Feinschliff

15. Mai, 201209:22 von

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Wenn ich den ersten Rhabarber-Baiserkuchen des Jahres in den Ofen schiebe, frage ich mich, wer sich heuer melden wird. Sp├Ątestens, wenn die Akeleien in unserem Garten┬á ihre h├╝bschen Gl├Âckchen in allen Lila- und Rosaschattierungen ├Âffnen, stehen sie vor meiner Haust├╝r, die charmanten Nebenfach-Aufnahmepr├╝fungs- Nachz├╝gler, die ein paar Wochen vor dem grossen Tag merken, dass sie noch ein paar Tips brauchen k├Ânnen. Mir macht das gar nichts, im Gegenteil. Heimlich rechne ich schon mit einigen aus dem Landkreis, die ich von fr├╝her kenne oder bei „Jugend musiziert“ geh├Ârt habe und die langsam ins passende Alter kommen. Ich kann auch schon f├╝r die n├Ąchsten drei Jahre vorhersagen, wer das wahrscheinlich sein wird…┬áDoch wenn der erwartete Anruf kommt, kann ich schlecht zu den Eltern sagen: „Ich wusste, dass Ihr anruft!“

Die meisten dieser Sch├╝ler kenne ich, wie gesagt, schon lange, und viele sind auch Kollegenkinder, die die Musik buchst├Ąblich mit der Muttermilch aufgesogen haben und ihr Nebenfachinstrument schon seit Jahren pflegen.┬áAm Gymnasium┬áhabe ich eine Sch├╝lerin, die immerhin ein Jahr vor der Pr├╝fung begonnen hat, Unterricht bei mir zu nehmen. Sie ist eine tolle Musikerin und spielt eigentlich auf Hauptfach-Niveau.┬áDiese Stunden sind das reinste Vergn├╝gen und das Highlight meiner Woche! F├╝r mich ist es sehr bequem: die ganze Basisarbeit hat mir jemand anderes netterweise abgenommen. Es geht nur noch um den letzten Feinschliff, und oft in so einer zeitlich begrenzten und konzentrierten Form, dass die Stunden einfach nur intensiv sind und wie im Flug vergehen.┬áDie Abiturienten┬ásind hochmotiviert, intelligent und zielstrebig – was gibt es Netteres, als mit Menschen in diesem Lebensabschnitt ├╝ber ihre┬áPl├Ąne zu reden? Und sie sind zeitlich absolut flexibel und bereit, gleich am Morgen zu kommen. Anders k├Ânnte ich sie gar nicht in meinen vollen Stundenplan integrieren. Eigentlich f├Ąllt diese ganze Unternehmung schon wieder in die Kategorie: „was, f├╝r dieses Vergn├╝gen soll ich auch noch Geld bekommen?“

Allerdings merke ich immer mehr, wie alt ich bin, wenn diese Sch├╝ler mit mir dar├╝ber reden, wie es ist, von zuhause auszuziehen oder wenn sie, mit elf Tagen Vorank├╝ndigung, ein Konzert mit mir als Begleiterin ansetzen. Danke, dass Ihr mich daran erinnert, wie spontan ich fr├╝her mal war, Ihr S├╝ssen, und wie verkn├Âchert ich heute bin! (Wer ├Ąhnlich spontan ist: am Di. dem 22. Mai gibt es um 19 Uhr im Erdinger Johannes-Haus ein sehr sch├Ân gespieltes Pr├╝fungsprogramm zu h├Âren – herzliche Einladung!). Und wenn um Weihnachten herum die ersten Briefe vom neuen Leben kommen, mit Berichten ├╝ber WG- und lustige Kocherfahrungen, komme ich mir einerseits wie eine alte Tante vor, andererseits freue ich mich riesig, noch Kontakt zu diesen besonderen Menschen zu haben. Und wenn mich eine ehemalige Sch├╝lerin ├╝berraschend am Gymnasium besucht und mir spontan um den Hals f├Ąllt, bin ich nur noch ger├╝hrt.

Es┬áist einfach sch├Ân, Kinder in jedem Lebensalter zu begleiten. Ich mag meine Erstkl├Ąssler, die mich ernsthaft fragen, ob ich das Seepferdchen-Schwimmabzeichen auch schon habe, ich mag meine grummeligen Pubertierenden, ich mag die Grossen, die grade F├╝hrerschein gemacht haben und fl├╝gge werden.┬á Meine Grossen erinnern mich an unsere grade erbl├╝hten Gartenblumen, die noch frisch und zart sind und┬áalle wunderbaren Anlagen in sich haben. Wenn ich unsere ersten Schwertlilien sehe oder die zarten Akeleien, w├╝nsche ich ihnen von Herzen, dass kein Gewittersturm einer gnadenlosen Pr├╝fungskommission sie knickt und auch keine scheusslichen Schnecken des Selbstzweifels ihr Fundament annagen und aush├Âhlen, sondern dass sie in Ruhe und unter perfekten Bedingungen sich entfalten und entwickeln k├Ânnen. Zu ihrer eigenen und zur Freude aller Menschen, die ihre Musik h├Âren d├╝rfen.