Vom Inn an die Bandusia: Villa d’Orazio

25. September, 201709:01 von

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Einer der Orte, an den ich mich schon lange gesehnt habe und den man ohne Auto wirklich nicht erreicht, war das Landgut von Horaz in den Sabiner Bergen. Maecenas schenkte ihm das Anwesen. Horaz schenkte Maecenas in den folgenden Jahren eine FĂŒlle an Oden. Das waren noch Zeiten, fĂŒr beide Seiten! Horaz genoss seine Aufenthalte in den waldreichen Bergen, wie viele seiner Gedichte belegen. Überhaupt schien er regelmĂ€ssig Abstand von der Grosstadt zu brauchen – vor seinem Sabinum, wie er das Gut nannte, hatte er schon eine Villa in Tivoli, deren Standort heute aber unklar ist. Die erhaltenen Ruinen der Villa bei Licenza sind aber eindeutig seine Villa, und es war fĂŒr mich mehr als magisch, tatsĂ€chlich dort zu sein.

Auch wenn es streberhaft klingt, aber: ich mochte Horaz schon in der Schule. Einmal wegen des wunderbaren Rhythmus seiner Gedichte, und dann wegen der greifbaren, nachvollziehbaren und lebensnahen Themen. Damals wie heute fĂŒhle ich mit ihm, wenn ihm ein aufdringlicher SchwĂ€tzer einen Spaziergang verdirbt. Mir gefĂ€llt, dass er sich dann und wann in die Natur zurĂŒckziehen muss, um wieder aufzutanken, in Ruhe den Kreislauf der Jahreszeiten betrachtet und einfach den Augenblick geniesst. Dass er dann aber auch wieder die grosse Stadt braucht und ein Gelage mit Maecenas und Vergil persönlich, bei dem die neuesten Werke vorgelesen werden (wenn ich mir das vorstelle, kriege ich GĂ€nsehaut!).

Der Vater von Horaz war ein freigelassener Sklave, der wusste, dass Bildung die einzige Chance fĂŒr seinen Sohn wĂ€re, im Leben weiterzukommen. Er tat alles dafĂŒr, um dem Jungen eine gute Schulbildung in Rom zu ermöglichen. Danach studierte Horaz in Athen und kam mit der Lehre der Stoiker und Epikurs in BerĂŒhrung. Das lebensbejahende, genussvolle Auskosten des einzelnen Augenblicks, das ganz im Jetzt – Sein, ist eine Konstante in seinen Gedichten. Von ihm stammt auch der berĂŒhmte Rat „Carpe diem“, ebenfalls beeinflusst von Epikur. Und er betont immer wieder, dass derjenige glĂŒcklich ist, der zufrieden ist mit dem, was er hat, statt immer noch nach mehr zu streben.

Horaz ist und bleibt einer meiner liebsten Begleiter im Leben, und es ist immer was besonderes, tatsĂ€chlich an den Ort zu pilgern, an dem der verehrte Mensch gelebt und geschrieben hat. Eine Mischung aus Ehrfurcht und zappeliger Vorfreude begleitete mich, als ich das Autole die Serpentinen von Vicovaro Richtung Licenza entlangsteuerte, immer höher hinauf in die bewaldeten Berge. Kurz vor Licenza das verheissungsvolle braune Schild, das in Italien archĂ€ologische Denkmale ankĂŒndigt, und ich bog auf eine schattige, baumbestandene gepflasterte Strasse, die in noch mehr sanften Kurven weiter nach oben fĂŒhrte. Dunkel, geheimnisvoll, umgeben von GrĂŒn – und so viel gepflegter, als ich erwartet hatte. Die ĂŒbliche Zufahrt zu den obskureren DenkmĂ€lern in Latium ist oft eine staubige, schlaglochĂŒbersĂ€te Schotterstrasse in wenig vertrauenerweckenden Gegenden, und meistens fĂ€hrt man am Ziel vorbei, weil man gar nicht erkennt, dass da was sein soll. Horaz hat, wie es eines DichterfĂŒrsten wĂŒrdig ist, eine stilvolle Auffahrt und einen netten kleinen Parkplatz. Und dann – ist man erst mal baff und begeistert, wie gepflegt die Anlage ist. Das ganze grosse GrundstĂŒck ist umgeben von einem hochwertigem grĂŒnen Zaun. Nachdem die Italiener manchmal erstaunlich sorglos mit ihrem kulturellen Erbe umgehen, hatte ich erwartet, dass die Ruinen halt im Wald sich selbst ĂŒberlassen sind und es ohnehin niemand interessiert. Aber wenn man die Mosaike gesehen hat, ist man nur froh, dass der Zaun Wildschweinchen abhĂ€lt, da nachts drĂŒberzutrappeln.

Gelbes, trockenes Gras, eine dicke Schicht an verdorrten Piniennadeln, die beim Drauftreten einen herrlichen harzigen Geruch ausatmeten, kleine LĂ€rchenzapfen auf dem Boden, gelbe, vertrocknete EichenblĂ€tter, scheinbar endlos sich erstreckende GrundmĂ€uerchen, Treppen und tiefer liegende Reste von GebĂ€uden (wie war das noch mal mit dem bescheidenen Landgut?!), und kein Mensch ausser uns. Und wir waren vor Ehrfurcht und wegen der Magie, die dieser verlassene, vergangene Ort ausstrahlte, sprach – und atemlos. Gingen vorsichtig ĂŒbers GelĂ€nde, stiegen ĂŒber die MĂ€uerchen, schauten unglĂ€ubig die schwarz – weissen Mosaike an, die da einfach seit 2000 Jahren unter freiem Himmel liegen. Hatten das GefĂŒhl, völlig allein zu sein auf diesem besonderen Ausflug in die Antike. Bis auf einmal am anderen Ende des GelĂ€ndes ein untersetztes, rundliches MĂ€nnchen auftauchte, der mit einem riesigen Buch auf uns zuwatschelte. Das dauerte, und wĂ€hrend er nĂ€her kam, öffnete er den Band, trug ihn auf zwei HĂ€nden wie ein Messdiener die Heilige Schrift, hielt ihn uns feierlich hin und bat uns, uns ins GĂ€stebuch einzutragen. Wie sĂŒss. Er trug ein weisses Poloshirt mit dem offiziellem Aufdruck irgendeiner archĂ€ologischen Vereinigung und sagte, dass es fĂŒr sie sehr wichtig sei, einen Überblick ĂŒber die Besucherzahlen zu bekommen. (Und man muss sagen: sie drĂ€ngen sich nicht grade, die Besucher… Wir waren die ersten seit neun Tagen. Und auch davor war es eher ĂŒbersichtlich…) Anscheinend gehört sein ganzes Herzblut der Anlage. Er liess es sich nicht nehmen, uns in einer kleinen FĂŒhrung das Mosaik im Schlafzimmer von Horaz zu zeigen, die Therme mit ihren verschiedenen Becken, und das Fischbecken. Er beschrieb uns auch den Weg zur in Gedichten unsterblich gewordenen Bandusia – Quelle und watschelte dann betriebsam wieder davon. Und wir hatten das GelĂ€nde wieder ganz fĂŒr uns. Ich hob ein paar gelbe, gezackte BlĂ€tter auf und einige LĂ€rchenzapfen, die jetzt vor mir liegen, und wusste schon in dem Moment: das sind ganz besondere Andenken. Ich werde mich ewig an diesen friedlichen, abgelegenen Ort in den Bergen zurĂŒcksehnen.

Auf dem Hinweg waren wir von Tivoli und Vicovaro gekommen, voll durch die Zivilisation (Obi Tivoli, Ford Tivoli, Werbung fĂŒr KomplettbegrĂ€bnis (950.-), und Zahnkronen (450.-) am Strassenrand). Jetzt dachten wir, wir fahren durch das Naturschutzgebiet da auf der Landkarte Richtung Orvinio. Könnte ja ganz nett sein. Die folgende halbe Stunde wurde unversehens eine der spektakulĂ€r schönsten Autofahrten der Reise: keine Ortschaft weit und breit, aber dunkelgrĂŒn bewaldete HĂŒgel ohne Ende. Dunkles GrĂŒn, so weit das Auge reichte. Das ist fĂŒr mich die Farbe und Essenz von Latium. Und es war so verdammt einsam – die ganze Zeit kam uns nicht mal ein Auto entgegen, und wir sagten uns, dass es in Kanada Ă€hnlich sein mĂŒsste. Zu Zeiten von Horaz gab es hier Wölfe und BĂ€ren, und wenn man die Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Landstrichs erlebt hat, glaubt man, dass das heute noch der Fall sein könnte. Ich trage die unglaublich schönen Aussichten immer noch im Herzen und bin froh ĂŒber den spontanen Umweg.