Ableger

P1080710Obwohl ich noch gar nicht lange in Wasserburg wohne, kann ich verschiedenen Arten von Ablegern beim Wachsen zuschauen. Kleine Erdbeerkinder an ihren langen Fäden oder dekorative Minirosetten an der Hauswurz sind willkommen, während vieles andere im Garten nicht unbedingt sein müsste. Aber genau das ist in der Überzahl, wie das halt so ist… Besonders nett ist die besondere Art von „Ablegern“, die inzwischen als ganz kleine Schüler zu mir kommen: Geschwister meiner Schüler. Manche sind schon etwas älter und kommen als Ersatz sozusagen, wenn die grosse Schwester ein Schuljahr im Ausland verbringt. Manchmal muss ich mir da die Augen reiben, weil sie einfach wie eine Miniversion der älteren Schwester aussehen und ich beim Unterrichten manches déja-vu habe.

Ganz speziell ist es, wenn kleine Kindchen zu mir kommen, die ich quasi schon vor der Geburt kannte. In den acht Jahren hier habe ich mehrere Schwangerschaften von Schülermüttern mitbekommen, hab sie, wenn sie schon rund und kugelig während der Klavierstunde warteten, mit Erdbeeren und Aprikosen gefüttert, damit das Kindchen gut gedeiht und es ihnen auch gut geht, hab Stunden nach der Geburt von den Geschwistern in der Klavierstunde schon das erste Foto auf dem Smartphone gezeigt bekommen und die passenden Glückwunschkarten zur Geburt ausgewählt – kurzum, fast
P1080531tantenmässig nah das ganze freudige Geschehen mitbekommen. Jetzt sind die kleinen Ablegerchen fünf und sechs und haben schon ihr erstens Jahr Klavierunterricht hinter sich. Es gäbe noch einen, der sofort wollte, wenn man ihn liesse, aber er ist erst kniehoch. Er schiesst immer ans Klavier, entert mit einem Elan und auf allen vieren den Klavierstuhl, dass er fast vorne wieder runterkugelt, und will unweigerlich immer „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ spielen (= ich spiele, er spielt ganz taktsicher ein Ostinato, das ich ihm zeige), das er lauthals und sicher mitkräht. Dieser Kleine kam beim Sommerkonzert während eines Beitrags wortlos zu mir, während ich an der Seite stand, nahm mit seiner kleinen klebrigen Hand meine und blieb brav lauschend so stehen. So viel braver als sonst… Als wäre ihm klar, dass heute schon Klaviertag ist, aber nicht der passende für „Fuchs du hast die Gans“. Möglicherweise fängt er auch irgendwann mit Unterricht an. Es ist nett zu sehen, welche Kreise die Mundpropaganda zieht, wer befreundet ist oder Nachbarn – das ist ja auch eine Art von Ableger. Mit längeren Fäden, wie bei den Erdbeeren. Aber diese ganz nahen Ableger, die direkt aus der Mutter wachsen, das ist für mich was ganz Schönes.

Und abgesehen von der emotionalen Verbundenheit spart es auch Zeit und Arbeitsabläufe: man kennt sich, hat alle Kontaktdaten, ich kenne meistens das Klavier der Familie, die Noten sind auch schon vorhanden – man kann gleich loslegen, ohne viel reden zu müssen. Alle Versuche, die Familien zu einem anderen Instrument zu überreden, sind vergeblich. Ich weiss nicht, ob es so toll ist, in einem Haus zu wohnen, in dem alle Kinder Klavier spielen ( an manchen Tagen ganz sicher nicht!).

Immerhin weiss ich, was auf mich zukommt und wie clever der Nachwuchs ist. Kürzlich hab ich mit einem Sechsjährigen und seinem vierjährigen Bruder Noten – Memory gespielt, und irgendwann stöhnte der Ältere: „Mann, Sie lassen uns immer gewinnen, das ist witzlos!“ Und ich musste der Ehrlichkeit halber sagen: „Ich lass euch nicht gewinnen, ich kann’s mir einfach nicht merken.“ „Wie ich beim Minusrechnen?“ „Ja, wahrscheinlich.“ Offensichtlich hatte ich sein Mitgefühl, denn in der nächsten Runde machte er mich mit unübersehbarem Augenrollen, Kopfnicken und unauffällig, aber krampfhaft abgespreiztem kleinen Finger auf ein paar Kartenpaare aufmerksam und half mir, nicht ganz so haushoch zu unterliegen. So unterstützen wir uns gegenseitig bei unseren Schwächen.

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