„Lass mich mal…“

1. Mai, 201210:35 von

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Mit diesen Worten bitte ich meine Sch├╝ler immer, mich an den Fl├╝gel zu lassen, um ihnen eine Stelle kurz vorzuspielen. Daf├╝r, dass sich eigentlich immer das erw├╝nschte „Aha!“-Erlebnis einstellt, mache ich es viel zu selten. Eine sinnliche Wahrnehmung, die sich ein paar Zentimeter vor ihren Augen abspielt, hilft den Sch├╝lern viel schneller zum Verst├Ąndnis als die langatmigsten Erkl├Ąrungen. Irgendwie hatte ich immer den Anspruch, ohne viel Demonstrieren neben dem Klavier zu sitzen und alles mit Worten zu erkl├Ąren. Warum, weiss ich gar nicht genau. Vielleicht haben wir im Methodik-Unterricht geh├Ârt, dass das die h├Âherstehende Art ist, zu unterrichten. Vielleicht, weil meine eigenen Lehrer relativ wenig vorgemacht haben (obwohl wir meistens luxuri├Âserweise zwei Fl├╝gel zur Verf├╝gung hatten) – bis auf meine letzte Professorin, bei der ich nach dem Diplom die Fortbildungsklasse besuchte. Sie spielte viel und wundersch├Ân vor, und jedes Mal fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich wusste: ja, genau so ist es gemeint.

So viele Erfahrungen kommen inzwischen aus zweiter Hand: wir sehen fern und bilden uns ein, etwas erlebt zu haben – dabei sitzen wir passiv und allein zuhause, w├Ąhrend wir anderen beim vermeintlichen Leben zusehen. Wir schreiben Mails und denken, sie ersetzen die echte Erfahrung, eine liebe Stimme mit allen ihren Nuancen und Atemger├Ąuschen am Telephon┬ázu h├Âren – dabei schaffen wir es nur nicht, in unserem ├╝bervollen Alltag Raum f├╝r solche Begegnungen zu finden. Wir lesen Blogs und kommentieren auf ihnen, oft ├╝ber Kontinente hinweg, und bilden uns ein, nicht allein┬á zu sein und gen├╝gend soziale Kontakte zu haben – auch wieder, weil sich das besser und zu unorthodoxen Zeiten in den Tagesplan integrieren l├Ąsst als eine echte Begegnung mit einer echten Umarmung. Und die Kinder: statt wie wir Schule oder Mama-Papa-Kind zu spielen oder draussen unterwegs zu sein, werden sie vor irgendwelchen elektronischen Ger├Ąten geparkt, weil das Zeitfenster zwischen Schule, Hausaufgaben, Ergotherapie und Fussball keine echten Kontakte mehr zul├Ąsst. Ihre Spiele sind eindimensionale Bildschirmspiele, die der Intelligenz nicht unbedingt zutr├Ąglich sind. Dabei sehnen sich gerade Kinder nach Greifbarem, Echten, Lebendigen, im echten Leben und in der Musik. Zu seinem Leidwesen wollen viele meiner kleineren Sch├╝ler unser Katertier anfassen – anschauen reicht f├╝r Kinder nicht. Und am Klavier ist es ├Ąhnlich: manche wollen nicht nur h├Âren, sondern ihre kleine Hand auf meine legen, w├Ąhrend ich spiele. Am Anfang fand ich das ganz seltsam – die Idee kam von einer Sch├╝lerin – , aber manche Kinder brauchen anscheinend diese┬áauf vielen Ebenen┬ásp├╝rbare Art des Erkennens.

Wenn ich zuhause unterrichte, vermeide ich das Vorspielen oft, weil es ein kompliziertes St├╝hler├╝cken etc. beinhaltet. Aber das sollte mich nicht mehr abhalten – die vielen positiven Erfahrungen der letzten Wochen sprechen f├╝r sich. Der ├╝blichste Kommentar ist immer ein geschocktes „Was, so schnell?“. H├Ąufig h├Âre ich auch „Ich wusste gar nicht, dass das so sch├Ân klingen kann“. (Oder mein liebstes: „Was, Sie k├Ânnen das auch spielen?“) Auf jeden Fall sp├╝re ich immer ein unmittelbares Verst├Ąndnis und den Drang, es sofort selber auszuprobieren. Wir m├╝ssen uns auch immer wieder klarmachen: wo h├Âren unsere Sch├╝ler ├╝berhaupt noch Livemusik? Wann stehen sie neben einem lebendigen Instrument aus Holz, das schwingt und bebt? Wenige meiner Sch├╝lereltern spielen selber, und viele meiner Sch├╝ler gehen nicht in Klavierabende oder ├Ąhnliches. Woher sollen sie also die Idee haben? Es ist so leicht f├╝r mich, ihnen dieses Idealbild anschaulich zu demonstrieren. Also in Zukunft: weniger Worte, mehr zum Anfassen. (Und mich macht es ja auch gl├╝cklich, zwischendurch die Tasten zu sp├╝ren!)