Es lebe die Tonleiter!

11. Oktober, 200919:42 von


Die sch├Ânsten Momente in den letzten Schulwochen waren die Minuten vor Unterrichtsbeginn, wenn ich im Erdinger Gymnasium meine Sachen ordnete und in den ├ťbezimmern nebenan meine beiden Abiturientinnen Elisabeth und Anna sich munter und flott durch den ganzen Quintenzirkel spielten. Gleichzeitig, aber in verschiedenen Zimmern. Sie wussten nicht, da├č ich sie h├Ârte, und ich musste immer wieder innehalten, um zuzuh├Âren und um gl├╝cklich zu sein, weil sie freiwillig fr├╝her kamen, sich freiwillig derartig einspielen und wohl sp├╝ren, da├č es ihnen geistig und k├Ârperlich guttut. Elisabeth brauchte die Tonleitern f├╝r ihre Aufnahmepr├╝fung (in diesen Tagen wird sie ihr Musikstudium aufnehmen), und ich war einfach zufrieden und begl├╝ckt, da├č ich beide mit einer so gepflegten Technik ins Leben und zu anderen, besseren Lehrern entlassen kann. Und dieses lockere in-den-Fingern-haben und Beherrschen eines┬ázwar bescheidenen, ┬áaber doch wichtigen Kulturguts war f├╝r mich symbolhaft f├╝r den Punkt, an dem sie┬ájetzt angekommen waren: die Abiturpr├╝fungen hinter sich, viel Wissen in sich und an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt. Doch leider ist es nicht immer so, da├č Tonleitern so gerne und beschwingt gespielt werden. Nachdem ich gestern bei den freiwilligen Leistungspr├╝fungen in der Musikschule viele, viele Tonleitern h├Âren durfte und mit Kollegen und Eltern dar├╝ber diskutierte, mu├č ich ein paar Gedanken zum Skalenspiel loswerden. Wie kann es sein, da├č eine so simple und selbstverst├Ąndliche Sache so viele Fragen aufwirft?

Es ist eine traurige Tatsache, da├č Tonleitern allgemein unbeliebt sind. Viele Eltern oder andere, die fr├╝her Klavierstunden hatten, erz├Ąhlen, da├č es ihnen Spa├č machte, bis sie diese furchtbaren Tonleitern spielen mussten – „mein Daumen war immer zu laut“ oder „ich konnte nie beide H├Ąnde gleichzeitig“ sind die h├Ąufigsten Kommentare. Stumpfsinniges, stundenlanges Tonleiterspiel erinnert auch an die Zeit der ber├╝chtigten „schwarzen“ Klavierp├Ądagogik im 19. Jahrhundert, von der wir uns als aufgekl├Ąrte Menschen nat├╝rlich distanzieren.┬á┬áAber woher kommt der schlechte Ruf dieser harmlosen ├ťbung?┬á┬áM├Âgen wir Klavierlehrer am Ende die Tonleitern auch nicht und vermitteln deshalb ein schlechtes Bild? Oder haben wir Angst davor, weil sie eines der wenigen Mittel sind, anhand derer man das K├Ânnen oder den Fortschritt eines Sch├╝lers objektiv messen kann?

Eine sch├Âne gespielte Tonleiter kann ein wunderbarer Start in einen erfolgreichen ├ťbetag sein. Man registriert seine k├Ârperliche Verfassung, merkt, ob man vielleicht noch ein bi├čchen m├╝de ist oder ob die kleinsten Muskeln schon hellwach sind, registriert auch die Verfassung des Klaviers – hat sich der Regen in der Nacht oder der hei├če Tag gestern auf die Mechanik ausgewirkt? Kurzum, es ist eine wichtige Bestandsaufnahme, und wenn man die ├ťbung etwas ausweitet, einfach perfekt, um sich geistig und k├Ârperlich zu sammeln und aufzuw├Ąrmen. (F├╝r mich steht in den letzten Jahren die Sammlung im Vordergrund – bei einem so vollen Leben und mit so viel Pl├Ąnen und Ideen f├╝r den jeweiligen Tag im Kopf brauche ich tats├Ąchlich Zeit, um am Klavier anzukommen. Fr├╝her war das nicht so!)┬á Und was spielen weltber├╝hmte Geiger, die die gesamte Literatur in den Fingern haben, wenn sie ein unbekanntes Instrument ausprobieren? Eine Tonleiter, oft sogar eine langsame, um wirklich alle Farben und M├Âglichkeiten der Geige zu ersp├╝ren und zu h├Âren!

Als Kind und Jugendliche durfte/musste ich alle Tonleitern spielen, jahrelang rauf und runter, und die Dreikl├Ąnge auch noch dazu. Ich bin meiner Lehrerin dankbar daf├╝r, denn ich zehre heute noch von den Fertigkeiten, die ich damals entwickelt habe, und ich bin auch sicher, da├č es sich positiv aufs Blattspiel auswirkt. Im Methodikunterricht an der Hochschule legte Frau Prof. Thauer ebenso viel Wert auf sch├Ân gespielte Tonleitern – der w├Âchentliche Unterricht unserer Lehrprobensch├╝ler begann immer mit einer Tonleiter, bei der wir uns mit rhythmischen oder Artikulations├Ąnderungen einige Minuten aufhielten. Denn abgesehen vom theoretischen R├╝stzeug, das man beim Skalenspiel mitbekommt, kann man sich bei diesen leichteren, immer gleich bleibenden ├ťbungen sehr gut um Hand- und K├Ârperhaltung k├╝mmern und die Aufmerksamkeit des Sch├╝lers auf eventuelle Fehlhaltungen lenken.

Daher sind Tonleitern auch in meinem Unterricht ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer soliden Technik. Ich beginne mit den Anf├Ąngern mit F├╝nfton├╝bungen in verschieden Tonarten. Diese ├ťbungen sind sehr gut, um sich auf dem Klavier zu orientieren, die ersten Vorzeichen kennenzulernen, und nat├╝rlich, um eine gute Handhaltung und Kraft in den Fingern zu entwickeln. Wir spielen sie spiegelbildlich vor und zur├╝ck oder in die gleiche Richtung, dann staccato und legato oder mit unterschiedlichen Rhythmen. Falls Murren oder Langeweile aufkommt, lasse ich die Sch├╝ler w├╝rfeln, wie oft eine ├ťbung gespielt wird – ein Urteil, das ohne Diskussion akzeptiert wird und besonders im Gruppenunterricht zu „nochmal, nochmal!“ f├╝hrt. Sind die Kinder fit in diesen kleinen ├ťbungen, gehen wir allm├Ąhlich zu einer ganzen Tonleiter ├╝ber, die wir am Anfang wegen der gleichen Fingers├Ątze spiegelbildlich spielen. Erst wenn sich das gesetzt hat┬á und mehrere Tonarten bekannt sind – es kann Monate oder Jahre┬ádauern – , beginnen wir mit der „schweren“┬á Tonleiter in eine Richtung ├╝ber zwei Oktaven. Mit der erw├Ąhnten Vorarbeit ist es jetzt gar nicht mehr schwer, vor allem, wenn die Sch├╝ler unvoreingenommen an die Sache herangehen und noch nichts Negatives ├╝ber Tonleitern geh├Ârt haben. Und dann begleiten uns die Tonleitern mehr oder weniger freiwillig ┬ájahrelang, mit viel Nutzen f├╝r brillante Stellen in Sonaten oder klar artikulierte L├Ąufe in Bachs „Franz├Âsischen Suiten“. Und falls wieder der ber├╝hmte Er├Âffnungssatz kommt: „Ich konnte nicht ├╝ben, weil sich mein Hamster ├╝bergeben hat“, kann man m├╝helos eine ganze Klavierstunde mit sch├Ân und liebevoll gespielten Tonleitern verbringen und hat als Lehrer noch das gute Gef├╝hl, den Sch├╝ler durch dieses Sondertraining ein St├╝ck weiter gebracht zu haben.

Als ich meine sechs Sch├╝ler im April zur Pr├╝fung anmeldete,┬ámachte ich mit ihnen aus,┬áda├č die Tonleitern wie gewohnt mit beiden H├Ąnden ├╝ber zwei Oktaven gespielt werden und im Anschlu├č daran die Arpeggien folgen. Obwohl die Musikschule f├╝r dieses Jahr die Bedingungen noch dahingehend lockerte, da├č man auch einstimmig h├Ątte spielen k├Ânnen, blieb ich dabei, denn schlie├člich konnten es alle schon so. Und mit der langen Vorbereitungszeit war┬áes f├╝r keinen ein Problem. Mir war auch wichtig, da├č die Tonleiter nicht nur runtergerattert wird, sondern┬áals kleines musikalisches Ereignis pr├Ąsentiert wird, mit┬ábewu├čtem Anfang und sch├Ânem Schlu├č und einem kleinen cresc. – decresc. dazwischen. Es sieht einfach professioneller aus, wenn man auch so einen kleinen Teil der Pr├╝fung ernst nimmt und so sch├Ân wie m├Âglich spielt, und ich mu├č sagen, da├č meine Sch├╝ler gestern schon┬ásehr nah an diese Wunschvorstellung herankamen. Ich bin oft genug in Juries gesessen, um zu wissen, da├č es gewisse Erm├╝dungsphasen gibt, wenn man sieben Stunden lang gleichaltrige Kinder┬ádie gleichen Pflichtst├╝cke┬áspielen h├Ârt, und wenn sich jemand bei Kleinigkeiten wie dem Auftreten, dem Begr├╝ssen oder dem sorgf├Ąltigen Absolvieren von Pflicht├╝bungen M├╝he gibt, ist das immer eine gro├če Freude. Und f├╝r die Sch├╝ler, denke ich, auch ein Gewinn und ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Wer zeigt, da├č er solche vielleicht ungeliebten Kleinigkeiten ernst nimmt und gut abliefern kann, dem kann man auch verantwortungsvollere Aufgaben anvertrauen.

(ver├Âffentlicht in „Pianonews “ 6/2010)