Der Duft von Heu und Lavendel

Als bei einer Fortbildung in der Münchner Musikhochschule gefragt wird, wo wir herkommen, stellt mich eine Bekannte flapsig vor: „Und sie kommt vom Land.“ Früher, als ich in die Schule ging, wäre mir das furchtbar peinlich gewesen. Jetzt merke ich, dass ich lächle, mich gerader hinsetze und direkt stolz darauf bin, vom Land zu kommen. Natürlich lebe ich ein bisschen hinter dem Mond –  ich hatte keine Ahnung, dass man in derart kurzen Shorts unter die Leute geht, und statt dieses aparten blauen Nagellacks habe ich eher mal Gartenerde unter den Nägeln.

Aber – mich hat heute um halb fünf der Kuckuck geweckt, und als ich mich wieder umdrehte, bemerkte ich den unglaublich süssen Geruch von frisch gemähtem Heu, Geissblatt und Rosen. Lieblicher als jedes Parfüm, das ich kenne! Und morgends um halb sieben, bevor ich mich auf den Weg in die grosse Stadt machte, ging ich barfuss im Schlafanzug durch den taunassen Garten, pflückte Walderdbeeren, schnitt mir eine der intensiv duftenden „Madame Knorr“- Rosen  fürs Nachtkästchen für die süssen Träume der nächsten Nacht und streifte mit blossen Fingern Läuse von der Schneewittchenrose (früher habe ich für so was Handschuhe geholt, aber ich glaube, ich bin echt auf dem Land angekommen). Und ich habe richtig bemerkt, welche Qual es trotz der hervorragenden Qualität der Fortbildung für mich war, am ersten Sonnentag seit langem sieben Stunden in dem stickigen Raum in der Steinwüste zu verbringen. Früher, im Studium, war so was normal für mich. Doch jetzt sehnte ich mich nur aufs Land zurück!

Da wir auf der Fortbildung im Zusammenhang mit kreativen und effektiven Übestrategien auch erfahren hatten, dass der Weg das Ziel ist und nur Laien keine Variationen und neuen Herausforderungen in ihr Üben einbauen, beschloss ich, diese Erkenntnisse gleich mal in meiner Spazierrunde umzusetzen. Das Ziel war leicht definiert – der Erdbeerstand am Bahnübergang in Reitmehring. Eine Richtung, in die ich normalerweise nie laufe wegen der grossen Bundesstrasse, die der einzige Weg scheint. Aber ich dachte mir, ich müsste auch über die aufgelassene Bahnstrecke und dann irgendwie durch die Gärten und Felder hinkommen.  Glücklicherweise hatte ich noch ein grosses Glas Wasser getrunken und den extragrossen Sonnenhut aufgesetzt – die Erdbeermission ist geglückt, aber ich war zwei Stunden unterwegs… Dafür war es wirklich die „scenic route“, angefangen bei der alten Bahnstrecke, die zeitweise von knorrigen kleinen Eichen oder Haselbüschen beschattet wurde. Auf den Wiesen ringsum trocknete das Heu, zwischen den Schienen wuchs Rainfarn und Kamille. Mehr als einmal blieb ich stehen, um diesen abgeschiedenen Ort und die Stille zu geniessen, und immer wieder den Ausblick auf die Berge und Wiesen. Es ist ein paar Minuten von zuhause – wieso sitze ich zum Schreiben nicht auf den alten Schienen?!

Im nächsten Ort angekommen, wurde ich von üppig blühenden und über die Gartenzäune hängenden Rosenbüschen begrüsst, die in der fortgeschrittenen Vormittagshitze verschwenderisch dufteten. Dann, als ein Feldweg unvermutet aufhörte, ging ich querfeldein über die Wiesen, wieder ganz allein. Umgeben von Kamille, Klatschmohn und  kleinen leuchtenden Kornblumen wurde mir bewusst: es ist Mittsommer, der Sommer hat seinen Höhepunkt an Farben und Düften erreicht. Man muss jeden Moment in sich aufsaugen. Man müsste sich eigentlich in die Wiese legen und nur schnuppern und träumen – wenn da nicht die Befürchtung wäre, dass der beste Gatte von allen langsam einen Suchtrupp in die völlig falsche Richtung schickt…

Normal liebe ich meine Wege am Fluss – grün, feucht, voll von geheimen Leben, von umgestürzten Bäumen und Schilf umgeben. Heute waren es so andere Farben und Düfte – es war wie ein Ferientag in der Toskana. Die ersehnte und fürs Gehirn wichtige Variation, wie ich jetzt weiss! Und ich fühle mich auch ganz anders und habe neue Ideen für unsere Brahms-Sonate, die wir im Gegensatz zu Beethovens Frühlingssonate, die wir auch grade üben, wegen ihrer Schwere und Süsse „Sommersonate“ nennen. Auf einmal spüre ich die Hitze und die Düfte dieses Hochsommertags ganz deutlich im ersten Satz und weiss genau, wie ich den Anfang spielen will. (Kreative Übestrategie Nr. 133: weg vom Instrument üben. Ha!)

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