Wieder im Alltag (oder: vom Inn an den Inn)

6. Oktober, 201408:27 von

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DSCF7560Auch wenn viele dem vergangenen Sommer wettermĂ€ssig kein gutes Zeugnis ausstellen – ich habe das GefĂŒhl, er war lang und strahlend wie selten. FĂŒr mich begann er schon Anfang Juni mit wunderbaren AusflĂŒgen ins schönste Wetter. Die Fotos zeigen, dass der Himmel dauerblau war. Ebenso im Juli, in dem auch jedes Schönwetterwochenende genutzt wurde. Und ĂŒber den August in Rom muss man kaum sprechen. Ich hab meinem Autole viele Kilometer abverlangt und einfach bewusst das Draussensein und Wegsein gesucht und genossen. Dass mir der Sommer gefallen hat, ist sicher eine subjektive Wahrnehmung. Aber ich hab so viel Sommer pur erlebt, dass mein Herz jubiliert beim Anblick des feuchten Morgennebels im Garten. Und am Inn. Und dem ganzen nassen GrĂŒn um uns hier, der fast greifbar nassen Luft, dem stĂ€ndigen leisen GerĂ€usch von NĂ€sse, die von BĂ€umen tropft. Und merke: das ist es. Das entspricht meiner Natur. Hier bin ich zuhause.

Besonders deutlich wurde diese Überzeugung, als ich am Wochenende vor Schulanfang die dreissig Kilometer flussabwĂ€rts nach Au am Inn fuhr. Ich hatte um 17 Uhr ein Konzert in der dortigen Klosterkirche, aber unversehens hatte sich Besuch angesagt. Und ich muss sagen: es fiel mir schwer, an diesem regnerischen Tag die nette Gesellschaft zu verlassen, die bei brennenden Kerzen, Pflaumenstreuselkuchen und dem ersten GewĂŒrzkuchen des Jahres bei uns sass. Weil ich Angst hatte, dass vom Kuchen nichts fĂŒr mich ĂŒbrigbleibt. Und weil ich gar nicht gern Orgel spiele. Und weil es regnete…

Ich fuhr mit gemĂ€chlich winkendem Scheibenwischer durch den Nieselregen. Die Strasse schlĂ€ngelte sich durch ĂŒppig grĂŒne, nasse Wiesen und die Gegend wurde immer einsamer.  Als nur noch einzelne Bauernhöfe auf den HĂŒgeln lagen, spĂŒrte ich, wie sich mein Herz regte. Und sich freute ĂŒber den Regen, das GrĂŒn, die Stille und Ruhe um mich. Es war wirklich ein Ankommen und Nach-Hause-Kommen nach den vielen Fahrten des Sommers.

DSCF7569Und was auch nett war: in den letzten Wochen hatte ich so oft irgendeine wunderschöne Kirche als Ziel – als Touristin. Und kenne die Vorfreude, wenn man um die letzte Biegung fĂ€hrt und vielleicht die TĂŒrme vor sich auftauchen sieht. Das Kloster Au liegt ja extrem malerisch am breiten Inn und die charakteristischen TĂŒrme heben sich deutlich von den Wiesen drumherum ab. Und diesmal war es so ein anderes GefĂŒhl. Schon auch Vorfreude, was Schönes zu sehen, aber auch das Bewusstsein: da wird jetzt gearbeitet. In dem Raum, den andere besichtigen, darf ich mich jetzt aufhalten und spielen. Muss nicht wie in Admont fĂŒnf Euro fĂŒr eine Fotoerlaubnis zahlen, obwohl die Kirche ein Ă€hnliches helles Rokokojuwel ist. (Typisch, dass man dann keine Kamera dabeihat, oder?) Darf oben auf dem uralten Rotmarmorboden der umlaufenden Galerie wandeln, ohne dass ich zurĂŒckgepfiffen werde – weil es nur so zur Orgel geht. Darf den ganzen grossen Raum mit Musik erfĂŒllen und so schon mal anfangen, die FĂŒlle an Schönem, die noch auf meiner Netzhaut flimmert, zu verarbeiten. (Denn ich bin ein furchtbar optischer Mensch und kann Schönes nicht einfach ablegen und einsortieren – ich muss es in meiner Musik weiterverarbeiten. Und grade besteht hier ein Überhang. Das betrifft völlig verschiedene EindrĂŒcke: die dĂ€mmrig-goldglĂ€nzende Schönheit von S. Andrea della Valle, die einen wie ein Vorgeschmack aufs Paradies einhĂŒllt. Aber auch das StĂŒck Himbeer-Schokotorte in einem TerrassencafĂ© vor der grĂŒnen Salzach und den verschiedenen Kuppeln der Salzburger Altstadt – was fĂŒr Farben!)

DSCF7557Und die Orgel in Au ist ein richtig feines Meisterinstrument. Nicht eins der furchtbaren Schlachtrösser, die ich auch schon kennenlernen durfte und die meine Motivation, mich nĂ€her damit zu beschĂ€ftigen, gedĂ€mpft haben. Ich hab selten so einen Farbenreichtum erlebt und so viele Möglichkeiten, durchs Registrieren fein abzuschattieren, und sie sprach hervorrragend an – das gibt es auch selten. Weil ich mir bei solchen Gelegenheiten extra viel Einspielzeit gönne, konnte ich einfach zum VergnĂŒgen mein gesamtes Repertoire vom 2. Band Wohltemperiertes Klavier, den ich dabei hatte, auf diesem „Klavier“ ausprobieren, auch mit dem guten GefĂŒhl: hier wĂŒrde sich niemand im Grabe umdrehen – war er doch selber so ein Bearbeiter und Umwandler. Und das war mal wieder sehr spannend, wie auch auf dem Cembalo – dass Aktionen, die auf einem Manual viel Kopfzerbrechen bereiten, auf zweien praktisch ein Kinderspiel sind.