Bleibende Werte

28. Juli, 201209:08 von

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Selbst Bekannte, die ganz andere Interessen und GesprĂ€chsthemen haben, können es sich in letzter Zeit nicht verkneifen, Reizwörter wie „Griechenland“ und „Eurokrise“ in normalerweise zivilisierte Unterhaltungen einfliessen zu lassen. Ganz abgesehen von den Berufspessimisten und notorischen Unkern, die offensichtlich VergnĂŒgen daran haben, Schreckensszenarien zu entwerfen. Einer hat tatsĂ€chlich sein gesamtes Vermögen von der Bank abgehoben, weil es bald kein Bargeld mehr geben wird, und einen Lebensmittelvorrat fĂŒr einen Monat angelegt, weil er wegen Griechenland eine drohende Knappheit fĂŒrchtet. Wie anstrengend!

Ich teile solche BefĂŒrchtungen nicht, habe mir aber so meine Gedanken gemacht ĂŒber die bleibenden Werte, in die man jetzt doch investieren soll. Bzw. eine willkommmene Rechtfertigung gesucht, um mir einen lange gehegten Traum zu erfĂŒllen: hemmungslos Erstausgaben geliebter alter BĂŒcher zu kaufen. Oder zumindest möglichst zeitnah erschienene, sollten die Erstausgaben zu unverschĂ€mt teuer sein. GlĂŒcklicherweise trĂ€ume ich nicht von  völlig unerreichbaren, seltenen SchĂ€tzen. Mit England in der Zeit zwischen 1920 und 1930 bewege ich mich noch in einem vernĂŒnftigen und erreichbaren Rahmen, und da Virginia Woolf und Vita Sackville-West damals sehr beliebte Autorinnen waren, gibt es tatsĂ€chlich viele alten Exemplare ihrer Werke. Und so sind um meinen Geburtstag herum viele ersehnte PĂ€ckchen eingetrudelt – immer wieder aus London, aber auch aus Irland und einmal SĂŒdafrika… Mit einem Königinnenkopf auf der grossen ausgedruckten „Briefmarke“ und  zum Teil wunderhĂŒbschen Visitenkarten von BuchhĂ€ndlern, die ich so viel lieber in echt als im Netz besuchen wĂŒrde. Ich hebe die Adressen auf und stelle mir vor, wie ich sie eines Tages alle abklappere und tatsĂ€chlich eine alte hölzerne Schwelle ĂŒberschreite, wĂ€hrend oben eine kleine Ladenklingel scheppert und mich der staubige Geruch alter BĂŒcher empfĂ€ngt.

Und die BĂŒcher? Sind mir so unglaublich wertvoll.  Wertvoller und geliebter als jeder Goldbarren. Seit sie in meinem Zimmer stehen und in ihrer lang ersehnten, so sehr geschĂ€tzen PrĂ€senz den ganzen Raum verĂ€ndern, frage ich mich, wie ich je ohne sie leben konnte. Ich bilde mir ein, sie leuchten im Dunkeln – ein Strahlen aus einer anderen vergangenen Zeit. FĂŒr mich als grosse Virginia Woolf – AnhĂ€ngerin ist es unbeschreiblich, BĂŒcher zu haben, die in der „Hogarth Press“, dem Verlag, den sie mit ihrem Mann hatte, herausgegeben wurden. NatĂŒrlich habe ich nicht die allerersten, wahrscheinlich ganz seltenene Exemplare der Werke, die sie beide wirklich noch von Hand gesetzt und Blatt fĂŒr Blatt mit der Handpresse gedruckt haben. Und das Papier ist auch nicht aus dem Lager, das sie aus PlatzgrĂŒnden anfangs zuhause stapelten und wo sie tatsĂ€chlich, auch aus PlatzgrĂŒnden, auf den Knien geschrieben hat. Und wahrscheinlich hat Virginia Woolf nicht persönlich eines der BĂŒcher in braunes Papier verpackt und mit einem Band verschnĂŒrt – was sie so oft an einem Tag getan hat, dass sie sich in einem Brief ĂŒber den Zeitaufwand und die Farbe an ihren Fingern beklagt.

Aber  – die BĂŒcher stammen aus der Zeit, in der sie lebte und atmete und Tee trank. Durch London spazierte und möglicherweise unauffĂ€llig in einem Buchladen schaute, ob ihre BĂŒcher im Regal stehen (machen Autoren das?). Möglicherweise ruhten ihre Augen auf einem der BĂŒcher, die jetzt bei mir sind?! Na, jetzt wird’s zu romantisch! Was mich auch so fasziniert und seltsam berĂŒhrt, ist, dass auf dem Titelblatt ihre Adresse steht, die man von so vielen Briefen kennt. Der Verlag war immer in dem Haus, in dem sie gewohnt haben, anfangs in Richmond, dann in London. Wenn ich ein Buch aufschlage und lese „Published by Leonard and Virginia Woolf at the Hogarth Press, 52 Tavistock Square, London“, fĂŒhle ich mich einfach ganz seltsam. Und selig, dass ich es in der Hand halten darf.

Ein grosser Schatz ist fĂŒr mich die Ausgabe von „Orlando“, im Oktober 1928 erschienen. Es war etwas schwierig, meinem Mann zu erklĂ€ren, warum ich ein Buch kaufe, das ich schon habe, da ich immer diejenige bin, die predigt, dass wir weniger BĂŒcher haben sollten… Und ich weiss ehrlich gesagt nicht, was ich mit meiner Taschenbuchausgabe machen soll, die ich 1992 in Atlanta gekauft und mindestens fĂŒnf Mal gelesen habe. So habe ich das Buch kennengelernt, und es hat mich so treu begleitet. (WĂ€h, immer diese SentimentalitĂ€t beim Ausmisten!) Aber jetzt, dieses wundervolle gebundene Buch – es ist einfach was ganz anderes. Man will kein Taschenbuch mehr in die Hand nehmen. Es kam mitten an einem Unterrichtsnachmittag und ich musste mich sehr beherrschen, bis zum Abend mit dem Auspacken zu warten. Dann legte ich mich aufs Sofa, hungrig, durstig, aber bald in einer völlig anderen Welt, als ich andĂ€chtig das Buch öffnete, die wunderbare Titelseite (mit der Adresse!) las, das dicke, geriffelte Papier unter meinen Fingern spĂŒrte, die Fotos, die in den ersten Ausgaben reproduziert waren, betrachtete. Und dann, womit ich ĂŒberhaupt nicht gerechnet hatte, fing ich an zu lesen, die letzten 70 Seiten oder so. In dem Buch, das ich so gut kenne und so oft gelesen habe, und obwohl ich gar nicht lesen wollte. Aber es war absolut magisch, in dieser alten Ausgabe mit dem schönen Gewicht zu lesen. Ich konnte nicht anders, und ich konnte nicht aufhören. Es war echtes langsames Genusslesen, und ich habe manche feinen Nuancen jetzt erst wahrgenommen und mich gefreut, was es nicht alles im Leben zu entdecken gibt. Wie sich die BĂŒcher, die wir lesen, mit uns ĂŒber die Jahre verĂ€ndern und wachsen. Wie sich das, was wir allgemein in dieser Lebenszeit, seit wir das Buch kennen, erlebt und gelernt haben, in unserem Verstehen widerspiegelt und unerwartete neue Facetten ans Licht bringt. Was fĂŒr ein unglaubliches VergnĂŒgen so ein fein geschriebender Roman sein kann.

Der Nachteil mit diesen nicht feuerfesten bleibenden Werten ist, dass man seltsamerweise Angst bekommt um seine SchĂ€tze. Sonst bin ich ja sehr sorglos, was materiellen Besitz betrifft. Im Fall des hypothetischen Feuers im Haus war immer der geliebte Kater das wichtigste Rettungsobjekt. Jetzt wĂŒrde ich schnell raufrennen und vom Schreibtisch und Nachttisch gewisse BĂŒcher retten. Absolut.