Erf├╝llt

8. Juni, 201208:41 von

0


Diese Ferien waren die aufregendsten seit langem, weil ich Zeit und Musse hatte, einfach endlos viel Klavier zu spielen. Ich habe es so vermisst! Ich mag meine Sch├╝ler, aber manchmal muss ich aufpassen, dass ich nicht nur Lehrerin bin, sondern auch am Kern der Sache dranbleibe. Im Schulalltag ist es schwierig, denn wenn schon, will ich es richtig machen, und zwar alles: bei der netten Frau Sommerer sind die Fenster geputzt und die Teppiche sauber, es riecht nach frisch gebackenem Brot und die Orchideen sind gew├Ąssert, und sie hat Zeit und Geduld f├╝r die Probleme ihrer Sch├╝ler. Die wilde Frau Sommerer setzt sich gleich morgens ans┬áKlavier und spielt r├╝cksichtslos. Das Haus verkommt, Mann und Kater schleichen leise und betr├╝bt um den leeren K├╝hlschrank / Napf und trauen sich kaum, sie anzusprechen. Jeder sehnt sich nach Personal – sie eingeschlossen, wenn sie mal wieder nur Joghurt und einen Apfel isst. Aber: sie ist gl├╝cklich! Und hat das Gef├╝hl, wieder ganz lebendig zu sein!

F├╝r mich ist es wirklich eine schwierige ├ťbung, ├╝ber leichtere Unordnung oder schlammige Katzenpf├Âtchenabdr├╝cke auf dem K├╝chenboden hinwegzusehen. Ich weiss auch nicht, wann ich so geworden bin… Aber es nimmt so viel Energie, wenn man sich morgens erst mal um diese Banalit├Ąten k├╝mmern muss. Wenn die Tage so endlos vor mir liegen, wie es jetzt der Fall ist, f├Ąllt es mir leichter, meine Priorit├Ąten anders zu setzen und mich erst mal ganz egoistisch um mich zu k├╝mmern. Das hemmungslose ├ťben tut mir in jeder Hinsicht gut: trotz der vielen Gartenarbeit, die es schon auch gab, f├╝hlen sich meine H├Ąnde fit an wie schon lange nicht mehr. Mein Kopf ist voll von neuer Musik und st├Ąndig am angeregten Nachdenken. Und meine Seele fliesst ├╝ber vor Sch├Ânheit und Staunen ├╝ber die ganzen Wunder um mich herum. Ich sehe Parallelen zwischen dem Garten, der mit Iris, Rosen und Pfingstrosen jetzt von einer unglaublich sinnlichen Sch├Ânheit ist, und meiner Musik. Parallelen zwischen den┬áPfingstrosen auf dem H├Âhepunkt ihrer┬áPracht und dem neuen Liszt, den ich angefangen habe: was heisst hier „zu viel?“ Darf’s ein bisschen Duft mehr sein? Noch ein bisschen mehr von der knalligen Farbe? Und wenn wir schon dabei sind, noch ein paar Dutzend zarte Bl├╝tenbl├Ątter dazu, bis die Bl├╝te vor ├ťppigkeit ihren Kopf neigen muss? Oder unser breites Irisbeet, das im Abendlicht in allen Farben zu schillern scheint – wenn die bet├Ârenden Bl├╝ten in einem zarten Windhauch schwanken, sehe ich die chromatischen Seufzer aus dem Petrarca-Sonett direkt vor mir. Und kann von beidem nicht genug kriegen.

Ebenso erf├╝llend sind die Proben mit meiner Geigenpartnerin, und auch hier ist es das besondere, dass wir ohne Uhr und Druck proben, so lange wir k├Ânnen. Wir kennen uns musikalisch ja noch gar nicht lange, und als wir k├╝rzlich feststellten, dass wir beide grosse Probleme damit haben, uns Dirigenten oder anderen Autorit├Ąten unterzuordnen, dachte ich mir: au wei, das k├Ânnte interessant werden – plus und minus zusammen w├Ąre sicher einfacher. Es wurde wirklich interessant, aber in der Hinsicht, dass es von der ersten Sekunde an wortlos funktionierte, als h├Ątten wir schon ein Leben lang zusammen gespielt. Als wir gestern die Brahms-Sonate spielten, waren wir buchst├Ąblich auf jedem Sechzehntel zusammen, und dennoch habe ich mich selten so frei gef├╝hlt. Ich wusste, egal, was ich mache, sie ist da und greift es auf, und ich kann in gr├Âsster Freiheit hier verz├Âgern und da anziehen, wie ich will, und trotzdem sind wir eins. Ja, klingt kitschig, aber es war eine seltene bewusstseinserweiternde Erfahrung. Am Ende des Satzes sagte Ulli: so einen Grad an Freiheit wie mit Dir habe ich selten erlebt. Ha! Ich bin auch ganz erstaunt ├╝ber diese Art zu proben. Wir reden wenig, wir diskutieren praktisch gar nicht, es gibt kaum Bleistifteintragungen – nichts von der Art, was es z├Ąh macht oder die Konzentration angreift. Wir springen einfach mitten rein und sind wortlos in einem sch├Âpferischen Prozess, der uns st├Ąndig gegenseitig anregt. Ich denke, das w├Ąre nicht m├Âglich, wenn wir jede auf die Uhr schielen m├╝ssten, wann der n├Ąchste Sch├╝ler kommt.

Ich f├╝hle mich absolut neu belebt und Jahre j├╝nger, ganz ohne teuren Wellness-Urlaub oder ├Ąhnlichen Schickschnack, weil ich wieder in Verbindung stehe zu einem wichtigen Teil von mir selbst. Zu oft l├Ąsst man solche F├Ąhigkeiten brachliegen, weil man denkt, sie sind f├╝rs ├ťberleben nicht so notwendig wie ein sauberes Bad oder Essen auf dem Tisch – auf Dauer sind sie es doch. Und wenn es mit der Balance im Alltag auch nicht immer klappt, gibt es doch die Aussicht auf die n├Ąchsten Ferien und das Bewusstsein: ich MUSS Klavier spielen. Ich bin auf die Welt gekommen, um das zu tun, und ich muss mir den Freiraum schaffen, damit es m├Âglich ist. Und ich darf kein┬áschlechtes Gewissen haben, wenn dadurch vielleicht andere Bereiche im Leben leiden. M├Ąnner sind da schliesslich auch schmerzfreier… In diesem Sinne: jedem sein „Zimmer f├╝r sich allein“ und die seelische und k├Ârperliche Bereitschaft, das auszuleben, was man am besten kann!