Sprache als Klang

30. November, 201610:17 von

0


hochwertige-weihnachtsdekoZwei lange Tage auf dem Literaturfest M├╝nchen, und ich f├╝hle mich wie neugeboren, angeregt f├╝r Wochen, inspiriert, ganz viel nachzugucken und zu lesen, motiviert, anders und besser Musik zu machen – kurzum, das reinste Rundum – Wellness – Erlebnis f├╝r Kopf und Seele. Und ich habe auch das Drumherum genossen, die Tatsache, aus unserem kleinen St├Ądtchen zwei Mal hintereinander in die ganz grosse Stadt zu fahren. Dank zentraler Veranstaltungsorte wie den Kammerspielen oder dem Literaturhaus kam ich als Bonus schon in den Genuss der grandiosen Weihnachtsbeleuchtung auf der Maximilianstrasse – was will man mehr?

Ich schleiche um diese ganzen Schreibenden rum wie die verhinderten Musiker, die sich manchmal auf meinen Konzerten rumdr├╝cken und einen mit eigentlich selbstverst├Ąndlichen Fragen aufhalten. Man sp├╝rt ihre Faszination, staunt ├╝ber ihr Fachwissen, fragt sich aber auch, warum man jetzt so eine banale Frage nach dem ├ťbeverhalten oder den verwendeten Editionen beantworten soll. Ist gleichzeitig milde gestimmt, weil man sp├╝rt, dass sie in harmloser Weise einen Blick durch eine angelehnte T├╝r in einen ganz anderen, ersehnten Lebensentwurf werfen wollen. Und so geht es mir mit Menschen, die den ganzen Tag mit W├Ârtern verbringen d├╝rfen. Ich beneide sie ein bisschen, bewundere sie ganz arg und tr├Ąume auch von so einem Leben…

Auf dem sagenhaften ├ťbersetzertag kam ich mir vor wie so ein Zaungucker. Die Veranstaltung stand ganz offiziell auf dem Programm, war aber eine Art Tagung des Deutschen ├ťbersetzerfonds. Ich war mir kurz unsicher, ob ich da ├╝berhaupt reindarf. Aber solange ich zahle? Und ├╝berhaupt? Doch als die St├╝hle knapp wurden und die Dame neben mir ihre Begleiterin fragte: „Sind denn Zivilisten hier?“, f├╝hlt ich mich kurz verunsichert… Studierte aber intensiv die Decke und blieb unauff├Ąllig sitzen. Was ein Gl├╝ck war: der Tag war f├╝r mich so ein Gewinn und sollte f├╝r Musiker eine verpflichtende Fortbildung sein – sind wir doch auch und st├Ąndig ├ťbersetzer von Texten. Man h├Ątte praktisch in jedem der hochkar├Ątigen Vortr├Ąge „├ťbersetzer“ durch „Musiker“ ersetzen k├Ânnen und zu neuen Einsichten gelangen k├Ânnen. Mir hat irgendwann der Kopf geraucht, so erschlagen war ich von den ganzen neuen Erkenntnissen – aber auch begl├╝ckt und eben inspiriert und bereit, mich meinen zwei Leidenschaften auf neue oder andere Weise anzun├Ąhern. Es ging um den Gedankenstrich bei Emily Dickinson (man glaubt nicht, wie fesselnd das sein kann!), den unterschwelligen Beat bei Shakespeare, der Erkenntnis, dass ein Gedicht mit einem redet, einen pl├Âtzlich anspringt, oder die Feststellung, dass Sprache Klang ist und eigentlich alle Texte laut vorgetragen werden m├╝ssen. Sprache sei eine Ohrenkultur, und ich erg├Ąnze f├╝r mich: Musik ist (auch) eine Augenkultur, muss gelesen, analysiert, als Architektur durchdrungen werden. Ich werde anders lesen nach diesem Tag, und ich werde anders Musik machen.

aussen-weihnachtsbeleuchtung-1000x486Dass Sprache erklingen muss, h├Ârbar gemacht werden muss, zeigte in wunderbarer Weise auch der Abend davor: eine moderierte Lesung von Carolin Emcke im Jugendstiljuwel der Kammerspiele. W├Ąhrend sie kurze Abschnitte aus ihrem neuesten Buch las, wurden mir Zusammenh├Ąnge oder ├╝berhaupt: der Sinn mancher Stellen sofort klar, die mir beim eigenen, zu schnellen und gierigen Lesen entgangen waren. Das war auch wirklich erhellend: wie wichtig das Tempo ist, wie wichtig Pausen sind… Ich bin kein Fan von H├Ârb├╝chern, durfte aber eindrucksvoll feststellen, wie viel mehr vom Gehalt transportiert wird, wenn der Text nicht zu schnell an einem vorbeirauscht. Das noch kurz zur Sprache als Klang… Und inhaltlich war es enorm interessant und leider sehr aktuell. Das neue Buch heisst „Gegen den Hass“. Es war faszinierend, dem Soziologen Armin Nassehi und der Autorin sozusagen beim Denken zuzuh├Âren, zu sehen, wie solche unglaublich intelligenten und gebildeten Menschen Fragen und Antworten entwickeln, wie pr├Ązise und klar selbst die verschachteltsten S├Ątze sind, was f├╝r einen langen Atem sie haben. Und auf welch zivilisierten Niveau alles ablaufen kann – naja, das ist vielleicht kein Wunder, wenn man sich inhaltlich einig ist. Aber es war wohltuend nach den ganzen ├╝berhitzten Debatten ├╝ber Zuwanderung und reine Rassen, die es in den Medien in den letzten Monaten gab. Dass man sich auch einfach kultiviert ├╝ber schwierige Sachverhalte unterhalten kann.

Was von hier blieb, ist eine Feststellung, die ich selber auch gemacht habe – dass ich noch nie in meinem Leben derart rohe, verrohte Debatten miterlebt habe, wie wir sie seit letztem Jahr erleben m├╝ssen. Dass der Ton, in dem gesprochen wird, zunehmend aggressiver und eben verrohter wird, und dass das noch nicht mal jemand zu st├Âren scheint. Vielleicht sind wir die letzte Generation, der noch auff├Ąllt, dass es mit der Gespr├Ąchskultur bergab geht? Und sp├Ąter Geborene halten es f├╝r normal, ihre negativen Gef├╝hle und Ressentiments in sozialen Netzwerken ungehindert und in verk├╝rzter, darum noch brutalerer Form auf die Welt loszulassen? Und ├╝berhaupt, diese ├Âffentliche ├äusserung von eigentlich ganz privaten Meinungen (sollte man als Blogschreiberin eigentlich nicht sagen…) ist auch was Neues. Es wurde, auch im Zusammenhang mit dem amerikanischen Wahlkampf, von einem „Exhibitionismus der Sch├Ąbigkeit“ gesprochen, f├╝r den man sich noch nicht mal sch├Ąmt. Abgesehen vom Inhalt, von den Themen, die ├╝berhaupt diskutiert werden, erleben wir hier eine besorgniserregende Entwicklung mit. Und man fragt sich, wie man noch gegensteuern kann.

professionelle-weihnachtsbeleuchtung-aussen1Deshalb hinterliess der wirklich bereichernde und anregende Abend auch eine Art Katerstimmung. Weil man, wenn man vor der Veranstaltung einen vorz├╝glichen Kaiserschmarrn im Theaterrestaurant isst und danach an den wunderbar dekorierten Schaufenstern von Chanel und Herm├Ęs vorbei durch die vorweihnachtlich glitzernde Maximilianstrasse l├Ąuft, feststellen muss: ich lebe in einer absolut privilegierten, schillernden Seifenblase und habe vom wirklichen Leben keine Ahnung. Ich geh├Âre nicht zu den schlecht Ausgebildeten, die vielleicht auch noch grade ihren Job verloren haben, berechtigte Bef├╝rchtungen haben, dass ihnen gleichermassen wenig ausgebildete Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt die Chancen verderben und deswegen Vorbehalte haben oder sogar Hass entwickeln. Ich geh├Âre zu den satten, gut gekleideten Sorglosen, die sich im Theater moralisch ein bisschen aufr├╝tteln lassen. Aber echte Probleme gibt es in unserem Umfeld nicht. Und da fragt man sich wirklich, was man tun kann. Denn mit den vorz├╝glichen Argumenten, die der Abend und das Buch liefert, muss man den wirklich Hassenden gar nicht kommen. Meine L├Âsung im Moment: die guten, vermittelnden und diplomatischen Gedanken zu verbreiten. Und auf eine gehobenere, respektvollere Gespr├Ąchskultur zu achten – und das beginnt nat├╝rlich an der Basis, im Alltag und mit den vielen Kindern, die mir anvertraut sind. Wahrscheinlich kann ein einziger doch mehr bewegen, als man denkt.

(Fotos: Fine Arts Christmas)