Wunder

1. Dezember, 201508:20 von

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P1020880Manchmal werden Kinderchen zu mir gebracht, die schlapp und gummiartig am Arm ihrer Mutter h√§ngen und sich kaum mehr auf eigenen Beinen halten k√∂nnen. Bilder des Jammers.¬†(Fortgeschritten in der Kunst des Simulierens?) W√§hrend sie irgendwo in Nabelh√∂he von Erwachsenen den Kopf h√§ngen lassen, erkl√§ren mir die M√ľtter, dass es XY heute gar nicht gut geht und ob wir es einfach probieren k√∂nnen und wenn es gar nicht geht, soll ich anrufen. Wobei das Kind unsere stumme, aber intensive Augenkommunikatione nicht mitkriegt, die sich durchs ganze Spektrum „weiss auch nicht, was sie heute hat/ bin am Ende mit den Nerven, bitte nehmen Sie mir dieses Kind f√ľr eine halbe Stunde ab/ irgendwas stimmt nicht, aber ich hab einen dringenden Termin, bitte versuchen Sie es“ zieht. Hier handelt es sich um Grundschulkinder – wenn die √§lteren heftigen Weltschmerz oder √§hnliches haben, sagen sie meistens ab. Wor√ľber ich froh bin. An einen verschlossenen Pubertierenden ranzukommen ist ungleich schwerer…

Falscher Weg: Mitgef√ľhl zeigen, das Kindchen bedauern, gar noch fragen, was denn los ist. Wird alles mit Schweigen und noch mehr ins Schneckenhaus- Zur√ľckziehen quittiert.

Neuester, erfolgreicher Trick: Betriebsamkeit vort√§uschen, erst mal in der K√ľche nach Glasreiniger und Mikrofasertuch kruschteln, dem Kindchen erkl√§ren, dass irgendwer heute klebrige Finger gehabt haben muss und wir kurz den Fl√ľgel putzen m√ľssen. Kind kriegt die Sprayflasche und wird gebeten, auf die Tasten zu spr√ľhen. Die meisten sind das grosse Ding nicht gew√∂hnt und spr√ľhen so vorsichtig, dass es nur leicht senkrecht nach unten tropft. „Jetzt noch mal, baller drauf wie James Bond!“ Das gibt schon ein ganz anderes Ergebnis. Und da wir schon dabei sind, machen¬†wir auch noch das Pult und den Deckel und die Seiten sauber, bis der Fl√ľgel strahlt wie am Tag seiner Auslieferung. Das vor ein paar Minuten noch unansprechbar schlappe Wesen hat grossen Spass, lacht sogar mal, m√∂chte mal wieder in den Fl√ľgel reingucken und mit den Fingern√§geln auf den Saiten Engelsmusik machen – und wird wieder ernst: „Hast du schon mal einen Engel gesehen?“ Kleines Pling an den Saiten, beil√§ufiges Gucken. Hm, nein, warum? Weil jeder von Engeln erz√§hlt, aber seine Mama hat noch keinen gesehen und der Papa auch nicht. Und er selber auch nicht. Deshalb – ob ich glaube, ob es √ľberhaupt Engel gibt. Wir reden lang √ľber Engel oder Boten oder einfach gute Wesen, w√§hrend er an den Saiten zupft und mich nicht anschaut. Aber ich bemerke die echte Verst√∂rung, das Schwanken seines¬†Weltbilds. Und dann – das Baby. Ob ich glaube, ob es das Baby gab. Welches Baby? Na, das an Weihnachten, ob ich glaube, dass da echt K√∂nige mit Geschenken gekommen sind. Das geht doch eigentlich nicht. O wei. Wir reden, so lange er das m√∂chte. K√∂nnen die brennenden Fragen √ľberhaupt nicht kl√§ren (√úberraschung), und er ist ohnehin ein in sich gekehrter Gr√ľbler. Das wird ihn noch lange besch√§ftigen (Jahrzehnte?!), aber pl√∂tzlich: „Ich kann „Kommet ihr Hirten“ mit beiden H√§nden, willst du es h√∂ren?“ Und wir haben eine wunderbare restliche Klavierstunde, nach der er seiner Mutter entgegen rast und von einem Fuss auf den anderen h√ľpfend erz√§hlt, dass wir noch ein Weihnachtslied angefangen haben. Und alles scheint wieder gut zu sein… Der Glasreiniger scheint mehr als das Klavier gekl√§rt zu haben, oder zumindest √§usserlich in Ordnung gebracht zu haben.

DSCF7916Wenn ich l√§nger dr√ľber nachdenke, f√§llt mir auf, dass kaum ein Alter statisch oder in zwei Worten fassbar ist. Irgendwie sind diese kleinen Seelen st√§ndig im √úbergang. Und schon wieder im n√§chsten. Bevor ich so viel mit j√ľngeren Kindern zu tun hatte, dachte ich, es gibt halt fr√ľhe Kindheit, Grundschulkindheit und dann die ganz grosse Umw√§lzung der Pubert√§t. Jetzt sehe ich, wie unendlich viele Abstufungen es gibt, die man ber√ľcksichtigen sollte. Und dass sie bei jedem Kind zu einer anderen Zeit beginnen. Und auch nicht unbedingt in der gleichen Reihenfolge auftreten. Ich muss meine Sch√ľler fast monatlich neu „vermessen“, um zu verstehen, wo sie grade sind und was sie brauchen. Wenn Wackelz√§hne mitten in der Klavierstunde ausfallen, ist das ein Zeichen daf√ľr, dass noch mehr im √úbergang ist. Das bisschen Blut ist weniger schlimm als die Seelenqualen, wenn sie mich fragen, ob ich schon mal einen Engel gesehen habe. Und wenn mir das gleiche kleine Menschlein cool weismachen will, dass es den Nikolaus nicht gibt, sehe ich, dass grade das ganze Weltbild im Schwanken ist. Manche machen es mit sich selber aus, andere wollen fast die ganze Klavierstunde dr√ľber reden und ich bin mir der Verantwortung bewusst, dass, was ich antworte, eine Wirkung haben¬†kann.

Kinder merken sofort, wenn sie verschaukelt oder nicht ernst genommen werden. Da bleibt nur: aufrichtig und nach bestem Wissen und Gewissen¬†zu antworten. Aber heimlich w√ľnsche ich mir, dass jeder so lange wie m√∂glich im Zustand des Wunderns bleiben kann. Oder sich irgendwo in seinem Herzen die F√§higkeit bewahrt, an eigentlich unglaubliche¬†Dinge zu glauben. Das w√§re doch das Sch√∂nste, was wir Kindern mitgeben k√∂nnen.

P.S.: Wie immer kommt der Kn√ľller am Nachmittag, nachdem ich einen Blogartikel ver√∂ffentlicht habe: da hat mir tats√§chlich eine Neunj√§hrige erz√§hlt, dass der Nikolaus letztes Jahr der Biobauer war. Zu erkennen an den Gummistiefeln.

Jetzt bin ich von uns allen die letzte, die an den Nikolaus glaubt.