Lila

7. November, 201408:27 von

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DSCF7811In den Herbstferien beschliesse ich, mein Schreibzimmer neu zu streichen. Macken und Abriebspuren an den W├Ąnden geh├Âren l├Ąngst ├╝bermalt, und als ich in den Baumarkt fahre, ist mir klar, dass ich einen Kompromiss zur bestehenden Farbe brauche. Die gleiche werde ich nicht mehr finden, und das ganze Zimmer will ich nicht streichen. Mit Dunkelrot oder einem hellen Beige im Sinn fahre ich los – mit einem Eimerchen Pflaumenlila komme ich wieder. Es hat mich magisch angezogen. Eigentlich ist es eine wundersch├Âne Farbe, aber nach dem ersten Pinselstrich bin ich best├╝rzt und schockiert und denke nur: was mache ich da?! Noch kann ich aufh├Âren!

Aber dann f├╝hle ich mich so eingeh├╝llt und gew├Ąrmt von der Farbe, dass ich in den freien Tagen mehr vom Zimmer streiche, als ich vorhatte. Es wird viel dunkler, als ich denke. Aber ein Abend in der Oper in der opulenten Farbenpracht der „Ballets russes“ und ein Besuch in der Stuckvilla best├Ąrken mich: es darf ruhig auch mal d├Ąmmrig sein, ├╝ppig┬á und kostbar. Kleine goldene byzantinische Kacheln verkneife ich mir (noch…), aber jetzt d├╝rfen goldene Bilderrahmen her. Und nat├╝rlich andere Vorh├Ąnge.

Dieses verr├╝ckte Lila hat eine unerwartete Eigendynamik. Eines Abends setze ich mich an den Schreibtisch, z├╝nde eine Kerze vor meiner in dunkler Farbf├╝lle strahlenden Wand an, ├Âffne den Laptop und schreibe wie eine Wilde. F├╝nf Tage lang h├Ąlt dieser Zustand an, bis der Computer fast raucht. Ich kenne mich selbst nicht wieder, hatte gar keine Ahnung, dass diese Geschichten raus m├╝ssen, sehe am unabl├Ąssigen Strom, dass genau jetzt die Zeit zum Schreiben ist. Und ich kann eindeutig sagen: daran ist das Lila schuld.

Spontane und f├╝r alle sichtbare Ver├Ąnderungen wie ein neuer Haarschnitt oder eine neue Wandfarbe bedeuten oft, dass man etwas Altes zu Ende gebracht hat und Lust auf etwas ganz Neues hat. Bei mir gibt es keine konkreten Ereignisse, aber im Gewirr des immer verflochtener werdenden Lebens war es anscheinend n├Âtig, dass ich durchs Schreiben einiges ordne und anerkenne. Akzeptiere und mich nicht mehr aufrege ├╝ber Dinge, die ich f├╝r verkehrt oder ver├Ąnderungsw├╝rdig gehalten habe.

Zum Beispiel das Durchschlafen. Ich schlafe seit Jahren nicht mehr durch – gef├╝hlte 350 Tage im Jahr bin ich nachts hellwach, und es regt mich auf (und hindert mich am Wiedereinschlafen.) Vor einiger Zeit habe ich beschlossen: dann schlafe ich eben in Etappen. Und mein Schlafdefizit hole ich irgendwann nach, sp├Ątestens im Sarg. Seit ich mir gestatte, Licht zu machen und wach zu sein, ist alles einfacher. Entweder hole ich mir ein Glas Rotwein und den tragbaren CD-Spieler mit Rubinstein ins Bett, oder ich lese die richtig komplizierten Sachen. Zu keiner anderen Zeit scheint mein Geist so wach zu sein wie zwischen drei und f├╝nf morgens, also nutze ich diese Zeit.

Oder komplexe, traurige oder aufw├╝hlende Gef├╝hle, die eine Konstante im Leben zu werden scheinen: ich k├Ąmpfe nicht mehr dagegen an. Ich verlange nicht mehr von mir, dass ich immer gutgelaunt, unbeschwert und sonnig bin, denn das bin ich nicht und kann es nicht sein, ohne mir Gewalt anzutun. Es gibt einfach Trauer in meinem Leben oder sonstige tiefsitzenden┬ákomplizierten Gef├╝hle anderen Menschen gegen├╝ber, mit denen man irgendwie klarkommen muss. Indem ich ihnen ins Gesicht schaue und sie anerkenne, nehme ich ihnen viel von ihrem Stachel. Und kann tats├Ąchlich ein St├╝ck unbeschwerter werden, auch wenn die Wolken nie ganz weggehen. Es ist leichter, diese Regungen ins Leben zu integrieren, als gegen sie anzuk├Ąmpfen. Tats├Ąchlich kann man sie wie alte Bekannte begr├╝ssen, wenn sie wieder ihren strubbeligen, scheusslichen Kopf heben. Und sie sind einfach Teil von mir. Machen mich zu einem gewissen Grad auch aus. Vielleicht w├╝rde ich mich gar nicht mehr wiedererkennen ohne sie? Vielleicht geh├Ârt es zum Prozess des immer noch Erwachsenwerdens dazu?

Das Gute daran, seinen Geistern in die Augen zu schauen, ist auch, dass man versteht: ohne Dornen gibt es keine Sch├Ânheit. Manchmal geht es einem nicht so toll, aber wenn dann mal alles wirklich unbeschwert und sch├Ân ist, kann man das Leben ganz anders geniessen, weil man weiss: das ist grade die Kehrseite – was f├╝r ein Gl├╝ck, dass ich da sein darf!

Was f├╝r ein Gl├╝ck, dass ich ein lila Zimmer haben darf…