Ein Engelchen auf meinem Fl├╝gel

31. Januar, 201010:37 von


Ich komme t├Ąglich mit vielen Kindern in Ber├╝hrung: bei der Arbeit sehe ich meine Sch├╝ler und deren Geschwister, am Wochenende krabbeln oft genug die Kinder meiner Freundinnen oder meine Nichten und der Neffe auf mir herum. Ich dachte immer, dass Kinder etwas ganz Normales f├╝r mich sind – manchmal sind sie s├╝ss, manchmal unterhaltsam, manchmal gehen sie einem auf die Nerven. Manchmal staune ich ├╝ber sie, aber mehr in dem Sinn „ich h├Ątte nicht gedacht, dass das in ihrem Kopf herumgeistert.“ Gerade weil ich jede Woche so viele Kinder sehe, war ich nicht darauf gefasst, dass ich aus heiterem Himmel eine fast „mystische“ Begegnung mit so einem kleinen Wesen haben w├╝rde.

Letzten Donnerstag stapfte eine kleine f├╝nfj├Ąhrige Interessentin mit ihrer Mutter zu unserer Haust├╝r herein. Wie immer beim Erstgespr├Ąch gab es Tee und Kekse, und obwohl ich davor und danach unterrichte, versuche ich, mir so viel Zeit wie m├Âglich zu nehmen. Diese Kleine war sehr goldig und h├╝bsch, aber ich merkte nach wenigen Minuten, dass mich noch mehr an ihr fesselte, und zwar auf eine ganz seltsame, ungewohnte Art. Sie war einfach sie selber, ganz unverstellt und unverbildet, und sie schien sich v├Âllig wohl zu f├╝hlen in ihrer Haut und an diesem Ort. Obwohl sie mich noch nie gesehen hatte, begegnete sie mir mit viel Zutrauen und Offenheit und einer unverf├Ąlschten Freundlichkeit, wie man sie selten erlebt. Am Klavier war sie neugierig und konzentriert und bewegte ihre winzigen Fingerchen vorsichtig ├╝ber die schwarzen Zweiertasten – so┬áaufmerksam und liebevoll, wie ich es glaube ich noch nie erlebt habe. Es gibt wilde, alberne Kinder, die laut auf dem Klavier herumpatschen, und ich kenne sch├╝chterne, die vor lauter Angst ihre Bewegungen hemmen und kaum einen Klang herausbringen. Diese Kleine hat wie ein zartes Wesen aus einer anderen Welt die Tasten ber├╝hrt und mit ihrer Konzentration und Ernsthaftigkeit auch┬ámich in meinem Innersten ber├╝hrt. Ich bin selten so einer vollkommen in sich ruhenden Pers├Ânlichkeit begegnet, die sich einfach sicher ist, dass das, was sie grade tut, in dem Moment genau richtig ist. Und mir wurde ganz schwindlig, weil es sich┬ánicht um einen reifen, lebensweisen Menschen handelte, sondern so ein kleines Wesen, das noch gar nicht viel von der Welt gesehen hat. F├╝r mich vereinigte sie alles in sich, was erstrebenswert ist und worum wir uns so hart bem├╝hen m├╝ssen: Aufrichtigkeit, Gelassenheit, Selbstsicherheit, Freundlichkeit, Authentizit├Ąt.┬áWer kann von sich behaupten, so viele gute Eigenschaften zu haben? Doch fast nur ├╝berirdische Wesen!

Seit Tagen denke ich ├╝ber diese besondere Begegnung nach.┬áM├Âglicherweise hat┬ásie mich auch auf diese seltsame Art ber├╝hrt, weil sie der erste Mensch ist, den ich kennenlerne, der am gleichen Tag wie ich Geburtstag hat. Vielleicht hat sie mir deshalb vor Augen gef├╝hrt, in welchem paradiesischen Zustand, wirklich im Sinne von unschuldigen Zustand, ich auch einmal war. Ich erinnere mich gut an verschiedene Momente in dem Alter, in dem ich in irgendeiner belanglosen T├Ątigkeit v├Âllig aufging. Ich erinnere mich daran, wie gut es sich anf├╝hlt, etwas Sinnvolles zu tun, ohne auf die Uhr schauen zu m├╝ssen oder sich zu ├╝berlegen, was f├╝r eine Figur man dabei macht… Wann passiert es, dass man diese Unbefangenheit verliert? Ich f├╝rchte, sp├Ątestens mit Schuleintritt. Und was bin ich jetzt f├╝r ein anderer Mensch, der sich furchtbar viele Gedanken macht: darf ich das? Was denken die anderen? Sollte ich nicht doch lieber…? Aber bin das wirklich noch ich??┬á Dieses kleine M├Ądchen hat mir wieder vor Augen gef├╝hrt, wie wichtig es ist, in Verbindung zu seinem inneren Kind zu bleiben. Manchmal braucht es einen Stromstoss wie diesen, um uns ├╝berdeutlich klar┬ázu zeigen,┬áwer wir eigentlich mal waren, manchmal sind es Momente, in denen man selbstvergessen in sich aufgeht und wieder sp├╝rt, was einem wirklich wichtig ist. Egal, ob das M├Ądchen sich jetzt f├╝r Klavierstunden entscheidet oder nicht,┬á ich bin ihr dankbar, dass sie in mir eine neue T├╝r nach innen ge├Âffnet hat. Und dass sie mich derartig aufger├╝ttelt hat und mir auch wieder gezeigt hat, welch immense Verantwortung wir als Lehrer haben, wenn uns so zarte Kinderseelen anvertraut werden.