Vom Inn an den Tiber: Bewahren

18. September, 201709:20 von

0


Andere Menschen versuchen nach dem Urlaub, ihre Sonnenbr├Ąune m├Âglichst lange zu erhalten. Mein Vorsatz f├╝r diese Wochen: m├Âglichst viel vom Freiheitsgef├╝hl dieser wunderbaren zwei Wochen in Rom zu bewahren und in den Alltag hin├╝ber zu retten. Denn man merkt erst, wie durchorganisiert, vollgestopft und anstrengend der eigene Alltag ist, wenn im Urlaub alles von einem abf├Ąllt und man mit diesem k├Âstlichen neuen Gef├╝hl erst mal gar nichts anfangen kann.

Aber wir haben es wieder gelernt, keine Sorge. Sehr viel dazu beigetragen hat, dass wir die ganzen sechzehn Tage ohne Internet und Telephon waren. Wir haben es keine Sekunde vermisst, im Gegenteil,┬áwir wurden immer nostalgischer und haben oft zueinander gesagt: „das ist ja wie fr├╝her, einfach B├╝cher lesen auf der Terrasse…“. Aber ich habe festgestellt, wie ungesund ich normalerweise meine Tage beginne: meistens, weil die Zeit dr├Ąngt und ich es irgendwann eh machen muss, mit eingeschaltetem Computer und den ersten Mails. In unserem wundersch├Ânen Ferienhaus bin ich mit meinem ersten Kaffee im Nachthemd raus in den Garten und hab direkt vom ├╝bervollen Feigenbaum ein paar sonnenwarme Fr├╝chte gegessen, w├Ąhrend ich den Eidechsen auf den Steinen zuschaute und sonst – ├╝berhaupt nichts tat. Oder das Kochen: zuhause passiert das oft in so einem multi-taskenden Zustand, dass ich danach erledigt und fertig bin und gar keinen Hunger mehr habe. In unserem Ferienh├Ąuschen dreissig Kilometer ├Âstlich von Rom wurde es ein entspannendes Abendritual. Das H├Ąuschen geh├Ârt einer offensichtlich gern kochenden Australierin, denn die h├╝bsche, grosse K├╝che war perfekt ausgestattet (fast besser als meine eigene!), bis hin zu einem Meter Kochb├╝chern im Regal und sieben grossen Terracottat├Âpfen mit┬áKr├Ąutern im schattigen Innenhof. Ich goss sie jeden zweiten Morgen, langsam, liebevoll, aufmerksam – so ganz anders als meine T├Âpfe zuhause – und erlaubte mir deshalb, ein paar Zweige zum Kochen zu ernten. Die Feigen, Nektarinen und Trauben im Garten waren ausdr├╝cklich im Preis inbegriffen – herrlich, oder? Von der Wohnk├╝che ging es direkt auf die grosse West – Terrasse, und w├Ąhrend ich entspannt kochte, ging ich mal zum lesenden Gatten auf die Terrasse, um ein paar Oliven und einen Schluck Wein zu mir zu nehmen, oder eben in den Innenhof zu den Kr├Ąutern, und alles langsam und genussvoll und ungehetzt. Nach dem Essen lasen wir in der samtigen, warmen Nacht mit Hilfe einer Stehlampe aus dem Haus noch lange auf der Terrasse. Und ich guckte auch oft einfach nur vor mich hin, auf die glitzernden Lichterketten der St├Ądtchen auf den Albaner Bergen gegen├╝ber, auf den jeden Tag runder werdender Mond, oder den erhellten Himmel ├╝ber Rom. Das war Entschleunigung pur.

Und dieses frei und sorglos und einfach nur man selber sein… Das will ich auch noch etwas l├Ąnger sp├╝ren. Italien mit dem eigenen Auto war absolut wundervoll. Wir sind ja bisher immer ethisch und politisch korrekt mit Zug und Bus gereist. Wie anstrengend und langatmig das ist, merkt man erst, wenn man eben anders reist. Ich sag nur: fermata a richiesta – Bedarfshaltestelle. Anders als bei gewissen Statuen macht es mir bei den blauen CoTral – Bussen, die in Latium verkehren, wenig Spass, die R├╝ckansicht zu betrachten… Die flexible, kreative Fahrweise der Italiener kommt mir sehr entgegen. Wegen der Hitze hatten wir immer alle vier Fenster offen, was zum roadmovie-artigen Freiheitsgef├╝hl beitrug: gebr├Ąunte Unterarme, ein bad-hair-day nach dem anderen, aber egal. Wenn ich f├╝r irgendwelche Ruinen ansehnlich aussehen wollte, st├╝lpte ich mir den Sonnenhut auf die Haare und fertig.

Trotzdem war ich froh, dass ich, als wir die Verwandten in Rom besuchten, nicht als R├Ąuberbraut ankam. Es ist mir tats├Ąchlich schwer gefallen, mich nach dieser ersten Woche in Freiheit und nach ganz eigenen Regeln etwas zu zivilisieren, die Haare zu waschen und das nettere Kleidchen anzuziehen. Aber es war gut so: die Cousins des Gatten kamen, wie andere R├Âmer auch, abends in Anzug und mit eleganten Schn├╝rschuhen aus der Arbeit – bei 36 Grad wohlgemerkt. Und sie blieben auch so. Aber innerlich flatterten meine Haare noch, und wir hatten viel Spass. (├ťber die Verwandtschaft k├Ânnte man mehrere Artikel schreiben. Nur ganz kurz: es ist so, wie man es sich vorstellt, und ich habe noch nie so viele Papst – K├╝hlschrankmagneten an einem K├╝hlschrank gesehen.)

Wir sind bewusst mit dem Auto gefahren, weil wir nach mehreren Aufenthalten in der Innenstadt die Umgebung von Rom anschauen wollten. Die ganzen Juwelen, die man mit ├ľffentlichen kaum oder gar nicht erreicht. Und wenn man tagelang so durch r├Âmische Ruinen stakst oder in schattigen Etruskergr├Ąbern steht, kristallisiert sich noch eine andere Einsicht heraus: unser Leben ist so kurz. Wir sind so unbedeutend und nur so vor├╝bergehend auf dieser Welt – warum eigentlich der ganze Stress? Wenn man in Jahrtausenden denkt, sind die eigenen Befindlichkeitsst├Ârungen und Zukunftssorgen so was von nebens├Ąchlich. Wir geh├Âren nicht zu den gl├╝cklichen Auserw├Ąhlten, die der Welt grossartige Kunstwerke hinterlassen. Ich bin nun mal kein Hadrian und kein Beethoven. Ich kann sehr geniessen, was sie geschaffen haben – aber man k├Ânnte dieses ganze Rudern und Strampeln und Stressmachen einfach mal aufh├Âren. Nicht jeder muss einer Epoche seinen Stempel aufdr├╝cken. Vielleicht ist der Sinn des Lebens f├╝r uns normal Sterbliche, einfach nur – zu sein? Einfach da sein, Gutes tun, so weit wir k├Ânnen, sich um andere k├╝mmern und so, aber einfach auch mal nur in der Sonne zu sitzen wie eine Eidechse. Ohne sich zu fragen, was heute abend und morgen und n├Ąchstes Jahr ist. Das ist der Plan f├╝r dieses Schuljahr.