ist sie nicht die grosse, zeitlose K√ľnstlerin wie Virginia Woolf. Es klingt blasphemisch, diese sch√∂nen Romane und Gedichte, die mich so wunderbar unterhalten, nicht als Meisterwerke zu bezeichnen. Sie ist nicht so modern und konsequent auf der Suche nach neuen Wegen wie ihre Zeitgenossen in den Dreissiger Jahren, was ihr durchaus bewusst war. Aber so war sie anscheinend auch in ihrer Gartengestaltung und Einrichtung ihrer H√§user: lieber bew√§hrte alte St√ľcke mit Geschichte, lieber √ľppige alte Rosen als zu viel Neues. Sehr sympathisch eigentlich.

Seit ich angefangen habe, mir sch√∂ne antiquarische Ausgaben zu g√∂nnen, ist Vita Sackville-West noch mal interessanter geworden. Dadurch, dass sie nie die grosse literarische Ber√ľhmtheit wurde, aber doch sehr beliebt war, ist es erstaunlich leicht, an Erstausgaben ihrer B√ľcher zu kommen. Ich h√§tte nie erwartet, ihren ersten Roman „Heritage“ von 1919 √ľberhaupt zu finden – aber es war gar kein Problem. Eigentlich unglaublich, wenn man das zierliche kleine Buch in der Hand h√§lt und sich vorstellt, wie jung sie damals noch war. Im Literaturzirkel kamen wir k√ľrzlich nach der etwas blassen Lekt√ľre einer jungen Autorin im Spass √ľberein, dass wir niemand mehr lesen, der j√ľnger ist als wir. Dieses Buch w√§re anders! Es ist voll von Leben und Leidenschaft, und ich habe mich mehr als einmal gefragt, wie eine 26j√§hrige so schreiben kann. Ein unglaublicher Erstlingsroman. Manchmal denke ich, dass die Menschen¬†damals generell fr√ľher erwachsen werden mussten und nicht so lange beh√ľtet wurden. Davon abgesehen, dass sie 1918 grade vier Jahre Krieg miterlebt hatte, hatte sie mit ihrem Mann, der Diplomat war, am Anfang ihrer Ehe in Konstantinopel gewohnt, in England drei S√∂hne geboren, wobei der zweite nach einer viel zu lang ausgetragenen Schwangerschaft tot zur Welt kam, und eine leidenschaftliche Aff√§re mit einer anderen Frau gelebt, die ihre Ehe auf eine harte Probe stellte. Wohlgemerkt alles, bevor sie 26 war.¬†Heutzutage wohnen¬†Leute in dem Alter¬†noch zuhause, kriechen gegen Mittag aus dem Bett und gr√ľbeln, ob sie den Abgabetermin ihrer Zulassungsarbeit noch mal verl√§ngern k√∂nnen… ¬†Wann sie noch Zeit zum Schreiben gefunden hatte, ist mir r√§tselhaft. „Heritage“, das abwechselnd im l√§ndlichen Kent und an exotischeren s√ľdlichen Schaupl√§tzen spielt, war f√ľr mich ein reines Lesevergn√ľgen. Schon hier ist der Dualismus, den sie in sich sp√ľrte und der sich durch ihr ganzes schriftstellerisches Schaffen ziehen sollte, ein wichtiges Motiv: der Kontrast zwischen dem englischen Erbe ihres Vaters und dem spanischen Blut ihrer Mutter, ihre sanfte und ihre wilde, ihre weibliche und m√§nnliche Seite. Und: es wird ein Garten angelegt mit englischen Samen im v√∂llig anderen Klima von Ephesus. Ich denke, hier spielen ihre Erfahrungen mit ihrem eigenen ersten Garten in Konstantinopel mit herein. Jetzt warten ihre bekannteren Romane auf mich (in wundersch√∂nen Ausgaben der Hogarth Press, die ich auf meinem Schreibtisch stehen habe und dauernd anschauen muss!).

Vita Sackville-West sah sich selber immer mehr als Dichterin als als Romanautorin. Daher war ich gespannt auf die gesammelten Gedichte, die ich mehr der Vollst√§ndigkeit halber bestellt habe. Ich hatte keine grossen Erwartungen, eher die Bef√ľrchtung,¬†ob ich √ľberhaupt was verstehe – ich habe manchmal Probleme mit Gedichten und verstehe selbst auf Deutsch nur Bahnhof.¬†Aber – die Gedichte sind die grosse Entdeckung f√ľr mich! Von ihren Zeitgenossen wurde ihr oft vorgeworfen,¬†sie seien zu konventionell und traditionell, und sie sagte selbst frustriert √ľber sich: „I am a damned outmoded poet.“ . Das mag sein, aber das kommt mir gerade entgegen und macht sie so lesbar und verst√§ndlich f√ľr mich. Mir gef√§llt ihre Melodie und der Rhythmus unglaublich. Ihr wundersch√∂nes Gedicht √ľber Sissinghurst k√∂nnte ich immer wieder lesen, und „Full Moon“ ist das netteste, fantastischste Mondgedicht, das ich kenne.

„The Land“, ihr 2500-Zeilen-Gedicht √ľber die Natur im Wechsel der Jahreszeiten, ist in dem Band auch enthalten. Ich fand die L√§nge ziemlich abschreckend und dachte mir, bei aller Liebe, das muss dann doch nicht sein. Seit Wochen liegt der Gedichtband auf meinem Nachttisch, und da ich ihn jeden Morgen zur Hand nehme, ist es dann doch passiert: aus Neugier schlug ich das Endlos-Gedicht irgendwo auf und fand einen unglaublich sch√∂nen Abschnitt √ľber eine Wiese voll Schachbrettblumen. Da war’s passiert. Seither lese ich „The Land“ in hom√∂opathischen Dosen und mit mehr Vergn√ľgen, als ich erwartet hatte. Erst vor ein paar Tagen¬†las ich einen Brief von Virginia Woolf, in dem sie ihr sinngem√§ss schreibt: „“The Land“ ist wie ein gehaltvoller Kuchen, von dem ich mir immer wieder ein St√ľckchen abschneide.“ Wie wahr, und wie nett und seltsam, dass es ihr auch so ging. Bevor ich hier auf √§hnliche epische L√§ngen komme, schliesse ich f√ľr heute – es wird eine Fortsetzung geben!