Staunen

19. Dezember, 201517:59 von

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DSCF8709Nachdem mich meine kleinen Schüler gnadenlos über die Nicht-Existenz von Nikolaus, Engeln und anderen himmlschen Gestalten aufgeklärt hatten, war ich ein paar Tage doch ernüchtert. Und dachte, die Märchenzeit, die ganz verzauberte Kinderzeit, endet inzwischen wahrscheinlich auch früher als noch in meiner Kindheit. Und dass ich es vielleicht einfach hinnehmen muss.

Aber dann – war ich im Literaturfest MĂĽnchen auf zwei Lesungen fĂĽr „Leser ab neun“. Genau die frĂĽhreife, illusionslose Klientel,  mit der ich so gern zu tun habe. Und was war? Die Bande (und etliche Leser unter neun) hing besonders Franz Hohler mit seiner wunderschönen Weihnachtsgeschichte „Die Nacht der Kometen“ an den Lippen. Es gab Passagen, da hätte man die berĂĽhmte Stecknadel fallen hören können. Wenn ganz besonders Unglaubliches und eigentlich nicht Mögliches passierte. Es lag sicher auch an der grandiosen Erzählerpersönlichkeit des Autors, dass sie ihm atemlos alles abnahmen. Ich hatte den Eindruck, da hätte keiner naseweis gesagt: „Aber das geht nicht. Und den und den gibt’s eh nicht.“ Ganz im Gegenteil. Und mir ging es ganz genau so: die Geschichte hatte einen wunderbaren Sog und ich hatte die vergnĂĽglichste Stunde seit langem. Und durfte feststellen: man ist nie zu alt, um vorgelesen zu kriegen…

Ich war verzaubert. Und schaffte es irgendwie, etwas von dieser Verzauberung in die nächste Unterrichtswoche mitzutragen. Meine kleinen Häretiker wurden auf einmal still und kriegten doch grosse Augen, wenn wir „Maria durch ein Dornwald“ sangen. Und sie wissen wollten, was das in der dritten Strophe soll, das mit den Rosen. Ob das geht, dass aus Dornen noch mal Rosen wachsen. „Ja, wenn jemand ganz Besonderes vorbeigeht, dann kann das passieren.“ Ob das wahr ist. Ob ich das schon mal gesehen habe. Ich erzähle von der totgeglaubten Rose im Garten, die auf einmal doch noch mal grĂĽn wurde und eine wunderschöne BlĂĽte hervorgebracht hat. Direkt hier vor dem Fenster. Und das, ohne dass jemand Besonderes vorbeigegangen ist. „Vielleicht ist ja jemand Besonderes durch deinen Garten gegangen und du hast es nicht gesehen. Vielleicht in der Nacht.“ Das klingt jetzt doch ganz anders als „Der Nikolaus ist der Biobauer“…

Vielleicht sind wir zu beschäftigt, um noch zu staunen? Zu unruhig, abgelenkt, im Kopf bei zwei Sachen gleichzeitig? Man braucht Ruhe im Herzen, um Geheimnisse zu erkennen.

Vielleicht mĂĽssen die Kleinen auch jetzt durch ihre Glaubenskrise durch, ein paar Jahre ganz cool sein, um dann auf ihre mittelalten Tage zu erkennen: ohne Wunder, ohne Staunen und Glauben an Unglaubliches wäre unser Leben ärmer. Eigentlich Unfassbares hinter manchen Ereignissen zu vermuten hilft, Träume zu leben und all zu prosaische Durststrecken zu ĂĽberstehen. Und es kann einem Kraft geben, etwas anzupacken, was einem fĂĽr einen selbst zu gross und schwer zu schultern erscheint. Einfach etwas, was ĂĽber uns hinausgeht… Ob es Engel sind oder Heilige, die in ihrem Leben auf damals wunderbar erscheinende Art anderen zur Seite gestanden sind: warum können wir nicht versuchen, dann und wann auch so zu handeln und heimlich anderen Gutes tun? Daran glaube ich nämlich auf jeden Fall, und deshalb werde ich auch weiterhin meinen Kinderchen gegenĂĽber felsenfest behaupten, dass es den Nikolaus gibt.