Ableger

16. November, 201610:28 von

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P1080710Obwohl ich noch gar nicht lange in Wasserburg wohne, kann ich verschiedenen Arten von Ablegern beim Wachsen zuschauen. Kleine Erdbeerkinder an ihren langen F√§den oder dekorative Minirosetten an der Hauswurz sind willkommen, w√§hrend vieles andere im Garten nicht unbedingt sein m√ľsste. Aber genau das ist in der √úberzahl, wie das halt so ist… Besonders nett ist die besondere Art von „Ablegern“, die inzwischen als ganz kleine Sch√ľler zu mir kommen: Geschwister meiner Sch√ľler. Manche sind schon etwas √§lter und kommen als Ersatz sozusagen, wenn die grosse Schwester ein Schuljahr im Ausland verbringt. Manchmal muss ich mir da die Augen reiben, weil sie einfach wie eine Miniversion der √§lteren Schwester aussehen und ich beim Unterrichten manches d√©ja-vu habe.

Ganz speziell ist es, wenn kleine Kindchen zu mir kommen, die ich quasi schon vor der Geburt kannte. In den acht Jahren hier habe ich mehrere Schwangerschaften von Sch√ľlerm√ľttern mitbekommen, hab sie, wenn sie schon rund und kugelig w√§hrend der Klavierstunde warteten, mit Erdbeeren und Aprikosen gef√ľttert, damit das Kindchen gut gedeiht und es ihnen auch gut geht, hab Stunden nach der Geburt von den Geschwistern in der Klavierstunde schon das erste Foto auf dem Smartphone gezeigt bekommen und die passenden Gl√ľckwunschkarten zur Geburt ausgew√§hlt – kurzum, fast
P1080531tantenm√§ssig nah das ganze freudige Geschehen mitbekommen. Jetzt sind die kleinen Ablegerchen f√ľnf und sechs und haben schon ihr erstens Jahr Klavierunterricht hinter sich. Es g√§be noch einen, der sofort wollte, wenn man ihn liesse, aber er ist erst kniehoch. Er schiesst immer ans Klavier, entert mit einem Elan und auf allen vieren den Klavierstuhl, dass er fast vorne wieder runterkugelt, und will unweigerlich immer „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ spielen (= ich spiele, er spielt ganz taktsicher ein Ostinato, das ich ihm zeige), das er lauthals und sicher mitkr√§ht. Dieser Kleine kam beim Sommerkonzert w√§hrend eines Beitrags wortlos zu mir, w√§hrend ich an der Seite stand, nahm mit seiner kleinen klebrigen Hand meine und blieb brav lauschend so stehen. So viel braver als sonst… Als w√§re ihm klar, dass heute schon Klaviertag ist, aber nicht der passende f√ľr „Fuchs du hast die Gans“. M√∂glicherweise f√§ngt er auch irgendwann mit Unterricht an. Es ist nett zu sehen, welche Kreise die Mundpropaganda zieht, wer befreundet ist oder Nachbarn – das ist ja auch eine Art von Ableger. Mit l√§ngeren F√§den, wie bei den Erdbeeren. Aber diese ganz nahen Ableger, die direkt aus der Mutter wachsen, das ist f√ľr mich was ganz Sch√∂nes.

Und abgesehen von der emotionalen Verbundenheit spart es auch Zeit und Arbeitsabl√§ufe: man kennt sich, hat alle Kontaktdaten, ich kenne meistens das Klavier der Familie, die Noten sind auch schon vorhanden – man kann gleich loslegen, ohne viel reden zu m√ľssen. Alle Versuche, die Familien zu einem anderen Instrument zu √ľberreden, sind vergeblich. Ich weiss nicht, ob es so toll ist, in einem Haus zu wohnen, in dem alle Kinder Klavier spielen ( an manchen Tagen ganz sicher nicht!).

Immerhin weiss ich, was auf mich zukommt und wie clever der Nachwuchs ist. K√ľrzlich hab ich mit einem Sechsj√§hrigen und seinem vierj√§hrigen Bruder Noten – Memory gespielt, und irgendwann st√∂hnte der √Ąltere: „Mann, Sie lassen uns immer gewinnen, das ist witzlos!“ Und ich musste der Ehrlichkeit halber sagen: „Ich lass euch nicht gewinnen, ich kann’s mir einfach nicht merken.“ „Wie ich beim Minusrechnen?“ „Ja, wahrscheinlich.“ Offensichtlich hatte ich sein Mitgef√ľhl, denn in der n√§chsten Runde machte er mich mit un√ľbersehbarem Augenrollen, Kopfnicken und unauff√§llig, aber krampfhaft abgespreiztem kleinen Finger auf ein paar Kartenpaare aufmerksam und half mir, nicht ganz so haushoch zu unterliegen. So unterst√ľtzen wir uns gegenseitig bei unseren Schw√§chen.