„Intervallwoche“

5. Dezember, 200917:30 von


Mit Helena mu├č ich Doppeldominanten schriftlich ├╝ben, Simon soll im Quintenzirkel fit werden, Eva braucht ein paar lange Extraminuten f├╝rs Notenlesen, Elisabeth schreibt wahrscheinlich eine Ex ├╝ber Intervalle und Julia m├Âchte wissen, wie man Weihnachtslieder selber begleitet. Das waren zum Beispiel diese Woche die kleinen Zugaben zu dem, was ich ohnehin in die regul├Ąre Unterrichtsstunde, sprich: dem tats├Ąchlichen Klavierspielen,┬áquetschen wollte. Wenn ich bedenke, da├č vieles im Gruppenunterricht stattfindet und die Zeit unendlich kostbar ist, mu├č ich mir gut ├╝berlegen, wie ich sicherstellen kann, da├č meine Sch├╝ler mit den Monaten und Jahren wirklich umfassend ausgebildet werden. Nat├╝rlich abgesehen davon, da├č sie eine┬ásichere Spieltechnik, eine entspannte Haltung, stilistische Sicherheit und Auftrittsroutine entwickeln sollen… ┬áMein oberstes Ziel ist es ja, als Lehrer lieber fr├╝her als sp├Ąter ├╝berfl├╝ssig zu werden. Ich will, da├č meine Sch├╝ler sich alle Fragen selber beantworten k├Ânnen, sei es in Theorie oder spieltechnisch. Und ich will, da├č sie nicht nur Klavier spielen k├Ânnen, sondern sich in Theorie und Musikgeschichte auskennen und vor allem Querverbindungen herstellen k├Ânnen und bei Bedarf auch das theoretische R├╝stzeug haben, um selber kreativ t├Ątig zu werden. Das hei├čt: ich m├Âchte in meinen Unterricht ┬áregelm├Ą├čige ├ťbungen einbauen┬áin

Geh├Ârbildung,

elementarer┬áMusiklehre wie Tonleitern, Intervalle, Dreikl├Ąnge, Kadenzen,

Rhythmus├╝bungen,

Blattspiel

Vierh├Ąndigspiel

Improvisation (heikles Thema – ich bin selber gar nicht fit darin und mache es nur mit Sch├╝lern, die sich dabei wohl f├╝hlen. Dabei k├Ânnen dann aber wundersch├Âne St├╝cke entstehen!)

Zus├Ątzlich zu den Anmerkungen, die ich mir zum tats├Ąchlichen Klavierspielen w├Ąhrend des Unterrichtens┬ábei den einzelnen Sch├╝lern aufschreibe, entsteht dazu noch eine wie verr├╝ckt hingekritzelte Liste ├Ąhnlich wie in der Einleitung, und bei im Moment 48 Sch├╝lern artet das fr├╝her oder sp├Ąter in Organisationschaos aus. Vor allem, was das Material betrifft┬á –┬áes gab Wochen, in denen ich meine komplette Karten- und W├╝rfelspielsammlung, Geh├Ârbildungs- und Musiklehreb├╝cher und CDs mitschleppte und mich irgendwann fragte, warum ich eigentlich meine halbe Bibliothek im Auto herumfahre. Ich hatte keine Zeit und Lust mehr, jeden Abend eine zus├Ątzliche B├╝chertasche heimzutragen und f├╝r den n├Ąchsten Tag neu zu organisieren. Und so kam mir die f├╝r so individuellen Unterricht, wie es der Klavierunterricht eigentlich ist, schockierende Idee: warum nicht alle ├╝ber einen Kamm scheren und wochenweise mit allen das Gleiche machen? Ich f├╝hre das erst seit diesem Schuljahr durch und kann schon jetzt sagen, da├č es eine gro├če Erleichterung ist. Ich trage nur noch einen Bruchteil der zus├Ątzlichen B├╝cher mit mir herum und kann mich dadurch auch mehr auf das┬áMotto der Woche konzentrieren. Und ich schaffe es, bei jedem zumindest kurz dieses Thema anzuschneiden. Manchmal unmerklich, indem wir ausgehend von einem St├╝ck kurz einen Sachverhalt wiederholen, manchmal mit ausgiebigen (= f├╝nfmin├╝tigen) ├ťbungen an der Tafel. Und egal, ob Erstkl├Ąssler oder Abiturient:┬áich baue f├╝r jeden kleine ├ťbungen auf seinem Wissensstand ein und habe das gute Gef├╝hl, im Lauf der Wochen alles durchzunehmen. Der Ehrlichkeit halber sei gesagt, da├č es nat├╝rlich nicht immer funktioniert… Eine Sch├╝lerin bereitete die musikalische Umrahmung f├╝r einen Vorlesenachmittag vor und ┬áein anderer brauchte unbedingt mehr Weihnachtslieder. Dann f├Ąllt das kleine Extra in der Woche eben flach. Ich hole es auch nicht nach (wegen Notizchaos), es geht dann einfach in der n├Ąchsten Woche weiter.

Ein anderer Parameter kommt ebenfalls oft zu kurz, und ich habe noch keinen Weg gefunden, damit besser umzugehen: der Wunsch, manche Werke auf CD anzuh├Âren und dar├╝ber zu diskutieren, vielleicht sogar einen kleinen Interpretationsvergleich durchzuf├╝hren, oder aus Kunstb├╝chern Bilder auszusuchen, die zum aktuellen St├╝ck passen, oder sogar mal einen Ausschnitt aus einer DVD anzuschauen… Solche Stunden w├Ąren so wichtig, sind aber normalerweise Luxus, den ich mir und den Sch├╝lern vielleicht in der Stunde vor den Sommerferien g├Ânne. Au├čer es tritt die an sich bedauernswerte Situation ein, da├č sich jemand den Arm gebrochen hat – die Kehrseite von Schmerzen und Unbequemlichkeiten ist, da├č wir wochenlang Zeit haben, uns auf andere Art mit Musik zu besch├Ąftigen. Und wenn ich ┬áMonate sp├Ąter h├Âre: „das ist doch┬áschneller als der russische Pianist, den wir angeh├Ârt haben“ oder „ich habe einen Film gesehen, in dem die Leute so angezogen waren wie in dem Schumann-Film“, dann bin ich gl├╝cklich und merke aber auch, da├č es eindrucksvoller ist, Lerninhalte dann und wann nicht auf dem altbekannten Weg vermittelt zu bekommen. Deshalb h├Ątte ich gern mehr Zeit f├╝r solche echten „Musikstunden“! Aber ich wei├č auch, da├č das, abgesehen von vielleicht zwei Stunden im Jahr,┬áein frommer Wunsch bleiben wird.

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Nachdem ich diese Woche mit Eva auf den Tasten und in ihrer Klavierschule die Namen der Noten wiederholt hatte, gab ich ihr meine Notenlernkarten und sagte ihr, sie solle damit ├╝ben, w├Ąhrend ihre Schwester mit mir spielte. Auf einmal sah ich aus dem Augenwinkel kein Kind mehr, nur noch winzige F├╝├čchen verkehrt herum auf dem Sofa: Eva lag auf dem R├╝cken unter dem Wohnzimmertisch aus Glas, auf dem sie die Karten ausgebreitet hatte.

Ich mu├č mich beherrschen, um nicht laut zu lachen: „Du kannst auch einfach die Karten umdrehen!“

Eva: “ Ich fand’s leichter, mich umzudrehen!“

So viel zu neuen Wegen der Wissensvermittlung – wir m├╝ssen unsere eingefahrenen erwachsenen Gehirne ganz sch├Ân entspannen und uns gedanklich ├Âfter auf den Kopf stellen, um auf Ideen zu kommen, die Kindern mehr als ein m├╝des L├Ącheln entlocken!