Sprache als Klang

hochwertige-weihnachtsdekoZwei lange Tage auf dem Literaturfest München, und ich fühle mich wie neugeboren, angeregt für Wochen, inspiriert, ganz viel nachzugucken und zu lesen, motiviert, anders und besser Musik zu machen – kurzum, das reinste Rundum – Wellness – Erlebnis für Kopf und Seele. Und ich habe auch das Drumherum genossen, die Tatsache, aus unserem kleinen Städtchen zwei Mal hintereinander in die ganz grosse Stadt zu fahren. Dank zentraler Veranstaltungsorte wie den Kammerspielen oder dem Literaturhaus kam ich als Bonus schon in den Genuss der grandiosen Weihnachtsbeleuchtung auf der Maximilianstrasse – was will man mehr?

Ich schleiche um diese ganzen Schreibenden rum wie die verhinderten Musiker, die sich manchmal auf meinen Konzerten rumdrücken und einen mit eigentlich selbstverständlichen Fragen aufhalten. Man spürt ihre Faszination, staunt über ihr Fachwissen, fragt sich aber auch, warum man jetzt so eine banale Frage nach dem Übeverhalten oder den verwendeten Editionen beantworten soll. Ist gleichzeitig milde gestimmt, weil man spürt, dass sie in harmloser Weise einen Blick durch eine angelehnte Tür in einen ganz anderen, ersehnten Lebensentwurf werfen wollen. Und so geht es mir mit Menschen, die den ganzen Tag mit Wörtern verbringen dürfen. Ich beneide sie ein bisschen, bewundere sie ganz arg und träume auch von so einem Leben…

Auf dem sagenhaften Übersetzertag kam ich mir vor wie so ein Zaungucker. Die Veranstaltung stand ganz offiziell auf dem Programm, war aber eine Art Tagung des Deutschen Übersetzerfonds. Ich war mir kurz unsicher, ob ich da überhaupt reindarf. Aber solange ich zahle? Und überhaupt? Doch als die Stühle knapp wurden und die Dame neben mir ihre Begleiterin fragte: „Sind denn Zivilisten hier?“, fühlt ich mich kurz verunsichert… Studierte aber intensiv die Decke und blieb unauffällig sitzen. Was ein Glück war: der Tag war für mich so ein Gewinn und sollte für Musiker eine verpflichtende Fortbildung sein – sind wir doch auch und ständig Übersetzer von Texten. Man hätte praktisch in jedem der hochkarätigen Vorträge „Übersetzer“ durch „Musiker“ ersetzen können und zu neuen Einsichten gelangen können. Mir hat irgendwann der Kopf geraucht, so erschlagen war ich von den ganzen neuen Erkenntnissen – aber auch beglückt und eben inspiriert und bereit, mich meinen zwei Leidenschaften auf neue oder andere Weise anzunähern. Es ging um den Gedankenstrich bei Emily Dickinson (man glaubt nicht, wie fesselnd das sein kann!), den unterschwelligen Beat bei Shakespeare, der Erkenntnis, dass ein Gedicht mit einem redet, einen plötzlich anspringt, oder die Feststellung, dass Sprache Klang ist und eigentlich alle Texte laut vorgetragen werden müssen. Sprache sei eine Ohrenkultur, und ich ergänze für mich: Musik ist (auch) eine Augenkultur, muss gelesen, analysiert, als Architektur durchdrungen werden. Ich werde anders lesen nach diesem Tag, und ich werde anders Musik machen.

aussen-weihnachtsbeleuchtung-1000x486Dass Sprache erklingen muss, hörbar gemacht werden muss, zeigte in wunderbarer Weise auch der Abend davor: eine moderierte Lesung von Carolin Emcke im Jugendstiljuwel der Kammerspiele. Während sie kurze Abschnitte aus ihrem neuesten Buch las, wurden mir Zusammenhänge oder überhaupt: der Sinn mancher Stellen sofort klar, die mir beim eigenen, zu schnellen und gierigen Lesen entgangen waren. Das war auch wirklich erhellend: wie wichtig das Tempo ist, wie wichtig Pausen sind… Ich bin kein Fan von Hörbüchern, durfte aber eindrucksvoll feststellen, wie viel mehr vom Gehalt transportiert wird, wenn der Text nicht zu schnell an einem vorbeirauscht. Das noch kurz zur Sprache als Klang… Und inhaltlich war es enorm interessant und leider sehr aktuell. Das neue Buch heisst „Gegen den Hass“. Es war faszinierend, dem Soziologen Armin Nassehi und der Autorin sozusagen beim Denken zuzuhören, zu sehen, wie solche unglaublich intelligenten und gebildeten Menschen Fragen und Antworten entwickeln, wie präzise und klar selbst die verschachteltsten Sätze sind, was für einen langen Atem sie haben. Und auf welch zivilisierten Niveau alles ablaufen kann – naja, das ist vielleicht kein Wunder, wenn man sich inhaltlich einig ist. Aber es war wohltuend nach den ganzen überhitzten Debatten über Zuwanderung und reine Rassen, die es in den Medien in den letzten Monaten gab. Dass man sich auch einfach kultiviert über schwierige Sachverhalte unterhalten kann.

Was von hier blieb, ist eine Feststellung, die ich selber auch gemacht habe – dass ich noch nie in meinem Leben derart rohe, verrohte Debatten miterlebt habe, wie wir sie seit letztem Jahr erleben müssen. Dass der Ton, in dem gesprochen wird, zunehmend aggressiver und eben verrohter wird, und dass das noch nicht mal jemand zu stören scheint. Vielleicht sind wir die letzte Generation, der noch auffällt, dass es mit der Gesprächskultur bergab geht? Und später Geborene halten es für normal, ihre negativen Gefühle und Ressentiments in sozialen Netzwerken ungehindert und in verkürzter, darum noch brutalerer Form auf die Welt loszulassen? Und überhaupt, diese öffentliche Äusserung von eigentlich ganz privaten Meinungen (sollte man als Blogschreiberin eigentlich nicht sagen…) ist auch was Neues. Es wurde, auch im Zusammenhang mit dem amerikanischen Wahlkampf, von einem „Exhibitionismus der Schäbigkeit“ gesprochen, für den man sich noch nicht mal schämt. Abgesehen vom Inhalt, von den Themen, die überhaupt diskutiert werden, erleben wir hier eine besorgniserregende Entwicklung mit. Und man fragt sich, wie man noch gegensteuern kann.

professionelle-weihnachtsbeleuchtung-aussen1Deshalb hinterliess der wirklich bereichernde und anregende Abend auch eine Art Katerstimmung. Weil man, wenn man vor der Veranstaltung einen vorzüglichen Kaiserschmarrn im Theaterrestaurant isst und danach an den wunderbar dekorierten Schaufenstern von Chanel und Hermès vorbei durch die vorweihnachtlich glitzernde Maximilianstrasse läuft, feststellen muss: ich lebe in einer absolut privilegierten, schillernden Seifenblase und habe vom wirklichen Leben keine Ahnung. Ich gehöre nicht zu den schlecht Ausgebildeten, die vielleicht auch noch grade ihren Job verloren haben, berechtigte Befürchtungen haben, dass ihnen gleichermassen wenig ausgebildete Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt die Chancen verderben und deswegen Vorbehalte haben oder sogar Hass entwickeln. Ich gehöre zu den satten, gut gekleideten Sorglosen, die sich im Theater moralisch ein bisschen aufrütteln lassen. Aber echte Probleme gibt es in unserem Umfeld nicht. Und da fragt man sich wirklich, was man tun kann. Denn mit den vorzüglichen Argumenten, die der Abend und das Buch liefert, muss man den wirklich Hassenden gar nicht kommen. Meine Lösung im Moment: die guten, vermittelnden und diplomatischen Gedanken zu verbreiten. Und auf eine gehobenere, respektvollere Gesprächskultur zu achten – und das beginnt natürlich an der Basis, im Alltag und mit den vielen Kindern, die mir anvertraut sind. Wahrscheinlich kann ein einziger doch mehr bewegen, als man denkt.

(Fotos: Fine Arts Christmas)

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