Alles hat seine Zeit

28. November, 201209:32 von

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In diesen feuchten Nebeltagen ist es die reinste Freude, morgens am Inn zu spazieren. Ich liebe es, wenn alles grau in grau ist, kristallene Wassertropfen an leicht mit Frost ├╝berzogenen Spinnennetzen h├Ąngen und man kaum unterscheiden kann, wo die Wasser- und die Nebelfl├Ąche sich treffen. Oder gehen sie in einem v├Âllig aufgel├Âsten feuchten Zustand ineinander ├╝ber? Wenn die Konturen so unscharf sind, wirkt der Seitenarm des Inns mit seinen wild ├╝bereinander gest├╝rzten B├Ąumen, die einfach liegen bleiben d├╝rfen, und den sich schr├Ąg in den Himmel streckenden ├ästen wie ein urzeitlicher Urwald, den seit Jahren kein Mensch mehr┬ábetreten hat.

Ich geniesse es, auf dem Hinweg in die Stadt die silbergraue Nebellandschaft nur mit ein paar Wasserv├Âgeln zu teilen.┬áNachdem┬áich meine Eink├Ąufe erledigt habe und zur├╝cklaufen will, freue ich mich aber genau so, unseren Nachbarn zu sehen, der am Stauwerk auf mich wartet. Normal laufen wir immer in entgegengesetzte Richtungen, wechseln ein paar Worte und bedauern es, dass wir nicht den gleichen Weg haben. Heute haben wir Gl├╝ck und gehen beide stadtausw├Ąrts. Unser Nachbar ist eine Seele von Mensch. Ungef├Ąhr 35 Jahre ├Ąlter als ich,┬ástrahlt er┬áeine ruhige Gelassenheit und Lebensweisheit aus, die wohltuend ist. Kennengelernt haben wir uns, weil ich es nicht vermeiden konnte, meine Nase ├╝ber seinen Gartenzaun zu stecken. Er hat weit und breit die ├╝ppigsten, ges├╝ndesten Rosen, und anfangs haben wir uns nur ├╝bers G├Ąrtnern unterhalten und er hat┬ámir in r├╝hrender Weise Ableger seiner Christrosen gebracht oder besondere Zwiebeln, die er auf einer Gartenschau gesehen hat. Dann hat sich herausgestellt, dass er sich sehr f├╝r klassische Musik interessiert. Seither gehen wir mit ihm und seiner Frau in Konzerte und einmal im Jahr in die Oper, und wenn wir beide uns sehen, nutzen wir das Fachwissen des jeweils anderen und quetschen ihn wieder ├╝ber irgendwas aus. So auch heute: ich m├Âchte von ihm wissen, mit was er seine Rosen angeh├Ąufelt hat und warum er alle so stark zur├╝ckgeschnitten hat und ob ich das mit meinen Kletterrosen lieber nicht machen soll, und er erz├Ąhlt von einer Sendung zu Barenboims 70. und fragt, wie man im Rachmaninoff g-moll-Konzert so schnell spielen kann, bzw. an was man da noch denkt und auf welche Hand man schaut und wie das ├╝berhaupt m├Âglich ist. Dann beginnt er, von neuen CDs zu erz├Ąhlen, und allein vom Zuh├Âren f├╝hle ich mich ├╝berrollt und ├╝bers├Ąttigt und sage es ihm auch. Je l├Ąnger ich lebe, desto mehr habe ich das Gef├╝hl, die Zeit reicht nicht f├╝r alles, was ich noch lesen, anh├Âren, spielen, kennenlernen und sehen will. Und wie gef├Ąhrlich und anstrengend ich es in letzter Zeit finde, sich mehr in ein Thema zu vertiefen und┬áimmer weitere Kreise um einen Punkt zu ziehen, weil dabei anderes auf der Strecke bleibt und man beim Einkreisen schnell vom hundertsten┬áins tausendste kommt, wenn man nicht aufpasst. Allein wenn ich an mein privates Leseprojekt denke, englische Literatur kennenzulernen, die zwischen 1926 und 28 entstanden ist – meine G├╝te! Und wenn man es ausdehnen w├╝rde auf 1922 bis 28, h├Ątte man Stoff f├╝r ein ganzes Semester. Oder ein ganzes Leben. Oder,┬áwovon ich schon lang tr├Ąume: Joyce, Proust und Woolf direkt gegen├╝berzustellen. Ich hab sie im Abstand von Jahren gelesen, aber mich juckt es in den Fingern,┬á bestimmte Passagen parallel zu lesen. Und dann kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man sp├╝rt, dass man sich bewusst beschr├Ąnken muss. Aldous Huxley muss einfach warten, und die f├╝nf Mitford-Schwestern sind schon aufgrund ihrer Anzahl eine Art kleiner Zeitbombe, die den Rahmen sprengen w├╝rde. Und ich weiss: wenn ich mit einer anfange, f├╝hrt das unweigerlich zur n├Ąchsten…

Harold Knight, A Window in St John's Wood / Persephone Books

Harold Knight, A Window in St John’s Wood / Persephone Books

Unserem Nachbarn erkl├Ąre ich meine Bedenken nicht so detailliert, aber er versteht, was ich meine, und sagt „Sie m├╝ssen sich das so vorstellen: Ihre Seele ist wie ein grosses Gef├Ąss.“ Hier f├╝hrt er mit beiden┬áH├Ąnden ausufernde Bewegungen vor seinem K├Ârper aus, die mich unwillk├╝rlich an eine der schlammgr├╝nen Komposttonnen denken lassen, die man jetzt immer in G├Ąrten sieht. „Und Sie k├Ânnen nur in einem begrenzten Mass was reinf├╝llen, sonst quillt das Gef├Ąss ├╝ber. Wenn Sie an dem Punkt sind, m├╝ssen Sie den Deckel drauflegen und warten, bis sich alles setzt. Es hat keinen Sinn, dann noch mehr reinzustopfen.“

Wie recht er hat, und wie gut es tut, das in seinen Worten und mit diesem anschaulichen Bild zu h├Âren. Ich f├╝hle mich legitimiert, einfach nur aus dem Fenster zu starren und den Bl├Ąttern beim Fallen zuzusehen. Oder abends, wenn ich wieder was gefunden habe, was ich nicht weiss, nicht noch mal den Computer hochzufahren, sondern kurz in mein Notizbuch zu schreiben, was so dringend ist, und dann nachzuschauen, wenn ich eh dabei bin. Und einfach mal auf dem Sofa liegenzubleiben und in die Kerzen zu schauen. Und alles in Ruhe sich setzen lassen. Egal, ob ich noch vier oder vierzig Jahre lebe – wahrscheinlich hat man nie das Gef├╝hl, genug Zeit zu haben, also kann man gleich mal an einem entspannten Verh├Ąltnis dieser Tatsache gegen├╝ber arbeiten.