Der Duft von Heu und Lavendel

26. Juni, 201207:03 von

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Als bei einer Fortbildung in der M├╝nchner Musikhochschule gefragt wird, wo wir herkommen, stellt mich eine Bekannte flapsig vor: „Und sie kommt vom Land.“ Fr├╝her, als ich in die Schule ging, w├Ąre mir das furchtbar peinlich gewesen. Jetzt merke ich, dass ich l├Ąchle, mich gerader hinsetze und direkt stolz darauf bin, vom Land zu kommen. Nat├╝rlich lebe ich ein bisschen hinter dem Mond – ┬áich hatte keine Ahnung, dass man in derart kurzen Shorts unter die Leute geht, und statt dieses aparten blauen Nagellacks habe ich eher mal Gartenerde unter den N├Ągeln.

Aber – mich hat heute um halb f├╝nf der Kuckuck geweckt, und als ich mich wieder umdrehte, bemerkte ich den unglaublich s├╝ssen Geruch von frisch gem├Ąhtem Heu, Geissblatt und Rosen. Lieblicher als jedes Parf├╝m, das ich kenne! Und morgends um halb sieben, bevor ich mich auf den Weg in die grosse Stadt machte, ging ich barfuss im Schlafanzug durch den taunassen Garten, pfl├╝ckte Walderdbeeren, schnitt mir eine der intensiv duftenden „Madame Knorr“- Rosen┬á f├╝rs Nachtk├Ąstchen f├╝r die s├╝ssen Tr├Ąume der n├Ąchsten Nacht und streifte mit blossen Fingern L├Ąuse von der Schneewittchenrose (fr├╝her habe ich f├╝r so was Handschuhe geholt, aber ich glaube, ich bin echt auf dem Land angekommen). Und ich habe richtig bemerkt, welche Qual es trotz der hervorragenden Qualit├Ąt der Fortbildung f├╝r mich war, am ersten Sonnentag seit langem sieben Stunden in dem stickigen Raum in der Steinw├╝ste zu verbringen. Fr├╝her, im Studium, war so was normal f├╝r mich. Doch jetzt sehnte ich mich nur aufs Land zur├╝ck!

Da wir┬áauf der Fortbildung┬áim Zusammenhang mit kreativen und effektiven ├ťbestrategien auch erfahren hatten, dass der Weg das Ziel ist und nur Laien keine Variationen und neuen Herausforderungen in ihr ├ťben einbauen, beschloss ich, diese Erkenntnisse gleich mal in meiner Spazierrunde umzusetzen. Das Ziel war leicht definiert – der Erdbeerstand am Bahn├╝bergang in Reitmehring. Eine Richtung, in die ich normalerweise nie laufe wegen der grossen Bundesstrasse, die der einzige Weg scheint. Aber ich dachte mir, ich m├╝sste auch ├╝ber die aufgelassene Bahnstrecke und dann irgendwie durch die G├Ąrten und Felder hinkommen.┬á Gl├╝cklicherweise hatte ich noch ein grosses Glas Wasser getrunken und den extragrossen Sonnenhut aufgesetzt – die Erdbeermission ist gegl├╝ckt, aber ich war zwei Stunden unterwegs… Daf├╝r war es wirklich die „scenic route“, angefangen bei der alten Bahnstrecke, die zeitweise von knorrigen kleinen Eichen oder Haselb├╝schen beschattet wurde. Auf den Wiesen ringsum trocknete das Heu, zwischen den Schienen wuchs Rainfarn und Kamille. Mehr als einmal blieb ich stehen, um diesen abgeschiedenen Ort und die Stille zu geniessen, und immer wieder den Ausblick auf die Berge und Wiesen. Es ist ein paar Minuten von zuhause – wieso sitze ich zum Schreiben nicht auf den alten Schienen?!

Im n├Ąchsten Ort angekommen, wurde ich von ├╝ppig bl├╝henden und ├╝ber die Gartenz├Ąune h├Ąngenden Rosenb├╝schen begr├╝sst, die in der fortgeschrittenen Vormittagshitze verschwenderisch dufteten. Dann, als ein Feldweg unvermutet aufh├Ârte, ging ich querfeldein ├╝ber die Wiesen, wieder ganz allein. Umgeben von Kamille, Klatschmohn und ┬ákleinen leuchtenden Kornblumen wurde mir bewusst: es ist Mittsommer, der Sommer hat seinen H├Âhepunkt an Farben und D├╝ften erreicht. Man muss jeden Moment in sich aufsaugen. Man m├╝sste sich eigentlich in die Wiese legen und nur schnuppern und tr├Ąumen – wenn da nicht die Bef├╝rchtung w├Ąre, dass der beste Gatte von allen langsam einen Suchtrupp in die v├Âllig falsche Richtung schickt…

Normal liebe ich meine Wege am Fluss – gr├╝n, feucht, voll von geheimen Leben, von umgest├╝rzten B├Ąumen und Schilf umgeben. Heute waren es so andere Farben und D├╝fte – es war wie ein Ferientag in der Toskana. Die ersehnte und f├╝rs Gehirn wichtige Variation, wie ich jetzt weiss! Und ich f├╝hle mich auch ganz anders und habe neue Ideen f├╝r unsere Brahms-Sonate, die wir im Gegensatz zu Beethovens Fr├╝hlingssonate, die wir auch grade ├╝ben, wegen ihrer Schwere und S├╝sse „Sommersonate“ nennen. Auf einmal sp├╝re ich die Hitze und die D├╝fte dieses Hochsommertags ganz deutlich im ersten Satz und weiss genau, wie ich den Anfang spielen will. (Kreative ├ťbestrategie Nr. 133: weg vom Instrument ├╝ben. Ha!)