Modernitätsmüde

25. Mai, 201416:42 von

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Wahrscheinlich nimmt mir niemand ab, dass das Leben als Klavierlehrerin in der Provinz, ohne Kinder und mit einer braven Katze, zuweilen richtig anstrengend ist. Aber so ist es – gäbe es nur das Klavier und die Katze, wäre es sicher nicht so schlimm, aber wie jeder andere Mensch stecke  ich in einem Geflecht aus Beziehungen und menschlichen Verbindungen, die unterschiedlich viel Aufmerksamkeit und Pflege bedürfen. Und trotz bester Vorsätze und der enorm vielen Ferien kommt es immer wieder vor, dass ich mich in den Wochen davor unversehens in einen Zustand steigere, der dann nicht mehr schön ist. In dem ich nur noch funktioniere und manchmal atemlos organisiere, telephoniere, voller Schreck bemerke, dass ich doch die Vorbereitung eines Termin übersehen habe und einem Schüler ein Stück aus der falschen Epoche für sein Vorspiel aufgegeben habe (und er es dann ausbaden muss durch Turbo-Mehrüben… was sich zu einer unbeabsichtigten Lektion für uns beide in effektivem und produktivem Üben auswächst. Manchmal ist so ein bisschen Zeitdruck auch hilfreich!)

Was auch zu dieser Hirnwirbeligkeit beiträgt, ist für mich auf jeden Fall die Informationsflut, die ständig auf mich einprasselt, und das Verlangen nach sofortiger Verfügbarkeit per Telephon, Mail, am besten noch Handy, die inzwischen jeder von einem erwartet (Dabei bin ich als handyloser Mensch noch gut dran. Ich fürchte, es würde mich auch komplett verrückt machen, wenn noch ein Gerät zum Beantworten in meinem Leben wäre.). Allein wenn ich morgens mein Mailfach öffne und später ins Infoportal der Schule schaue, fühle ich mich schon niedergebügelt von allem, auf was ich möglichst sofort reagieren soll.

Und so kristallisierte sich zum Osterferienbeginn ein Wunsch heraus: mich auf ganz altmodische Art wieder freier zu fühlen und aus allem etwas zurückzuziehen. An der Menge der Daten und Erwartungen an mich kann ich nichts ändern, aber an meiner Art, damit umzugehen. Einmal dadurch, dass ich einfach weniger oft schaue, was wieder angekommen ist, und dann damit, sich ruhig ein paar Tage Zeit zum Antworten zu nehmen. Briefe hab ich früher ja auch nicht beantwortet, sofort nachdem ich sie aus dem Kasten genommen und den Brieföffner grade weggelegt habe, oder?

An Werktagen schaue ich morgens in meine Mails, während der Kater plus Gäste frühstücken und ich den ersten Tee trinke. Für den Rest des Tages ist der Computer aus – ein Zustand, von dem die meisten Menschen ohnehin träumen. Aber normalerweise bleibt es nicht dabei, nur die Mails anzuschauen, wie jeder weiss, und während man Noten für Schüler sucht oder Hotels nachguckt, fluten unwillkürlich jede Menge an Eindrücken und Bildern auf einen ein. Und während ich dann übe oder Wäsche aufhänge, merke ich, wie sich diese Gedankenstränge weiterentwickeln und mich von dem ablenken, mit dem ich mich eigentlich beschäftigen wollte. Auslöser für den heilsamen und entspannenden Entschluss, zwei Mal fünf Tage komplett auf den Computer zu verzichten, war ein Hotelllink (!), den mir mein Bruder schickte, für ein aufwendig gestaltetes Hotelprojekt in Italien, das sich der Entspannung durch Entschleunigung verschrieben hat. Die Gäste zahlen eine Menge dafür, keine Internetverbindung zu haben. Und da dachte ich mir: das kann ich auch haben! Und da war er, der Entschluss, einfach mal nicht verfügbar zu sein. Die Art der Informationen, die ich an mich ranlasse, noch besser zu filtern. Mehr Kontrolle zu übernehmen, wie und ob ich mit verschiedenen Medien umgehe. Und einfach mal wieder auf die ganz altmodische Art zu leben – so wie vor zwanzig Jahren ungefähr…

Damals war die anfassbare Donnerstags- oder Wochenendzeitung meine Art, mich zu informieren, und dieses Ritual wurde mit viel Gewinn wieder eingeführt. Geht es nur mir so, oder liest man einzelne Artikel konzentrierter und ausdauernder, weil man schliesslich dafür bezahlt hat? Am Computer klicke ich schnell weiter, wenn es uninteressant wird, habe dann aber hunderttausend Gedankensplitter im Kopf und weiss eigentlich gar nichts. Und gleich bei der ersten Lektüre fand ich eine Beschreibung für meinen Zustand: ich bin offensichtlich „modernitätsmüde“. Ja. Das ist es. Und das wurde mein Motto für die Osterferien – der Modernitätsmüdigkeit durch gezielt altmodische Aktionen vorzubeugen und möglichst nichts zu benutzen, was ein Stromkabel braucht (das E-Piano fürs abendliche Rekapitulieren war die erlaubte Ausnahme – wegen der Nerven der Nachbarn…) oder was man nicht anfassen kann. Also weg aus der virtuellen Welt in die echte.

Und deshalb habe ich mich an den vielen strahlenden und blütenduftenden Morgen, die es in den Ferien gab, oft als erstes mit dem Kater an den Teich gesetzt und einfach nur den Fischen zugeschaut, mit der Morgensonne auf dem Rücken und dem glücklich fischezählenden Katzentier vor mir. Und passend zum Ferienanfang kam ein Päckchen aus Japan von einer alten Freundin mit grünem Tee, einem Behälter dafür und dem Hinweis: „Please drink tea under your cherry tree and feel like in Japan.“ Wurde erledigt, mehr als einmal, während wirklich die zartrosa Kirschblüten auf mich rieselten. Und das Tongefäss, das vom Stil her weder in unsere Küche noch aufs alte Büffett passt, harmoniert wunderbar mit dem E-Piano aus dem gleichen Land und der Wandfarbe oben, und deshalb steht es jetzt dort, wo normalerweise Notenstapel lagen. Und es erstaunt mich immer wieder, wie befriedigend es ist, so eine harmonische und ausgewogene Form beim Üben vor Augen zu haben. Und wie gut es tut, sich im wirklichen, greifbaren Leben verwurzelt zu fühlen.

Passend dazu habe ich zum ersten Mal Anne Morrow Lindberghs „Muscheln in meiner Hand“ gelesen – die perfekte Lektüre für so eine Auszeit! Mit folgendem Zitat will ich schliessen – es ist gleichzeitig mein Vorsatz für die letzten Schulwochen:

„Das Leben der modernen Frau tendiert immer mehr zu jenem Zustand, den William James so treffend mit dem deutschen  Wort „Zerrissenheit“ bezeichnet. Sie kann nicht in ewiger Zerrissenheit leben. Sie wird in tausend Stücke zerspringen. Sie muss im Gegenteil bewusst jene Bemühungen unterstützen, die den zentrifugalen Kräften der heutigen Zeit Widerpart bieten: die Bemühungen um ruhige, besinnliche Stunden allein, Gebet, Musik, systematisches Denken, Lesen oder Studieren. Jedes schöpferische Leben, ob physischer, intellektueller oder künstlerischer Natur, das den eigenen Bedürfnissen entspringt, ist dazu angetan. Es muss weder eine anspruchsvolle Aufgabe noch ein bedeutendes Werk sein. Aber es sollte von einem selbst sein.“